Franzen seziert in seinem neuen Roman das US-Konzept der individuellen Freiheit

In seinem neuen, großen Gesellschaftsroman „Freiheit“ seziert der US-Starautor Jonathan Franzen das amerikanische Konzept der individuellen Freiheit.

Kaum neun Jahre ist es her, da nannte „Newsweek“ Jonathan Franzen einen „aufgeblasenen Schnösel“, der „Boston Globe“ hieß ihn einen „Ego-verblendeten Snob“, und in der Zeitschrift „New York“ beschimpfte ihn ein Anonymus kurz und bündig als „Motherfucker“. Wie sich doch die Zeiten ändern! In der letzten Augustwoche des heurigen Jahres zierte Jonathan Franzen, inzwischen 51, das Cover von „Time“, eine rare Auszeichnung, die davor nur einer handverlesenen Zahl der ganz Großen und Berühmten zuteilgeworden war: John Updike, Joseph Conrad, William Faulkner und Vladimir Nabokov. Die dazugehörige Schlagzeile lautete „Great American Novelist“, als wäre es gelungen – wie die „Welt“ ironisch anmerkte –, „irgendwo in Australiens Weiten doch noch einen Beutelwolf“ zu entdecken. Mehr mediale Adelung geht nicht, auch wenn das Cover-Foto mehr als merkwürdig ist: ein hinter einem dunklen Brillenrahmen starr nach rechts unten blickender Franzen, schlecht rasiert, mit braver Collegebuben-Frisur und hochgeschlossenem Hemd. Franzen ist bis heute in öffentlicher Selbstdarstellung in dem Maß befangen, in dem er souverän über riesige Romanvolumen, fein ziselierte Charakterdarstellungen und große gesellschaftsrelevante Figurenkonstellatio­nen gebietet.

Die Aklage: Intellektuelle Arroganz

Im Herbst 2001 lautete die Anklage gegen ihn auf intellektuelle Arroganz. Er hatte die übermächtige US-Talkshow-Queen Oprah Winfrey vor den Kopf gestoßen. Diese hatte seinen Roman „Die Korrekturen“ als Empfehlung für ihren Buchklub erwählt und Franzen in ihr Studio geladen. Sofort beklebte Franzens Verlag die Exemplare seines Romans mit dem Adelszeichen der US-Literatur, dem goldenen „Oprah’s Book Club“-Sticker. Von einem Tag auf den anderen kletterte das Buch an die Spitze der US-Bestsellerlisten, die Kritiker überschlugen sich vor Begeisterung. Der Shootingstar selbst gab sich spröd: „Ich bin ein unabhängiger Schriftsteller, und ich möchte dieses Logo nicht auf meinem Buch haben.“ Winfrey reagierte pikiert, teilte mit, dass Franzen auf sie „gestört“ wirke – und lud ihn wieder aus. „Die Korrekturen“ verkauften sich weltweit über 2,8 Millionen Mal. Franzen fand, man habe seine Zitate aus dem Zusammenhang gerissen, doch es war zu spät. Der Medienprügel war aus dem Sack, und Winfrey hat Franzen bis heute nicht ganz vergeben und trotz des riesigen Hypes im Vorfeld des Erscheinens seinen neuen Roman „Freiheit“ nicht auf die Lis­te ihrer Buchempfehlungen für September gestellt. Franzen braucht das nicht zu kratzen. Er hatte nur folgerichtig gehandelt. Schon 1996 hatte er in einem viel beachteten medien- und sozialkritischen Essay in „Harper’s Magazine“ sein „Gefühl einer kulturellen Krise“ artikuliert, den schrumpfenden „Einfluss von Romanen auf den kulturellen Mainstream“ beklagt und die Gründe dafür in der „banalen Vorherrschaft des Fernsehens“ und der „elektronischen Fragmentierung des öffentlichen Diskurses“ geortet.
„Wo findet man die Energie, in eine Kulturkrise einzugreifen, wenn die Kulturkrise in der Unmöglichkeit des Eingreifens besteht?“, fragte Franzen damals voller Zweifel und versucht es seither trotzdem, das Unmögliche – nämlich den großen, umfassenden Gesellschaftsroman. Oder wie „Time“ es formuliert: „In ‚Freiheit‘ geht es nicht um eine Subkultur, sondern um die Kultur. Es ist kein Mikrokosmos, es ist ein Kosmos.“

Kultur und Zeitphänomene

Hatte er sich für „Die Korrekturen“ noch Anleihen bei seiner eigenen Familiengeschichte genommen, entwickelte er die Figuren für „Freiheit“ ganz aus sich selbst. Eine elende Schufterei sei das gewesen, gab er zu Protokoll, die ihn neun Jahre gekostet habe, bis daraus der große – auf Deutsch übersetzte 700 Seiten lange – Roman „Freiheit“ werden konnte. In dessen Zentrum die Familie Berglund, die Eltern Walter und Patty, deren Kinder Joey und Jessica und Walters bester Freund aus Studententagen, Richard Katz, ein Rockmusiker, der im Lauf des Buchs zu spätem Ruhm gelangt. Über mehr als zwanzig Jahre, bis in die Gegenwart, spannt sich die Geschichte. Raffiniert wechselt Franzen die Erzählperspektiven, schraubt sich dabei immer tiefer hinein in die Psyche seiner Figuren.

Franzen beharrt auf der Möglichkeit, dass Literatur sich in gültiger Weise gesellschaftskritisch äußern kann. In „Freiheit“ verbindet er – wie auch schon in „Die Korrekturen“ – das Private mit dem Sozialen und behandelt entlang der individuellen Schicksale der Berglunds aus dem amerikanischen Mittelwesten auch Kultur- und Zeitphänomene: Umweltschutz und -zerstörung, Ausbeutung von Ressourcen, schichtspezifische Vorurteile, Konkurrenzdenken, Politik-Lobbying, Kriegsgewinnlertum nach dem Irakkrieg, Internetkommunikationsstrategien, Depressionen und den Zerfall der Familie.

Nicht weniger als das Heiligtum der amerikanischen Kultur steht auf dem Prüfstand: die individuelle Freiheit. Und ohne Übertreibung könnte man sagen, dass Franzen sie schlachtet. Zumindest seziert, auf Tragfähigkeit untersucht, entlarvt und bloßlegt. Wie immer tut er das niemals anhand von Behauptungen, sondern anhand einer Gruppe durchs Leben strauchelnder Menschen, stellt mehr Fragen, als beantwortet werden können, und verwandelt dabei alle simplen Schwarz-weiß-Kontraste in eine endlose Abstufung von Grauschattierungen.
Seine virtuosen Dialoge geben dem Buch den Drive. Langsam schält sich das Big Picture aus Tausenden Details. Franzens Figuren, so „Time“, „haben keine Zauberkräfte und leben nicht in der Zukunft“, sein neuer Roman tut etwas ganz anderes: „In ‚Freiheit‘ zeigt uns Franzen, wie wir heute leben.“

– Julia Kospach

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