Frankfurter Buchmesse: Die reizvollen Seiten der türkischen Gegenwartsliteratur

Auf der Frankfurter Buchmesse will sich die Literaturszene der Türkei in aller Vielfalt präsentieren, Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk ist das Aushängeschild. Doch tiefe ideologische Konflikte im Land machen ein unverzerrtes Bild fast unmöglich.

In seinem neuen Roman „Das Museum der Unschuld“ (Hanser) mischt sich Orhan Pamuk (siehe Bild) unter die Gäste der opulenten Verlobungsfeier seines Protagonisten Kemal. Man schreibt das Jahr 1975, und die versammelten Menschen gehören zur schicken Elite Istanbuls: Sie trinken Raki, fahren schnelle Autos, haben Freundinnen, unter denen es als fortschrittlich gilt, vor der Ehe mit Männern zu schlafen. Der Charakter namens Orhan Pamuk tanzt auf der Feier mit Füsun, der entfernten Verwandten Kemals, mit der dieser eine leidenschaftliche Beziehung unterhält. Füsun selbst ist arm und gibt sich alle Mühe, dem Korsett der Tradition zu entkommen – durch sexuelle Offenheit und eine Ausbildung an der Universität.

Häufiges Thema: Ausbruch
Der Aufbruch aus der Tradition ist in der türkischen Literatur ein häufiges Thema. Pamuk, der Literaturnobelpreisträger von 2006, hat aber nie einfache Antworten gegeben, sondern das komplexe Kräftespiel der Gesellschaft in kunstvolle Geschichten verpackt. Auf der Frankfurter Buchmesse bietet sich nun die Gelegenheit, Pamuks Kollegen kennen zu lernen: Beim wichtigsten Event der Buchbranche sind vom 15. bis 19. Oktober über 200 Lesungen, 40 Ausstellungen und Kunstveranstaltungen sowie zehn Symposien zum Gastland Türkei angesetzt. Mehr als 150 türkische Sachbücher und Romane sind zur Messe am deutschsprachigen Markt erschienen, Mittel für weitere Übersetzungen wurden vom türkischen Kulturministerium aufgestockt.

Ideologisch gespalten
„Faszinierend farbig“ lautet das Motto des Türkei-Gastspiels – doch dass bei einem ideologisch derart gespaltenen Land wie der Türkei wirklich alle Farben des Spektrums vertreten sein würden, war schon im Vorfeld umstritten. Einige Autoren fürchteten eine Instrumentalisierung durch die Regierung der islamisch-konservativen Partei AKP, die Auswahl der geladenen Autoren durch den türkischen Schriftstellerverband wurde als untransparent kritisiert.

Reizfigur Pamuk
Orhan Pamuk, der am 15. Oktober die Eröffnungsrede halten wird, ist für verschiedenste Ideologen eine Reizfigur. Dass er sich in seinem Roman selbst in die westliche Elite Istanbuls setzt, sagt viel – tatsächlich stammt der heute 56-Jährige aus einer großbürgerlichen Familie, seine Eltern waren glühende Verehrer des Republiksgründers Kemal Atatürk, der die rigorose Trennung von Religion und Politik durchsetzte. Als der Schriftsteller, selbst der Aufklärung verpflichtet, am Tabuthema des Völkermords an Kurden und Armeniern im 1. Weltkrieg kratzte, machte er sich aber auch unter Kemalisten keine Freunde.

Freiheitsbeteuerungen und Morddrohung
Pamuk wurde nach dem Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuchs angeklagt, der „Beleidigung des Türkentums“ unter Strafe stellt. Bis heute lebt er wegen Morddrohungen unter Schutz von Leibwächtern. Der umstrittene Artikel wurde inzwischen von der AKP-Regierung reformiert – seit 8. 5. sind alle anhängigen Fälle de facto suspendiert. Die Erinnerung an die Verfolgung von Intellektuellen sitzt aber tief, und im Vorfeld der Buchmesse gaben sich die Verantwortlichen alle Mühe, um zu versichern, dass es mit der Meinungsfreiheit in der Türkei bergauf geht.

Gegen Repression, für Schwule
Die auf der Buchmesse vertretenen Autoren zeigen in der Tat ein breites Spektrum. Der kurdischstämmige Murathan Mungan etwa, der in der Türkei bereits 50 Bücher veröffentlicht hat, macht sich als bekennender Schwuler für Minderheiten stark. Zülfü Livaneli schreibt über Erfahrungen der Repression, Oya Baydar erzählt von zerrissenen Familien. Die Kemalisten kann das nicht beschwichtigen, solange die AKP-Regierung die Präsentation billigt. Allein dass kemalistische Schriftsteller auf gleicher Stufe mit solchen präsentiert werden, die sich für die Abschaffung des Kopftuchverbots in Schulen stark machen, war für sie Indiz genug, dass die Türkei in Frankfurt als „Land des gemäßigten Islams“ präsentiert werden solle.

Rückzugsort vor Ideologie
Pamuk, der bei seiner Eröffnungsrede gemeinsam mit dem Präsidenten und AKP-Politiker Abdullah Gül auf dem Podium stehen wird, hat sich in den Augen der Kemalisten vereinnahmen lassen. Er selbst gibt sich unbedarft. „Es ist ein literarischer Event – ich werde lediglich eine Rede halten“, sagte er im Interview während der Salzburger Festspiele.
Die Arbeit am „Museum der Unschuld“ war sechs Jahre lang Pamuks Rückzugsort vor ideologischen Kämpfen – obwohl keineswegs unpolitisch, erzählt der Roman in erster Linie eine Liebesgeschichte. Jener Pamuk, der einst als Bürgersohn Istanbul durchstreifte, wird sich erst in seinem nächsten Buch wieder ins Rampenlicht stellen. „Ein Teil wird meine Autobiografie ab 1975 sein, die andere wird erzählen, was mit uns passiert, wenn wir Romane lesen und schreiben“, erklärt er. „Ich möchte beschreiben, wie ich in einem Land zu einem Romancier werden konnte, in dem der Roman keine tief verwurzelte Kulturform ist.“

Von Michael Huber

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