Frischzellenkur: Die Pop-Göttinnen der Achtziger erleben ein glanzvolles Comeback

Tina Turner, Grace Jones und Cyndi Lauper feiern ein Comeback fast ohne Nostalgie: Mit ihrer unverwechselbaren Identität behaupten sich die Sängerinnen als Ikonen der Popkultur.

Sie versuchte erst gar nicht, sich an herrschende Trends anzupassen: Als Grace Jones vergangenen Juni in der Londoner Royal Festival Hall Songs ihres neuen Albums „Hurricane“ live präsentierte, blickte die 60-Jährige wie die Kommandantin eines Raumschiffs durch eine verspiegelte Folien-Sonnenbrille, trug schwarze Netzstrümpfe, riesige Hüte und einen seltsamen Umhang, halb Indianerkopfschmuck, halb Madonnenschleier. Vor ein paar Jahren mag ihre Performance noch als Retro-Discoshow belächelt worden sein, doch nun steht Grace Jones wieder außer Zweifel: Ihre Musik, geschliffen von Szenegrößen wie den Reggae-Veteranen Sly & Robbie und dem TripHop-Guru Tricky, klingt zeitgemäß, und ihr Look wirkt erfrischend. Im Unterschied zu vielen zeitgenössischen Popsängerinnen kann man der Diva nicht vorwerfen, dass sie keine Ecken und Kanten hätte.

Role-Models im Pop-Feminismus
Grace Jones’ Comeback fällt in eine Zeit, in der der Pop-Feminismus an Kontur verloren hat. Seit den 90er-Jahren wurden klassische Role-Models zu einer Vielfalt von Stil­entwürfen pulverisiert. Während Britney Spears sich als wandelnde Bankrotterklärung eines fortschrittlichen Frauenbilds im Pop profilierte, bot ihre einstige Rivalin Christina Aguilera mit Porno-Zitaten, Bondage-Ästhetik und bedingungslosem Bauchfrei-Look ein zwiespältiges Rollenmodell an: Was für die einen nach Anbiederung an Männerfantasien aussah, wurde von den anderen als Selbstbestimmung gedeutet. Shakira – die Frau mit dem Hüftschwung – folgte einem ähnlichen Rezept, Gwen Stefani und P!nk verkörperten noch ein Restmaß an Frechheit, doch erschöpften sich oft darin, Vorbilder zu zitieren.

Hedonismus-Vorreiterinnen
Cyndi Lauper war eines davon: Die New Yorkerin hatte Mitte der 1980er die Vorlage für ein unbekümmertes, hedonistisches Lebensmodell geschaffen, Hits wie „Girls Just Wanna Have Fun“, „She Bop“ und „All Through The Night“ legten Scharen von Fans nahe, sich einfach zu nehmen, was man möchte, ohne Rücksicht auf das, was die Gesellschaft von ihnen erwartete. Zur gleichen Zeit wie Lauper hatte auch Tina Turner ihre ersten großen Hits als Solokünstlerin: Mit ihrer Vorgeschichte als erfolgreiche Soul-Sängerin, die unter den Brutalitäten ihres Ehemanns Ike Turner litt, verkörperte sie einen ebenfalls hedonis­tischen, aber zugleich duldsam-beharrlichen Typ. Beide Frauen nehmen nun die Fäden ihrer Karriere wieder in die Hand: Turner kommt am 7. und 8. Februar in die Wiener Stadthalle, Lauper stellt ihr neues Solo-Album bereits am 30. Oktober live im Wiener Gasometer vor.

Chamäleonpflicht für Frauen
Gerade Lauper und Jones mussten nach ihrer Glanzzeit in den 80er-Jahren Karriere­tiefs hinnehmen, weil sie ihren Stil nicht an neue Gegebenheiten anpassen konnten. Selbst die glamourösesten Stars bekommen im Pop-Business eine tiefe Geschlechter-Ungerechtigkeit zu spüren: Männer-Bands wachsen zu „Rock-Dinosauriern“ heran, und niemand würde auf die Idee kommen, einem Bruce Springsteen oder einem Mick Jagger einen Garderoben- und Imagewechsel zu verordnen. Bei den Frauen ist es nur den Chamäleons vergönnt, im Reptilienzoo des Pop alt zu werden – die ständige Neuerfindung, wie Madonna sie vorlebt, erscheint als einzig probate Strategie gegen den Jugendwahn. Als Alternative blieben höchstens jene Lifting-Behandlungen, mit denen Cher oder Diana Ross dem Gebot der glatten Haut nachzukommen versuchten.

Kein Botox-Rock
Die Beharrlichkeit, mit der Grace Jones, Cyndi Lauper und Tina Turner nun an ihren Images festhalten, lässt sich somit auch als Absage an den Jugendkult verstehen. Alle drei wissen, wofür sie stehen, und haben Anbiederung nicht nötig. Turner hatte mit ihren Evergreens („Simply The Best“, „River Deep, Mountain High“) immer schon Anspruch auf Zeitlosigkeit, Lauper und Jones haben zumindest mit ihren aktuellen Tonträgern die feine Linie zwischen Zeitgeist und Markenbewusstsein gut getroffen. „Ich weiß, dass ich nahe an der Grenze zur Karikatur stehe, ich hätte auch nichts dagegen, wenn es einen Cartoon-Charakter von mir gäbe“, erklärte Jones unlängst in einem Interview. „Aber wenn ich diesen Cartoon-Charakter nicht unter Kontrolle habe, nervt mich das. Wenn Leute glauben, sie haben mich durchschaut, versuche ich, diese Idee zu unterlaufen.“

Von Michael Huber

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