Großeinsatz für Peter Stein: Der Regisseur über 'Dämonen' und 'Ödipus auf Kolonos'

Peter Stein ist derzeit im Großeinsatz, die Wiener Festwochen zeigen seine zwölfstündigen „Dämonen“, bei den Salzburger Festspielen inszeniert er „Ödipus auf Kolonos“. Im Interview erklärt er, warum es grauenvoll ist, wenn Regisseure Einfälle haben.

Geht nicht, gibt’s nicht bei Peter Stein. Er sei hartnäckig, betont er im Interview. Und erzählt, dass die Europatournee seines zwölfstündigen „Dämonen“-Projekts, das nun auch bei den Wiener Festwochen Station macht, unterfinanziert sei und er viel privat Erspartes reingesteckt hat. Aber, so Stein: „Wenn jemand sagt, etwas ist unmöglich, gilt für mich: Dann erst recht!“ Nach diesem Grundsatz hat der deutsche Regisseur nicht nur 15 Jahre die Berliner Schaubühne geleitet, so hat er auch immer Theater gemacht und Theatergeschichte geschrieben. Dass er die Wichtigtuerei der Regisseure am zeitgenössischen Theater dämlich findet, daraus macht er kein Hehl.

Marathoninszenierungen

Er setzt seine eigenen Projekte dagegen. Als Regisseur wie Hauptfinanzier von Marathoninszenierungen wie „Faust“, „Wallenstein“ oder eben „Die Dämonen“, die er ursprünglich als großes Theaterfest auf seinem italienischen Landgut San Pancrazio in Umbrien konzipiert hat, wo er und seine Gattin, die italienische Schauspielerin und Ex-Buhlschaft Maddalena Crippa, die Gäste auch selbst bewirtet haben. Das Landgut, wo sich der 72-Jährige auch mit großer Leidenschaft der Olivenernte widmet, hat er allerdings schon länger nicht zu Gesicht bekommen. Denn der Regietitan steckt bereits in den Leseproben zum nächsten Bühnenprojekt, „Ödipus auf Kolonos“. Die Inszenierung mit Klaus ­Maria Brandauer in der Titelrolle hat bei den Salzburger Festspielen Premiere.

FORMAT: Nach einem Neun-Stunden-Abend von Lepage, nach acht Stunden von Krystian Lupa steht nun Ihre zwölfstündige Fassung der „Dämonen“ auf dem Festwochenprogramm. Für Luc Bondy eine überfällige Notwendigkeit, dass am Theater wieder ausführlich Geschichten erzählt werden. Wie stehen Sie dazu?

Stein: Mich interessieren solche Überlegungen nicht. Ich wollte einfach den Roman von Dostojewski mit theatralischen Mitteln nacherzählen, der hat nun mal 950 Seiten. Das geht nur, wenn man sich keine zeitlichen Beschränkungen auferlegt. 8 Stunden 40 Minuten ist pure Spielzeit, der Rest sind Pausen, damit sich die Zuschauer wohl fühlen. Ich habe ja so etwas schon 1980 gemacht mit der „Orestie“. Und als das Theater erfunden wurde, hatten Aufführungen grundsätzlich Tageslänge.

FORMAT: Sie haben „Die Dämonen“ aber ursprünglich in Ihrem Landhaus in Umbrien gezeigt, wo Sie die Gäste auch selber bewirtet haben, das erzeugt ein anderes Gemeinschaftsgefühl als die Halle E.

Stein: Wir haben den Marathon auch schon in Mailand in einer Industriehalle gespielt. Und es hat funktioniert, 20 Minuten Standing Ovations! An anderen Orten werden wir Räume adaptieren, die für meine Arbeit passen. Die Halle E ist jetzt nicht so toll, gibt uns aber die 16 mal 16 Meter, die wir brauchen. Klar hätte ich lieber eine Halle gehabt, in der ich Tageslicht hätte.

FORMAT: Verstehen Sie die Angst des Publikums vor solchen Marathons? Viele schlafen in der Vorstellung ein.

Stein: Dass man gelegentlich schläft, ist doch eine Frage des Biorhythmus. Dann schläft man sich halt in die Aufführung hinein. Das stört mich gar nicht. Es geht doch darum, was die Leute am Ende empfinden. Und solche Reaktionen wie bei den „Dämonen“ habe ich noch nie erlebt, dass Menschen sich mit Tränen in den Augen für das Erlebnis bedanken.

FORMAT: Was hat Sie an dem „Dämonen“-Projekt so fasziniert?

Stein: Die Begegnung mit dem Roman selber, ich hatte ihn vorher noch nie gelesen. Das war an- und aufregend. Mich interessiert die Mischung aus Unterhaltungskomödie und visionärem Blick in die Zukunft.

FORMAT: Sie gehen mit dem zeitgenössischen Theater sehr hart ins Gericht…

Stein: Die Regisseure haben ständig Einfälle. Grauenvoll! Da hat ein Autor etwas fürs Theater geschrieben und will das in einer bestimmten Art und Weise aufgeführt sehen. Das sollte man als Regisseur zur Kenntnis nehmen und in die Tat umsetzen. Alles andere ist selbständiges Autorenwesen.

FORMAT: Ist Interpretation aber bei manchen zeitgenössischen Stücken nicht gefragt?

