Grüß Gott, Herr Direktor!

Grüß Gott, Herr Direktor!

FORMAT: Die Wiener Kulturszene ist klein. Alle sind entweder vernetzt, verfeindet oder wissen zumindest gut übereinander Bescheid. Wie würden Sie Ihr Rollenprofil in der Szene definieren? Abseits Ihrer Aussage "Ich bin ein Clown, der im Verborgenen weint …“.

Matthias Hartmann: Ich bin leidlich vernetzt, gering verfeindet und mit einigen befreundet. Wie definieren Sie jetzt mein Profil? Die Wahrheit ist, ich komme nicht so viel raus. Ich verbringe mein Leben vor allem auf der Probebühne. Das ist der Kosmos, aus dem heraus ich versuche, die Welt zu begreifen. Mein Erkenntnisaggregat für die Wirklichkeit.

Die Probebühne als Therapiezimmer?

Hartmann: Jedenfalls meine Art und Weise, das Leben auszuhalten. Ich finde Arbeiten nicht unbedingt angenehm und oft wahnsinnig anstrengend. Gleichwohl arbeite ich unheimlich gerne. Darin steckt eine gewisse Schizophrenie. Wenn man mir sagen würde, mach einfach nichts, wäre das für mein Leben fatal. Es würde mir so gehen, wie es statistisch all den Menschen geht, die im Lotto gewinnen und auf der Stelle depressiv werden. Lieber suche ich mir wieder und wieder neue Inhalte, die mich herausfordern, von denen ich eigentlich nichts verstehe. Ich schaffe mir absichtlich Hürden. Auch aus der Angst heraus, zu einem dieser von mir bewunderten Regisseure zu werden, die, wenn sie älter, immer schlechter wurden. Ich kann nicht einsehen, warum Älterwerden in meinem Beruf Schlechterwerden bedeutet und was das für eine kausale Verknüpfung hat. Ich habe viel darüber nachgedacht und festgestellt, dass ich selber schon alt war, als ich noch jung war. Weil ich so verwöhnt wurde von Förderern wie Peymann oder Baumbauer, die mir immer gesagt haben: Du kannst doch eh alles, mach doch, was du willst. So eine luxuriöse Haltung dem Theater gegenüber ist fatal. Dem arbeite ich entgegen.

Sind Sie also der, der sich aus dem Fenster lehnt?

Hartmann: Wenn Sie das so bezeichnen möchten, als Regisseur, als Künstler ja. An die Rolle des Burgtheaterdirektors, zu dem man in den Restaurants dieser Stadt sagt: "Grüß Gott, Herr Direktor“, werde ich mich nie gewöhnen. So wie es mir fehlen wird, wenn es dann weg sein wird.

Fühlen Sie sich angenommen und verstanden?

Hartmann: Es geht ja nicht um mich, sondern um das Burgtheater. Und dem Burgtheater geht es gut. Es wird differenziert betrachtet. Dazu erscheint das Feuilleton in Österreich viel zu heterogen, als dass es sich eingemeinden lässt in klischierte Haltungen. Man überprüft hier seine Haltungen, und das finde ich gut. Qualität ist ein wichtiger Maßstab und nicht die Meinung der anderen.

Im Vergleich zu Ihren Vorgängern wird von den Medien auch sanft mit Ihnen umgegangen.

Hartmann: Ich benutze das Feuilleton nicht wie etwa mein Vor-Vorgänger Claus Peymann, um zu polarisieren. Das galt als probate Methode in den 60er-Jahren: sich auf die richtige Seite zu stellen, indem man auf die Bösen zeigte, die die Reaktionären zu sein schienen. Auf die zu zeigen ist die einfachste Methode, um all die anderen, die den Gesinnungskonvent suchen, hinter sich zu scharen. Das Feuilleton eignete sich da sehr gut als Vehikel. Ich mache das aber nicht. Ich komme aus einem sehr system- und ideologiekritischen Haushalt. Diese Methode ist doch im Prinzip nur verstecktes Marketing.

Wie entscheiden Sie als öffentliche Person, wie Sie abseits Ihrer Funktion als Burgchef "öffentlich“ agieren - etwa jüngst für Erwin Wurms aktuelle Albertina-Ausstellung nackt zu "modeln“?

