Haruki Murakami: Der japanische Kult-Autor im Porträt

Haruki Murakami: Der japanische Kult-Autor im Porträt

Der Japaner Haruki Murakami schreibt surreale Romane über die Entfremdung des Menschen in einer unübersichtlichen, chaotischen Welt. Annäherung an einen Weltstar.

Haruki Murakami steht gerne sehr früh auf. Er schwimmt und läuft viel. Er liebt Baseball, Jazz und Dostojewski. Er isst wenig Fleisch und fährt Porsche. Er gibt selten Interviews, schon gar nicht fürs Fernsehen, damit er auch weiterhin unerkannt auf der Straße gehen kann. Er ist verheiratet, hat jahrelang in Europa und den USA gelebt. Sehr viel mehr ist über sein Privatleben nicht bekannt. Zum Schreiben kam der 64-jährige Japaner, der schon seit Jahren als heißer Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt wird, eines sonnigen Nachmittages im April, während er sich ein Baseballspiel ansah.

Die Einsicht, Schriftsteller werden zu wollen, kam so plötzlich, als habe ihn ein Blitz getroffen. Das war vor 35 Jahren. Seither ist er mit großem Abstand zum weltweit erfolgreichsten und bekanntesten Schriftsteller Japans avanciert. Seine Bücher haben sich viele Millionen Male verkauft, sind in dutzende Sprachen übersetzt, verfilmt und heftig diskutiert worden. Er selbst aber, sagt Murakami, führe nach wie vor ein "sehr gewöhnliches, normales Leben“.

Ganz anders hält er es in seinen Büchern: Wie ein zielsicher und leichtfüßig voranschreitender Schlafwandler hält er sie in einer magischen Balance, die irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Wachheit und Schlaf angesiedelt ist. Als wäre es das Normalste auf der Welt, treten seine Figuren - über Stadtautobahn-Notausgänge oder 16. Stockwerke von Hotels - in Parallelwelten ein, in denen andere Gesetze herrschen. Meist sind sie auf der Suche nach etwas, manchmal ist es ein entlaufenes Haustier, manchmal eine verlorene Liebe. Oft sind sie einsame Großstadtflaneure und immer wieder scheint es ihnen - wie Murakamis Held Hajime in seinem Roman "Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ - "als führte ich das Leben eines anderen an einem Ort, der für diesen anderen geschaffen war“.

Sprengstoff Literatur

Das Handwerk des Erzählens hat Murakami von Vonnegut und Chandler gelernt, von Tschechow und Dostojewski. Er gilt als "amerikanischster“ aller japanischen Autoren. Nicht umsonst übersetzt er seit langem amerikanische Autoren ins Japanische. Tatsächlich aber sind seine Geschichten nicht westlich - wie man ihm umgekehrt in Japan immer wieder vorgeworfen hat - sondern universell. Sein Ton ist nüchtern und schnörkellos.

Der deutsche Kritiker Hellmuth Karasek nannte Murakamis "Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ einen "Kriminalroman ohne Kriminalhandlung“. Karasek äußerte diese Einschätzung im Juni 2000 in der legendär gewordenen 67. Folge des ebenfalls legendären "Literarischen Quartetts“. In der Literatur-Talkshow des ZDF rund um Karasek, Marcel Reich-Ranicki und Sigrid Löffler gerieten Löffler und Reich-Ranicki in so heftigen Streit, dass darüber in der Folge das ganze Sendungsformat implodierte.

Stein des Anstoßes: Die Liebes- und Sexszenen in Murakamis Roman, der damals noch "Gefährliche Geliebte“ hieß und nun in drei Wochen - neu und direkt aus dem Japanischen übersetzt - unter dem Titel "Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ erneut aufgelegt wird. Löffler nannte das Buch "bestenfalls literarisches Fastfood“ und sprach von "kunstlosem Gestammel“. Reich-Ranicki ließ sich daraufhin zu untergriffigen, persönlichen Attacken auf Löffler hinreißen. Ein Skandal war geboren und Murakami hatte, zumindest im deutschsprachigen Raum, den Ruf, der Autor vor allem erotischer, ja fast pornographischer Literatur zu sein.

Mehr als Sex

Das war und ist natürlich eine extreme Verkürzung. Tatsächlich ist Sex für Murakami ein wichtiger Schlüssel zu jenen verborgenen Innenwelten, an deren Beschreibung er Interesse hat. Das Angenehme daran: Sexualität ist bei ihm kein verschwitzt, verschämt und metaphernreich umzingeltes Gebiet, sondern ein Vorgang, der frei ist von Schuld und Verlegenheit. Das wirklich große Thema von Murakamis Büchern ist die Entfremdung des modernen Menschen in einer zunehmend unübersichtlichen, chaotischen Welt. Murakami kreiert surreale Bilderwelten, die das riesige Möglichkeitsspektrum der Realität fassbar machen sollen. Man könnte sagen, Murakami lesen, ist wie in wachem Zustand träumen. Solange man sich innerhalb dieses Systems aufhält, ist - wie in Träumen - alles schlüssig. In ihre Parallel- und Unterwelten steigen die Figuren seiner Romane hinab wie in die dunkelsten Winkel ihrer Seele, dorthin, wo geheime Wünsche und Sehnsüchte, alternativen Lebensentwürfe, Träume, Erinnerungen und Ängste liegen.

In "Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ begegnet sein Held Hajime in seinen Dreißigern seiner Kindheitsliebe wieder, die ihn sein ganzes Leben lang in Gedanken begleitet hat. Sie besucht ihn in seiner Jazzbar. Ein Detail, das Hajime mit Murakami gemeinsam hat, der in jungen Jahren ebenfalls Jazzbar-Betreiber war. Er verliebt sich aufs Neue, doch die alte, neue Liebe bleibt mysteriös und unfassbar. Worum es geht: Um die Entscheidung für ein Leben, zu dem es viele Alternativen gegeben hätte. Das kann auch ein durchaus unheimlicher Vorgang sein.

Im Kontrast zu dieser Atmosphäre steht die Erzähl-Kulisse des modernen Großstadt-Japans. Für den Westen noch immer fern genug, hört Japan bei Murakami auf, exotisch zu sein. Es rückt näher, wird vertrauter und alltäglicher. Auch das ist eine seiner großen Leistungen.

Leben

Vinyl-Boom bringt Kult-Plattenspieler zurück

Kultur & Style

ePaper Download: Das Ranking der 500 wichtigsten Künstler Österreichs

Kultur & Style

★ David Bowie: Starman, Waiting in the Sky★