Stein: Ich mache ja gelegentlich auch zeitgenössische Stücke, eben erst „Black Bird“ von David Harrower in London. Bei der Stück-wahl spielen natürlich eigene Präferenzen eine große Rolle. Bei Klassikern sieht das anders aus, die haben sich ja schon über Jahrhunderte bewährt. Da muss man nichts mehr auf Aktualität überprüfen. Klassiker verlangen grundsätzlich eine ernsthaftere Beschäftigung, als wenn man zeitgenössisches Theater im Zusammenhang mit den eigenen Obsessionen verfolgt.

FORMAT: Sie sind bei den Festwochen auch mit Ihrer „Lulu“-Operninszenierung präsent.

Stein: Ich habe allerdings mit der Wiederaufnahme der Lyoner Aufführung, wie sie jetzt nach Wien kommt, nichts mehr zu tun. Da ist der Dirigent ausgetauscht worden. Aber die Inszenierung ist meine.

FORMAT: Sie blicken ja neben der Theater- auch auf eine 24-jährige Opernkarriere zurück. Was reizt Sie an Operninszenierungen?

Stein: Man macht das in erster Linie wegen der Musik. Und ich höre gerne Musik und bin gerne mit Musikern zusammen. Die haben auch eine größere Disziplin in ihrer Verhaltensweise. Die würden niemals auf die Idee kommen, dass man Mozart mit Saxofon spielt, die Geigerinnen alle nackt sind oder das Orchester mit Blut beschmiert wird. Die bestehen darauf, dass man das ausführt, was in der Partitur steht. Das finde ich einen sympathischen Zugang.

FORMAT: Ihre nächste Premiere findet bei den Salzburger Festspielen statt. Nach dem „Zerbrochnen Krug“ und „Wallenstein“ heißt Ihr Hauptdarsteller erneut Klaus Maria Brandauer. Hat sich da ein Traumpaar gefunden? Tauscht man auch Eitelkeiten aus?

Stein: Natürlich bin ich eitel, so wie jeder und er auch. Aber wir tauschen das nicht aus. Jeder geht da auf seine Weise vor. Ich suche seit 30 Jahren einen Schauspieler, der Ödipus spielen kann. Wenn Brandauer stirbt, stirbt auch diese Art, Theater zu machen, aus. Das entspricht auch dem Vorgang auf der Bühne. Ödipus ist zwar von den Göttern fürchterlich gequält, aber auch in intensiver Beziehung mit ihnen. –

Aber ob wir ein Traumpaar sind? Mir sind solche Ausdrücke der Medien ja widerlich. Ich lese seit vielen Jahren weder Kritiken noch sonst irgendwelches Zeug, was über Theater geschrieben wird.

FORMAT: Nach Ihrer Zeit als Schauspielchef sind Sie nun zum ersten Mal wieder in Salzburg.

Stein: Nach 13 Jahren darf ich wieder mal in Salzburg inszenieren, noch dazu in dem Theater, das ich selber gebaut habe! Auf der Perner-Insel. In Salzburg zu arbeiten ist ein Vergnügen, weil da hoch motivierte und hoch qualifizierte Leute sind. Aber so große Nostalgie empfinde ich auch wieder nicht.

Ich wollte ursprünglich mit „Ödipus“ in die Felsensreitschule, aber das wollte Flimm nicht.

FORMAT: Kann einen Stein denn gar nichts rühren?

Stein: Natürlich, wenn die Leute beglückt nach meiner Vorstellung rausgehen, rührt mich das schon. Mich interessiert nur nicht die sogenannte veröffentlichte Meinung. Theater machen ist eine Lotterie, man weiß nie, was dabei rauskommt. Ob die eigene Kreativität reicht, das Verständnis für das Original tief genug ist und man eine Atmosphäre schafft, die die Menschen fesselt. Denn darum dreht es sich ja.

Man muss die Menschen im Theater emotional bewegen: Das ist aber derzeit verpönt. Als Norm gilt: Es muss immer Quatsch gemacht und der Spaßgesellschaft in den Arsch gekrochen werden. Das gefällt mir nicht. Aber das muss man verstehen, ich bin dafür einfach zu alt.

FORMAT: Auf Ihrem Plan stehen „Boris Godunow“ an der Met, „Die Nase“ in Zürich – wie steht es um den „Macbeth“ mit Muti 2011 in Salzburg?

Stein: Das wird sich im August entscheiden. Nach einem Jahr, in dem ich jeden Tag bis zu 15 Stunden probiere, sehne ich mich danach, einfach nichts zu machen.

FORMAT: Wie sieht das aus?
Stein: Ich lege mich einfach auf den Rücken, egal ob am Wasser oder im Wald.

Interivew: Michaela Knapp

Peter-Stein-Arbeiten:
Die Dämonen: Steins 12-stündige Dostojewski-Dramatisierung (im Bild). MQ, Halle, ab 3. 6., 11 Uhr

Lulu: Die Opern-Übernahme aus Lyon ist in Wien unter dem Dirigat von Daniele Gatti zu sehen. Theater an der Wien, 11. 6., 19 Uhr

Ödipus auf Kolonos: Peter Stein liefert selbst die Übersetzung zu Sophokles’ letztem Werk, das bei den Salzburger Festspielen mit Klaus Maria Brandauer in der Titelrolle zu erleben ist. Perner-Insel, Hallein,
Premiere: 26. 7.

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