Hartmann: "Auch Wien wird wohl etwas aus mir machen, das ich nicht steuern kann"

2006 wurde Matthias Hartmann zum neuen „Burg“-Chef bestellt. Nun tritt der 46-jährige Deutsche am Nationaltheater tatsächlich an. Mit lustvoller Energie, starken Sprüchen und dem ganzen „Faust“.

FORMAT: Die Zürcher Medien sind auch zum Abschied mit Ihnen hart ins Gericht gegangen, in Wien gab es schon nach der ersten Pressekonferenz Vorschusslorbeeren – wie fühlen Sie sich vor dem offiziellen Startschuss als „Burg“-Chef?
Hartmann: Im Moment habe ich Angst. Das ist Teil meiner Grundbefindlichkeit im Leben. Und auch ein Motor. Ich habe Angst, dass die Premiere immer näher kommt. Und da man nie fertig ist, bleibt die Frage: Wo bin ich am 4. September um 17 Uhr mit der Inszenierung? Wie unfertig ist das Ganze dann? Ich beneide jeden Maler, der die Leinwand übermalen, und jeden Schriftsteller, der auf die Delete-Taste drücken kann.

"Faust II ist ja eigentlich nicht zu schaffen"
FORMAT: Sie haben sich die Latte mit „Faust I & II“ bewusst hoch gelegt. Warum?
Hartmann: Vielleicht zu wenig gute Freunde, die mich davon abgehalten haben (lacht) . Eine Hybris!? „Faust II“ ist ja eigentlich nicht zu schaffen. Dagegen ist das, was man heute Fantasy nennt, ein Kindermärchen. Dass Goethe hier noch einmal die schöne Helena auftreten lässt und Spartaner sich mit Goten prügeln, ist beknackt! Andererseits werden hochmoderne Themen verhandelt: der Scheinwert von Papiergeld, die Erschaffung künstlichen Lebens.
FORMAT: Sie haben Ihren Faust schon vorab nicht als den klassischen Bildungsbürger, sondern als ein überbordendes Monster, das alles will, skizziert.
Hartmann: Tobias Moretti ist ein kluger, feinsinniger Mann, der diese Bilder füllen und veranschaulichen kann. Er hat eine große Poesie bei gleichzeitiger Durchschlagskraft, das hat mich gereizt. Es gibt sicher Schauspieler, die den Fokus stärker auf die intellektuelle Seite der Figur richten würden, aber das ist nur ein Aspekt. Faust ist hinter Gretchen her, das muss man spielen können.
FORMAT: Mit den beiden Hauptdarstellern Tobias Moretti und Gert Voss treffen zwei unterschiedliche Schauspielsysteme aufeinander …
Hartmann: Unterschiedlicher geht es nicht – aber es wächst von beiden Seiten zusammen. Moretti wird ja auch von der Kamera so geliebt, weil er dünnhäutig ist und viel von seiner Persönlichkeit zeigt, Voss wendet alle Möglichkeiten großer theatralischer Kunst an.

"Mut überzeugt mich an einem Schauspieler"
FORMAT: Und wie arbeitet der Regisseur Hartmann?
Hartmann: Sehr prozesshaft. Wir haben das Bühnenbild bei den Proben komplett geändert. Mephisto bringt eine Kiste mit, die Welt als Trickkiste. Wir entwickeln und entwickeln – oft ist es ja viel schöner, nur darüber nachzudenken, wie es sein könnte. In Teil zwei arbeite ich mit Kameras, die wie Augen die Dinge miteinander in Verbindung bringen. Ich benutze Videos nicht als Kulisse, sondern als Akteure.
FORMAT: Sie haben den Großteil des Ensembles übernommen, bringen aber auch neue Protagonisten mit. Was reizt Sie an einem Schauspieler, wer passt zu Ihnen?
Hartmann: Ich bewundere meine Frau, dass sie zu mir passt, denn ich bin ein schwieriger Mensch. Aber alle Künstler sind komplizierte Leute, sonst würden sie den Beruf nicht ausüben. Ich werde jedenfalls Schauspieler nicht mehr überreden, etwas zu spielen. Die können auch mal mich überzeugen …
FORMAT: Was überzeugt Sie?
Hartmann: Mut. Ich brauche nicht immer den technisch perfekt versierten Schauspieler. Wichtig ist, dass er ein Charakter ist, Leidenschaft hat und: offen ist. Wenn sich Schauspieler hinter ihren mietbaren Repertoiregesichtern verstecken, ist das meistens eine sehr langweilige Veranstaltung.