Hartmann: Erwin Wurm ist mir seit vielen Jahren bekannt, weil er im Prinzip Theater macht - als Bildhauer. Das sind immer eingefrorene Spielsituationen. Etwas schadenfreudig beobachtet er Menschen in aussichtslosen Situationen. Das hat mich als Theatermann immer interessiert. Ich halte ihn für einen großen Künstler, teile seinen Humor und seinen Zynismus. Als er mich aber gebeten hat, mich nackt von ihm fotografieren zu lassen, war das erst mal ein Schock. Und ich habe das Ansinnen wochenlang nicht beantwortet. Dann habe ich aus Eitelkeit noch mal nachgefragt und war schon mittendrin. Ich finde die Bilder von mir nicht schön, aber es sind gute Kunstwerke.

Mit der Silvester-Premiere von Thomas Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige“ haben Sie den Österreich-Schwerpunkt im Spielplan erweitert. Aus welchen Beweggründen? Und: Wie kann man dem Begriff Österreich heute nahekommen?

Hartmann: Gestartet haben wir schon im Herbst mit Raimund und Hofmannsthal. Die Beweggründe kommen vor allem aus einem Schweiz-Trauma. Dass man dieselbe Kultur hat, ist ein Missverständnis. Ich empfinde die Schweizer Kultur als genauso weit entfernt wie die asiatische. Nun will ich das an Österreich überprüfen, und mein Werkzeug ist die Literatur. Es ist wie eine Expedition in einen Kosmos, um mehr zu erfahren über den Standort, an dem wir sind. Elfriede Jelinek ist da ein ganz typisches österreichisches Phänomen. Ihre Kaskadierung von Sprache etwa, das ist fast eine Nationalmelodie. Ich habe mich noch nicht darum bemüht, das ganze Phänomen in einem Kontext beschreibbar zu machen, sonst würde man wieder nur mit Klischees operieren. Die Unterschiede haben etwas mit Ambivalenz zu tun und mit dem morbiden Spiel, auf dessen Humus das Theater hier sehr gut gedeiht, eine Form von Hassliebe zum eigenen Land, die bei Jelinek und Thomas Bernhard auf die Spitze getrieben wird.

Warum haben Sie sich dazu entschlossen, die Jelinek’sche Textfläche "Schatten (Eurydike sagt)“ selbst zu inszenieren?

Hartmann: Das zwingt mir einen neugierigen Blick ab, aber es ist nicht so, dass einem der Text gleich zufliegt und man denkt: Wow, spannend, wie geht es denn nun weiter?- Genau das reizt mich. Die Frage: Wie inszeniert man so einen Monolog?

Und, wie geht’s?

Hartmann: Jelinek steht auf eine entwaffnende Weise für die Widersprüchlichkeit der Seele. Ich habe die Unternehmung vollzogen, einen Monolog in ein Kaleidoskop sieben verschiedener Figuren aufzuteilen, so gerät eine Person mit ihren verschiedenen inneren Stimmen in Widerspruch. Jelineks Eurydike ist eine Nachfolgerin von Jackie, Lady Di oder Schneewittchen aus ihren "Prinzessinnendramen“, und der Orpheus ist ein Popstar, eingebettet zwischen Freddie Mercury, Justin Bieber und Keith Richards. Die musikalische Ebene ist für mich als Regisseur natürlich entscheidend als Kontrast zur Sprachgewalt der Autorin.

Wovon lassen Sie sich dabei inspirieren?

Hartmann: Es gibt Texte von Styx’ "Boat On The River“ oder "Out of the Dark“ von Falco bis zu "Herz aus Glas“ von der Münchener Freiheit. Die possessive Art und Weise, wie in diesen Schlagertexten mit Frauen umgegangen wird, ist überraschend.

Welche Form gibt man heute der Unterwelt?

Hartmann: Ähnlich der Aufteilung der Figuren gibt es dort Kompartimente. Das sind neun Quadrate, in denen simultan unterschiedliche Bereiche thematisiert werden. Der Begeisterung und Lust von Elfriede Jelinek an der Mode wird da genauso Rechnung getragen wie dem Hass auf die Landschaft.

Sind Sie in Kontakt mit der Autorin?

Hartmann: Die Male, in denen ich sie getroffen habe, waren sehr konziliant. Sie ist sehr aufgeschlossen und freundlich. Sie hat uns freie Hand gegeben. Wir sind per E-Mail in Kontakt, sie gibt mir Anregungen, ich berichte von den Proben.

Was muss Theater heute können?

