Herbert Liaunig im Gespräch über Kunst: 'Sammeln ist für mich eine Sucht'

Die aktuelle Schau zeigt österreichische Kunst von 1945 bis 1980. Der Unternehmer und Sammler Herbert Liaunig im Interview.

Sein Wochenendhaus ist seit 1988 das Schloss Neuhaus im Kärntner Lavanttal, das Architekt Günther Domenig adaptiert hat. In Sichtachse dazu hat sich der 64-jährige Großindustrielle und leidenschaftliche Kunstsammler Herbert Liaunig 2008 ein Museum gebaut, das halbjährlich geöffnet hat.

FORMAT: Wann war klar, dass ein Museum die ideale Lösung ist? Als Ihr Privathaushalt vor Kunst geplatzt ist?
Liaunig: Ich habe ab den 1990er-Jahren dank besseren Einkommens verstärkt gesammelt. Das war in der Tat nicht mehr unterbringbar bei mir zuhause. Damals habe ich begonnen, die Sachen in meine Firmen zu hängen. Ich hatte ja ein halbes Dutzend Industriebeteiligungen.

Man will ja seine Bilder sehen
Im Jahr 2000 habe ich begonnen, die Firmen zu verkaufen, einschließlich der Jenbach-Werke. Danach hatte ich zwei Lkws voll mit Bildern und wusste nicht, wohin damit. Zuerst habe ich sie im Schloss gelagert. Aber das ist kein Zustand für einen Sammler, man will ja seine Bilder sehen. Also dachte ich, ich muss was bauen. Nach Querelen mit Jörg Haider habe ich mich dazu entschieden, das ohne Unterstützung des Landes zu machen, weil antichambrieren wollte ich nicht. Der Vorteil ist, ich kann das Programm machen, das ich will, und muss keiner Quote hinterherjagen.

Öffentliche Hand übernimmt kaum Verantwortung
FORMAT: Übernehmen so nicht die Privaten zunehmend die Aufgaben der öffentlichen Hand?
Liaunig: Die öffentliche Hand ist doch heute großteils gar nicht mehr fähig, ihre Verantwortung wahrzunehmen. Das kostet zudem mindestens das Fünf- bis Zehnfache. Das Budget der Kärntner Landesgalerie ist zehnmal so hoch wie meines. Bei 16 Beschäftigten hat man 2.000 Besucher bei ganzjähriger Öffnung. Da kostet jeder Besucher die öffentliche Hand 1.000 Euro! Wir hatten voriges Jahr 8.400 Besucher, damit sind wir bei unseren Öffnungszeiten an den Grenzen der Kapazität.
FORMAT: Eben hat der Arzt Thomas Olbricht in Berlin sein neues Privatmuseum präsentiert, in Österreich hat Karlheinz Essl Maßstäbe gesetzt. Sehen Sie solche „Kollegen“ als Konkurrenz?
Liaunig: Nein, das sind tolle Leute. Obwohl mir Herr Essl vom Standort Neuhaus der geringen Frequenz wegen abgeraten hat. Damals habe ich ihm geantwortet: Ich will ja auch keinen Baumarkt eröffnen.“ Wenn ein Besucher die Mühe auf sich nimmt, hierherzufahren, hat er wirklich Interesse. Wir haben also sehr qualifiziertes Publikum.

Erster Kunstkauf war auf Raten
FORMAT: Erinnern Sie sich noch an das erste Bild, das Sie gekauft haben?
Liaunig: Mein erster bewusste Kunstkauf waren zwei Zeichnungen von Arnulf Rainer, à 1.200 Schilling, die ich in Monatsraten abgestottert habe.
FORMAT: Haben Sie dann die österreichische Kunstgeschichte bewusst enzyklopädisch gekauft?
Liaunig: Nachdem ich mich entschlossen habe, die Sammlung öffentlich zu machen, habe ich mich natürlich gefragt: Was zeige ich eigentlich? Also blieb ich bei österreichischer Nachkriegskunst. Ich habe 1965 zu sammeln begonnen und ab 2002 die Lücken der Sammlung aufgefüllt. Das Nachsammeln ist eine teure Angelegenheit! Die Sammlung erhebt aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit, ich lasse etwa die Phantasten aus, auch ein, zwei Künstler, die ich nicht mag, wie etwa Christian Ludwig Attersee.
FORMAT: Umso mehr schätzen Sie sichtlich die konkrete Kunst.
Liaunig: Die Österreicher haben immer eher ein Faible für das Barocke, Expressive. Wer immer versucht hat, hier konkret zu arbeiten, hat kaum reüssiert, ob Jorrit Tornquist oder Helga Philipp. Deren Arbeiten ¬entsprechen aber meinen bescheidenen didaktischen Zielen: Ich möchte gerne etwas zeigen, was man nicht überall sieht.

Seit Kindheitstagen besessen
FORMAT: Haben Sie schon als Kind so eine Sammelleidenschaft besessen?
Liaunig: Absolut. Mit zwölf Jahren hatte ich bereits eine sehr gute Briefmarkensammlung. Die habe ich zehn Jahre später mit Drago Prelog gegen Bilder getauscht, aber später natürlich wieder zurückgekauft.
FORMAT: Kann man das Sammeln irgendwann sein lassen und zufrieden sein?
Liaunig: Nein! Unmöglich! Ich sammle ja auch Bücher, Atlanten, Reisebeschreibungen. Ich habe eine Teppichsammlung und eine Glassammlung …
FORMAT: Kommen Sie denn überhaupt dazu, das alles zu genießen?
Liaunig: Nein. Es geht ja nur ums Haben, nicht ums Sein. Das ist eine Sucht, die ihr Recht fordert.

Interview: Michaela Knapp

Museum Liaunig:
Im Sommer 2008 wurde der 5.000 Quadratmeter umfassende Sichtbetonbau der Architektengruppe querkraft eröffnet und ist halbjährlich in Betrieb (Mai bis Oktober). Die neue Ausstellung widmet sich österreichischer Kunst von 1945 bis 1980 und wird am 1. Mai eröffnet. Das Museum ist nur im Rahmen von Führungen (Mi–So) zu besichtigen. Kinder unter 12 Jahren haben keinen Zutritt. www.museumliaunig.at

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