"Starkes Bedürfnis, mir Images zu geben"
FORMAT: Von Zürich her eilen Ihnen jede Menge Klischees voraus: schöne Frauen, schnelle Autos, starke Sprüche, Villa am See, man schrieb vom arroganten Deutschen, der wohl auch in Wien im Schloss wohnen wird – Sie bieten sichtlich eine gute Projektionsfläche.
Hartmann: Man muss vorausschicken: In der Schweiz gibt es eine grundsätzliche Missgunst der Menschen gegenüber Künstlern, die öffentliches Geld erhalten. Okay: Ich fahre einen Porsche, der ist alt, aber nicht alt genug, um einen Wert zu haben. Ich bin aber auch leidenschaftlicher Fahrradfahrer. Das Bedürfnis, mir Images zu geben, ist sichtlich sehr stark. Ich habe immer direkt und klar gesagt, was ich denke. In Bochum wurde ich dafür total umarmt, in Zürich war das Gegenteil der Fall, ich war immer der Gleiche. Auch Wien wird etwas aus mir machen, das ich wahrscheinlich nicht steuern kann.

"Schlechtes Theater ist das Unerträglichste der Welt"
FORMAT: Sie haben bereits Statements zu manchen Hetzkampagnen der FPÖ abgegeben, zum Rechtspopulismus in Österreich und zur Macht der „Kronen Zeitung“. Auch Peymann hat sich in die Kulturpolitik eingemischt, Bachler hat sich eher still verhalten … Wofür muss ein Burgtheaterdirektor stehen?
Hartmann: Die Frage, in welcher Weise Theater gesellschaftspolitisch Stellung beziehen kann und soll, gehört grundsätzlich überprüft. Ich mache sicher keine Pressekonferenz, um die Situation in Nordkorea oder einen Bombenanschlag zu verurteilen – der Generation gehöre ich nicht mehr an. Ich sehe meine Aufgabe anders: Die Impulse, die Theater jenseits von inhaltlichen geben kann, verändern Menschen in der Möglichkeit, Dinge aufzunehmen. Unsere Sinn-Membrane sind vielfach abgestumpft, gehören revitalisiert und stimuliert. Das kann Theater im besten Falle.
FORMAT: Auch bei Ihnen persönlich?
Hartmann: Ich gehe nicht so gerne ins Theater. Welcher Berufsfischer geht privat angeln? Schlechtes Theater ist das Unerträglichste auf der Welt. Sehe ich aber etwas Gutes, dringt das so in mich ein, dass ich die Hoffnung habe, ein anderer Mensch zu werden. Die Needcompany etwa ist für mich so eine Initiation.

"Das Burgtheater ist gut gemachtes Stadttheater"
FORMAT: Jan Lauwers wird mit seiner Truppe als Artist in Residence am Burgtheater arbeiten. Wie hat man sich die grenzüberschreitende Arbeitsweise der Needcompany im streng gewerkschaftsgeregelten Ablauf des Hauses vorzustellen?
Hartmann: Das wird spannend. Ich konnte ja auch Alvis Hermanis überzeugen, mit dem Ensemble am Haus zu arbeiten, und das Nature Theatre of Oklahoma, bei Regisseuren wie Robert Lepage oder Simon McBurney ist mir das leider nicht gelungen. Die bestehen auf ihr eigenes Ensemble. Ich kann aber das Burgtheater nicht zu einem Gastspielhaus machen.
FORMAT: Welche Position soll das Haus einnehmen?
Hartmann: Das Burgtheater ist ein Solitär, weil es sich leisten kann, international die besten Schauspieler und Regisseure zu versammeln. Es gibt beachtliche Qualität, aber ich möchte auch neue Impulse setzen, die das Theater vorantreiben. Das Burgtheater muss sich noch mehr öffnen und formalästhetisch noch mehr entwickeln. Es muss ein sehr modernes, großes Theater werden. Ich habe hier bisher kein europäisches Nationaltheater gesehen, sondern sehr gut gemachtes Stadttheater. Ich möchte ein Theater für Wien machen, das international wahrgenommen wird. Stefan Pucher, Stephan Kimmig, Stefan Bachmann werden fest am Haus arbeiten. Es geht darum, Neues zu suchen und Dinge zu probieren, die auch scheitern dürfen. Wir sind eine Brutstätte für modernes, interessantes Theater.

