Heiteres in "Bad Fucking": In seinem neuen Krimi persifliert Kurt Palm Provinznester

Kurt Palms neues Buch „Bad Fucking“ ist eine heiter-böse Krimigroteske und Provinzposse, die ganz von der Übertreibung lebt. Dazu eine Auswahl weiterer neuer Österreich-Krimis und internationaler Mordsgeschichten.

Was soll man von einem Buch halten, das den eindeutig zweideutigen Titel „Bad Fucking“ trägt und dazu die Widmung „Für Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah“? Geht es darin womöglich um schlechten Sex im Wilden Westen? Weit gefehlt. Bei „Bad Fucking“ handelt es sich um einen Krimi, der in der österreichischen Provinz spielt, und zwar in einem entlegenen Örtchen ­namens – richtig! – Bad Fucking. Der, der sich das hat einfallen lassen, ist der Autor, Regisseur und Produzent Kurt Palm, 55, der damit nun auch noch als Krimiautor debütiert. „Ich habe in meinem Leben schon viel ausprobiert“, sagt Palm. Warum also nicht auch einen Krimi? Das Titel-Sprachspiel, so Palm, sei ja vielleicht ein bisschen infantil, aber gefallen tue ihm die Doppelbedeutung schon. Außerdem: „Ich bin in der Nähe von Mösendorf und Zipf aufgewachsen, und im Innviertel gibt es ja tatsächlich einen Ort, der Fucking heißt.“

Viel Heiteres aus der Politprovinz
Es gibt übrigens auch einen Ort namens Wankham. In Palms Buch fährt einer auf dem Weg nach Bad Fucking dort an einer Plakatwand vorbei, auf der ein Wankhamer Hallenfest, bei dem die „Zillertaler Haderlumpen“ auftreten, mit dem Plakatspruch beworben wird: „I wank ham, wankst mit?“ Ein wunderbar blöder Spruch und ein wunderbar blöder Name für eine Volksmusiktruppe. Mit solchen kleinen, ungemein erheiternden Sidesteps ist Palms Buch vollgestopft. Und man merkt schon: Hier geht’s um Übertreibungen, um die Überzeichnung des Krimigenres und aller vorkommenden Personen, Milieus und Schauplätze in Richtung einer „Provinzpolitkrimigroteske“. Kein Wunder, dass das Buch Hadschi Halef Omar … gewidmet ist: Erstens ist Kurt Palm ein Mann mit liebevoll kultivierten Leidenschaften, zu denen neben dem Angeln und dem Fotografieren toter Tiere auch seine Karl-May-Liebe gehört, und zweitens ist auch Hadschi einer, so Palm, der „mit seinen Geschichten maßlos übertreibt“, was man ja bereits am „elendslangen Namen“ erkennen könne.

Palm frönt der Vielseitigkeit
Palm, Oberösterreicher aus Vöcklabruck mit einem Doktorat in Germanistik, wurde einem breiteren Publikum in den 1990er-Jahren als Produzent der „Nette Leit Show“ mit Hermes Phettberg im ORF bekannt. Er schreibt seine „Palmsamstags“-Kolumne im „Standard“, macht Filme, inszeniert Theaterstücke, Opern und Operetten und hat eine ganze Reihe Bücher ­geschrieben, die den Bogen von Themen wie Fußball bis zu Stifter, Joyce, Mozart, Kafka und Brecht spannen. Letztere könnte man als Palms Säulenheilige bezeichnen. Sie tauchen vor allem auch als Gourmets oder Gourmands in seinen Büchern und in seinen mit Musik garnierten Kochtheaterabenden auf: „Suppe Taube Spargel sehr sehr gut. Essen und trinken mit Adalbert Stifter“ oder „Der Wolfgang ist fett und wohlauf. Essen und trinken mit Wolfgang Amadé Mozart“ lauten zwei seiner Buchtitel. Palm: „Ich habe mit den Kochtheaterabenden begonnen, als dieser Koch/Literatur-Boom noch gar nicht existierte. Mir hat es getaugt, über Kafka, Joyce, Stifter oder Brecht zu schwadronieren und gleichzeitig etwas zu kochen, was mit deren Leben oder Literatur zu tun hat.“