Hartmann: Alles! Nichts, was es nicht können darf! Theater ist, alles zuzumuten und alles zuzutrauen. Was es nicht darf, ist, sich ein-nischen zu lassen, um eine medial gut verdichtbare Formel zu generieren. Dem geht man in Hamburg und Berlin schnell auf den Leim: Dort versuchen sich alle voneinander abzugrenzen, einer macht bürgerliches Drama, einer wuchtige Avantgarde. Das interessiert mich überhaupt nicht. Man darf sich nicht in komische Konkurrenzkämpfe begeben. Wenn sich einer auf der Bühne auf einem Bein hinstellt und nur das Telefonbuch vorliest, und er kann das, dann ist es gut. Ich lass mir nie erzählen, wie Theater zu gehen hat. Es muss einfach gut sein! Das gelingt nun mal nicht immer. Aber man versucht es.

Sie sind als Burgtheaterdirektor ein beneideter Mann, weil Sie einem hoch subventionierten Haus vorstehen.

Hartmann: Ich möchte mich der Jammerei, die in Wien in homöopathischen Dosen stattfindet, nicht anschließen. Das ist kontraproduktiv. In Wahrheit hat dieses Theater 35 Prozent seines Budgets in den letzten 15 Jahren eingespart. Man muss aber die Frage stellen: Was ist der kulturpolitische Auftrag, und was will man von diesem Haus?

Wo liegt Ihr Anspruch?

Hartmann: Mein Selbstverständnis ist, dass ich die Menschen verführe, mit mir die kompliziertesten Wege mitzugehen. Zuschauer müssen sich gemeint fühlen. Ich mache ja Theater mit und für die Menschen im Zuschauerraum - und die sind sehr belastbar.

Was hat Sie selbst auf einer Bühne abseits der Burg in jüngster Zeit begeistert?

Hartmann: Ich schaue mir sehr wenig an. Welcher Fischer geht privat angeln? Ich habe aber "Schmutzige Hände“ von Jette Steckel in Berlin gesehen, und ich habe, der Gerechtigkeit halber, mal nachgesehen, was mein Kollege Martin Kusej in München macht: "Hedda Gabler“ fand ich sehr schön. Natürlich hat auch die Needcompany mein Theaterverständnis noch mal neu figuriert. Deswegen habe ich mich sehr um die Truppe bemüht, die nun wie ein Virus unser Theater infiziert. Da sind weitere Projekte geplant, weil ich den Schulterschluss mit der Avantgardetruppe aus Brüssel für eine wesentliche Stoßrichtung unseres Hauses halte.

Im Februar werden die "Staatskünstler“ im Staatstheater gastieren …

Hartmann: Das ist fein und richtig. Der von mir angebetetste lebende Kabarettist ist Josef Hader. Das ist für mich der Gott. Von einer Schärfe, Eindringlichkeit und Tiefe, die es im ganzen deutschsprachigen Kulturraum nicht gibt. Ein großer Schauspieler. Er liefert Analysen und setzt sich mit den Zuständen der Gesellschaft und der österreichischen Identität auseinander.

Wie würden Sie den österreichischen Schmäh definieren?

Hartmann: Es gibt hochgradig viel Dekadenz. In Bayern gibt es das Granteln, in Berlin das Lästern, hier gibt es den Zusammenbruch der höfischen Kultur, der immer noch spürbar ist. Dieses K.-u.-k.-Reich, das da zusammengebrochen ist, hat ganz viel winselnde, buckelnde Vasallen hinterlassen.

Wie weit geht Ihr Humor bei Schmähs auf eigene Kosten?

Hartmann: Wer das nicht erträgt, darf sich nicht mit dem Kabarett einlassen. Aber ich kann mich schon auch ärgern.

Zur Person: Matthias Hartmann wurde 1963 in Osnabrück geboren. Nach Intendanzen in Bochum und Zürich leitet er seit 2009 das Wiener Burgtheater (bis 2019). Bei den Salzburger Festspielen wird er heuer "Lumpazivagabundus“ mit Nicholas Ofczarek inszenieren. Der dreifache Vater ist mit Regisseurin Alexandra Liedtke verheiratet.

Akademietheater: "Schatten (Eurydike sagt)“
Prem.: Do., 17. 1., 19.30 Uhr

Elfriede Jelinek erzählt den Mythos von Orpheus und Eurydike neu. Eurydike ist eine Nachfolgerin von Lady Di, die im Schattenreich ihre Kleider mehr vermisst als ihren narzisstischen Sängergatten. Burgchef Matthias Hartmann splittet die Eurydike auf sieben Darstellerinnen (u. a. Katharina Lorenz, Christiane von Poelnitz) auf und setzt auf üppige Performance mit starken Kostümen, Perücken und einer sprechenden Jelinek-Puppe von Nikolaus Habjan.

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