"Anspruch tröstet nicht über halb leeren Saal hinweg"
FORMAT: Sie selbst sind schon in jungen Jahren gefeiert worden, mittlerweile wechselt das Feuilleton seine Regie-Lieblinge sehr schnell, man hat aber zunehmend das Gefühl, nur mehr die Epigonen der Epigonen zu sehen.
Hartmann: Shakespeare oder Molière waren obsessive Theatermacher, die sich mit dem Publikum identifiziert haben. Wenn man mir das Burgtheater wegnehmen würde, würde ich auch in einer Garage weitermachen, weil das nun mal mein Leben ist. Aber man muss das Publikum antizipieren lassen. Dass man ein anspruchsvoller Künstler ist, tröstet doch nicht über einen halb leeren Saal hinweg. Es gibt kein Proportionalverhältnis von Unverstandensein und Anspruch. Das ist ein Missverständnis des deutschsprachigen Raums, dass alles, was sinnlich oder romantisch ist, nicht auch intelligent sein kann. Wie arbeiten denn ein John Cleese oder ein Woody Allen? Die meisten jungen Regisseure schärfen heute bloß ihre Konturen und sind ausschließlich darum bemüht, Image und Marktwert zu erobern. Das hat mit der Sehnsucht nach Theater nichts zu tun.

"Lust auf mehr Körperlichkeit am Theater"
FORMAT: Was hat Sie angetrieben, mit einem Premieren-Stakkato anzutreten?
Hartmann: Ich möchte mich in der ganzen Unterschiedlichkeit meiner Arbeit präsentieren. Ich spüre aber auch, dass ein Aufbruch zu etwas Neuem angesagt ist. Ich habe Lust, wieder mehr Körperlichkeit am Theater einzubringen. Ich tanze ja selber wahnsinnig gerne, trotz meiner 1,93 Meter.
FORMAT: Standard oder lateinamerikanisch?
Hartmann: Freestyle, nur mit dem Handtuch um die Hüfte, nach dem Frühstück. Ich hoffe, ich komme mit diesen Tanzkenntnissen durch den Opernball.

Interview: Michaela Knapp

Zur Person:
Matthias Hartmann, 46. Der in Osnabrück geborene Regisseur begann seine Laufbahn am Schillertheater Berlin und war bereits 1990 künstlerischer Leiter am Staatstheater Hannover. Für seine straighte Art wurde der Antidiplomat als Intendant in Bochum (2000-’05) hymnisch gefeiert, in Zürich (2005-’09) heftig kritisiert. Mit der Saison ’09/10 tritt der Vater dreier Kinder nun die Burgtheaterdirektion an. Nach seinem Leitsatz „In der Überforderung sind stets meine besten Arbeiten entstanden“ inszeniert er neben „Faust“ auch die Eröffnungspremiere der Staatsoper, „Lady Macbeth“, 23. 10.

Die Premieren:
„Faust I & II“:
 Der „Burg“-Chef inszeniert Goethes Monumentalwerk mit Tobias Moretti & Gert Voss. Burgtheater, Prem.: 4. 9., 17 Uhr. ORF-Liveeinstieg um 22.30 Uhr.
„Der goldene Drache“:  Autor Roland Schimmelpfennig bringt seine skurrilen Szenen aus einem Asia-Imbiss selbst zur Uraufführung. Akademietheater, 5. 9., 19 Uhr.
„Adam Geist“:  David Bösch bringt Dea Lohers Adoleszenzkrisenanalyse bildstark zur Aufführung. Akademietheater, 6. 9., 19 Uhr.
„Life and times“:  Die US-Avantgardetruppe Nature Theatre of Oklahoma arbeitet mit dem „Burg“-Ensemble. Kasino, 7. 9., 20 Uhr. 
„Needlapb“:  Jan Lauwers & die Needcompany geben Einblick in ihre Arbeitsweise. Akademietheater, 8. 9., 20 Uhr.
„Struwwelpeter“:  Stefan Pucher lässt Birgit Minichmayr rocken. Burgtheater, 9. 9., 19.30 Uhr.
„Immanuel Kant“ (Burgtheater, 19. 9., 19.30 Uhr) und „Amphitryon“ (Akademietheater, 27. 9., 19 Uhr) sind zwei starbestückte (Michael Maertens, Sunnyi Melles) Hartmann-Regiearbeiten aus Zürich.

Leben

Vinyl-Boom bringt Kult-Plattenspieler zurück

Kultur & Style

ePaper Download: Das Ranking der 500 wichtigsten Künstler Österreichs

Kultur & Style

★ David Bowie: Starman, Waiting in the Sky★