Hinter den sieben Bergen
Doch zurück nach „Bad Fucking“. Auch hier schwadroniert Palm. Erzählt von einem kleinen Örtchen, das seit einem Felssturz am Talschluss endgültig hinter den sieben Bergen liegt. Hier gehen die Uhren streckenweise deutlich nach. Der Bürgermeis­ter Aloy­sius Hintersteiner hat das Gemeindevermögen ebenso wie sein eigenes Geld einem Finanzhai in den Rachen geworfen und verspekuliert und hofft nun auf den Bau eines Asylantenheims in Bad Fucking. An dieser Stelle hat auch die österreichische Innenministerin namens Maria Sperr ihren Auftritt: Ihr Plan ist es, die Ausschreibung so hinzutrimmen, dass ihre eigene Baufirma den Zuschlag für den Bau des Heims am Fuckinger Höllensee erhält. Palm: „Ich habe die ursprüngliche Debatte um Asylantenheime zum Anlass genommen, der Innenministerin einen Auftritt in Bad Fucking zu ermöglichen.“ Es wird ein trauriger Auftritt – noch dazu in unfreiwilliger Verkleidung als tsche­tschenische Asylwerberin.

Hysterische Teenies, tote Bankrotteure
Doch damit nicht genug: Im Hotel des Bürgermeisters steigt eine Cheerleader-Mannschaft, die „Vienna Honeybees“, ab, deren supersexy Mitglieder angesichts des Umstands, dass es in Bad Fucking weder Handyempfang noch Internet gibt, einen kollektiven hysterischen Anfall erleiden („Bam, Oida, jetzt bin ich gefickt!“). Der Bankrotteur Vitus Schallmoser wird tot in seiner Wohnhöhle im Wald aufgefunden. Philipp Hintersteiner, der ungeschickte, pickelige Bürgermeistersohn, versucht mit Fotos von penisförmigen Pilzen das Herz der Fotoladenbesitzerin Veronika zu er­obern. Dr. Ulrich hingegen fotografiert den entblößten ­Unterleib seiner Putzfrau auf seinem Zahnarztstuhl. Gendarm Julius Wellisch – ja, in Bad Fucking gibt es noch eine Gendarmerie! – interessiert sich für nichts als fürs Fischen und im Speziellen für Aale. Sein Verein „Rettet die Aale“ soll allfällige Bauvorhaben am Höllensee verhindern.

Sterben im Stundentakt
Dann schürzt sich der Knoten, und die Ereignisse überstürzen sich: Palm lässt die Leute im Stundentakt sterben, Innenministerin Sperr wird entführt und per Zungenschnitt zum Schweigen gebracht, eine tschetschenisch-rumänisch-arabische Terroristen-Kombo tritt ebenso auf wie eine schöne tschechische Meisterdiebin oder ein afroamerikanischer Quarterback, es wird erpresst und bedroht, es gibt Unfälle, Verschwundene, späte Geständnisse, Abschiedsbriefe, verlorene Söhne, unmoralische Angebote, Racheakte, Familiendramen und heiße Liebesgeschichten. Dazu braut sich auch noch ein nie da ge­wesener tropischer Gewittersturm über Mitteleuropa zusammen, und Millionen Aale nähern sich dem Höllensee. Zu viel auf einmal? Durchaus nicht. Palm hat eine äußerst beschwingte Krimisatire und Provinzposse geschrieben, bei der quasi durch die Blume auch noch alle möglichen Leute ihr Fett abkriegen: Ausländerfeinde und Rassisten, korrupte Politiker und hysterische Teenager, Finanzhaie und Erwin Pröll („Prölliade“ in Radlbrunn). Dass es dabei ordentlich wuselt, darf nicht wundern. Und wie heißt es so richtig in dem Sinowatz-Zitat, das dem Buch vorangestellt ist: „Es ist alles sehr kompliziert."

TIPP: Am 25. März, ab 19.00 bei Thalia in Wien – Lesung & Buchpräsentation – Eintritt frei!
(1060 Wien, Mariahilfer Straße 99)

Julia Kospach

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