Frankfurter Buchmesse:
Schwerpunkt Island

Mit dem Schwerpunktland Island erwartet die Frankfurter Buchmesse den interessantesten Gstauftritt seit langem. Die raue Insel im Nordatlantik, die gerade erst einen Staatsbankrott überstanden hat, präsentiert sich als Nation von Büchernarren, Geschichtenerzählern und Stehaufmännchen.

Ein Banker stürzt über eine Steilklippe in den Tod, eine Frau wird von einem Schuldeneintreiber zu Tode geprügelt. So sieht es aus, das Ausgangsszenario in Arnaldur Indriðasons neuem Krimi, der den bezeichnenden Titel „Abgründe“ trägt. In diesem Buch von Islands auch international erfolgreichstem Krimiautor, Jahrgang 1961, dreht sich alles ums Geld, um clevere Finanzhaie und schwindelerregende Geschäftemacherei. Klar, dass es noch vor der großen isländischen Finanzkrise des Jahres 2008 spielt, die die drei wichtigsten Banken des Landes in den Ruin riss und Tausende Anleger im In- und Ausland gleich mit. Wenn man so will: ein Krimi-Plot als Metapher für den bevorstehenden Absturz.

Leider keine Finanzwikinger

Angesichts der Staatspleite im Oktober 2008 sprach der damalige Premier Geir Haarde die pathetischen Worte „Gott rette Island“. Einer, dem spätestens da klar wurde, dass „der Mist so richtig am Dampfen war“, und der sich fühlte, „als ob ich dreisten Nigeria-Betrügern auf den Leim gegangen wäre“, war Guðmundur Óskarsson.

Der junge Schriftsteller, im Brotberuf bis heute Mitarbeiter einer Bank, begegnete der Krise auf seine Weise und schrieb den Bestseller „Bankster“. Gemeint ist damit eine Mischung aus Banker und Gangster. Mit den Bankstern seines Romans porträtierte Óskarsson jene Phase der isländischen Gesellschaft in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends, in denen alles möglich schien, der Champagner-Konsum in Reykjavík sich vervielfachte und die Autos immer dicker wurden. Die Party schien kein Ende zu nehmen. Bis die Blase platzte und die neue Elite zu Fall kam, die – so Óskarsson – geglaubt hatte, „dass das Land eine Superspezies von Finanzwikingern hervorgebracht hatte. Das war ein Fehler.“

Das Island, das sich nun als Gastland der Frankfurter Buchmesse präsentiert, ist ein geläutertes, gebeuteltes Land. Nichtsdestotrotz – vielleicht sogar ein bisschen deswegen – freut man sich branchenintern schon im Vorfeld auf den interessantesten Buchmessen-Schwerpunkt seit dem Ungarn-Auftritt des Jahres 1999. Die Isländer haben viel zu erzählen, wissen ihrerseits eine gute Geschichte zu schätzen und sind vor allem ein Volk von Büchernarren.

Ein kleiner Blick in die Statistik: Die nur 320.000 Isländer halten mühelos 50 Verlage mit über 1.500 Neuerscheinungen jährlich am Leben, kaufen pro Bürger durchschnittlich acht Bücher im Jahr (bei uns sind es ein bis zwei), und zu fast jedem Haushalt gehört eine gut sortierte Privatbibliothek. Da verwundert es nicht, dass sich der grummlige Held vieler Indriðason-Krimis, Inspektor Sveinsson, seine einsamen Abende mit der Lektüre isländischer Sagas versüßt. Deren Helden gehören zum kollektiven Bewusstsein der Isländer. Dass sie tatsächlich existiert haben, bezweifelt auf der rauen Insel im Nordatlantik kaum jemand.

Dieser Tage erscheint bei S. Fischer eine Neuübersetzung ins Deutsche: „Die Isländersagas“ auf 4.000 Seiten in vier Bänden plus Kommentarband. Eine schweißtreibende, viel gelobte übersetzerische Großtat, die zweifellos nur durch den Gastland-Auftritt möglich wurde.

Woher kommt die Literaturbegeisterung der Isländer und der leidenschaftliche Bezug dieser hypermodernen, hoch technologisierten Gesellschaft zu ihrem mittelalterlichen Sagengut? „In Island gibt es keine romanischen Kirchen, keine Burgen, keiner der Urahnen aus dem 15. Jahrhundert hatte das Geld, sich in Öl malen zu lassen. Es sind einzig und allein diese mittelalterlichen Handschriften, die den Isländern etwas über ihre Vergangenheit erzählen“, glaubt Kristof Magnusson, deutscher Schriftsteller und Übersetzer mit isländischem Vater.

Pop, Aluminium, Fisch – und Literatur. Das sind die Exportgüter Islands. Letztere wird anlässlich der Buchmesse mit über 200 Buchtiteln zugänglich. Das Spektrum ist weit: urbane Liebesgeschichten, ausladende Naturstudien, skurrile Lebenserzählungen und empörte Plädoyers gegen den Ausverkauf der isländischen Natur an ausländische Rohstoffkonzerne, spannungsgeladene Krimis, Partyjugend-Romane oder Gedichtbände.

Da schreibt der preisgekrönte Autor Sjón, der im Zweitberuf als Musiker für Björk-Liedtexte verantwortlich zeichnet, in „Das Gleißen der Nacht“ ein dunkles Historien-Panorama über Island im 17. Jahrhundert. Und der politisch engagierte Einar Már Guðmundsson, von dem die Polemik „Wie man ein Land in den Abgrund führt“ stammt, legt die autobiografische Alkoholiker-Chronik „Vorübergehend nicht erreichbar“ vor. Mit der Risikofreude und Selbsterholungskraft einer Nation, die stets am Rande von Vulkanausbrüchen und inmitten grandioser, unwirtlicher Naturszenarien existiert hat, bietet Island für all das genügend Spielraum.

Oder wie Kristof Magnusson über die Gemeinsamkeit vieler Werke der isländischen Literatur sagt: „Sie sind von Sonderlingen bevölkert, von männlichen und weiblichen Eigenbrötlern und Unabhängigkeitsfanatikern, die oft einen ziemlichen Inselkoller haben.“ Gut so.

– Julia Kospach

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