FORMAT-Kunstguide: Der jährliche Seismograf für den heimischen Kunstmarkt

Zum achten Mal präsentiert FORMAT sein Kunstranking der erfolgreichsten heimischen Zeitgenossen, das sich einmal mehr als Seismograf für die aktuellen Strömungen auf dem Kunstmarkt erweist.

Die Krise beschert der etablierten Kunst steigenden Umsatz – und entdeckt den Typus des grundsoliden Sammlers. So lautet, Messe- und Auktionsergebnissen gemäß, die aktuelle Analyse der Experten. Der Markt hat sich reguliert, die Preise haben sich langsam stabilisiert. Der Kunstkauf als Hetzjagd, wie sie in den letzten Jahren praktiziert wurde, ist passé. Der Wirtschaftscrash hat den Hype aus dem Betrieb genommen. „Die Krise hat die Psychologie des Marktes tiefgreifend verändert, indem sie die kritische Betrachtung vor die Begeisterung stellt, die Vorsicht vor den Wunsch des Soforterwerbs und die Überlegung vor die Konformität mit dem allgemeinen Geschmack“, bringt es Thierry Ehrmann, Direktor der internationalen Kunstdatenbank Artprice, auf den Punkt. Geld ist vorhanden, wird aber in konservativere Dinge investiert. Hochqualitative Arbeiten haben bestes Standing.

Seismograf für Anleger

Das schlägt sich auch in der Wertung der Experten für das aktuelle Kunstranking nieder: Der FORMAT-Kunstguide erweist sich einmal mehr als Seismograf und hilft Anlegern, mögliche Wertsteigerungen zu erkennen. Die Liste der zu bewertenden Künstler hat sich heuer auf 445 Namen ausgeweitet und wurde von der 56 Mitglieder umfassenden Expertenjury um weitere Emerging Artists ergänzt. Die Markt-Profis , darunter Museumsdirektoren, Sammler, Auktionatoren, Kuratoren und Galeristen, haben gewissenhaft abgewogen, was diskurs-, was marktfähig ist, bleibt oder wird.

Die Top 100

Die Experten haben dazu die Liste der Künstler nach den Kategorien künstlerische Bedeutung, kommerzieller Erfolg und Zukunftspotenzial ausgewertet.Nach der Gesamtpunktezahl wurden die 100 erfolgreichsten Künstler ermittelt. Für Anleger ist im Guide vor allem die Spanne zwischen hohem künstlerischem Wert und noch nicht ausgereiztem kommerziellem Erfolg der Künstler von Interesse. Denn je größer diese Spanne, desto kalkulierbarer die Wertsteigerung!! Komplementiert wird das Ranking durch die 20 besten Auktionsergebnisse heimischer Künstler am internationalen Markt sowie durch Empfehlungen der Experten.

Die Gewinner

Die Siegerin heißt erneut Maria Lassnig. Die 90-jährige Doyenne der Malerei konnte aber ihren Vorsprung auf den zweitplatzierten Franz West ausbauen. Auch Arnulf Rainer auf Platz drei zeigt noch auf keine Veränderung zum Vorjahr. Aber schon Platz vier bringt eine Neuerung: Herbert Brandl hat sich vom siebenten auf den vierten Platz gehievt, mit internationaler Präsenz, wie einer Soloshow in den Hamburger Deichtorhallen, konnte der 51-jährige Maler sein Ansehen ausbauen. Wie sensibel der Markt auf mediale Präsenz und kontinuierliche Arbeit der Galerien reagiert, zeigte sich auch bei der Lichtkünstlerin Brigitte Kowanz, die ab Juni mit einer Personale im Mumok gewürdigt wird und um 19 Plätze vorrückte. Heuer verstorbene Künstler wie Alfred Hrdlicka oder Heinz Gappmayr erfuhren ebenfalls eine eklatante Aufwertung, während das komplizierte Werk des jüngst verstorbenen Bruno Gironcoli kommerziell noch lange nicht ausgereizt scheint. Sein Œuvre gilt als absoluter Investment-Tipp.

Veteranen starten durch

Ab Platz 20 kommt deutlich zu tragen, was sich bereits 2009 abgezeichnet hat: die Rückkehr der Veteranen des Marktes – Künstler wie Franz Ringel, Josef Mikl, Wolfgang Hollegha, Ernst Caramelle, Kiki Kogelnik oder Johannes Avramidis konnten ihre Ränge um bis zu 27 Plätze verbessern. Die Neueinsteiger und Aufsteiger heißen demgemäß Martha Jungwirth, Paul Flora, Marc Adrian oder Roland Goeschl. „Das sind Leute, die 40 Jahre lang hochqualitative Arbeit geliefert haben und nie langweilig geworden sind.“ Das würde nun, so Galerist Ernst Hilger zum Ergebnis der Experten, „gewürdigt“. Außerdem seien diese Namen auch von der Wertigkeit her „eine wesentlich sicherere Position als jemand, der innerhalb von zwei Jahren von null auf 100.000 geht“.

Neubewertung

Ähnlich sei die Neubewertung der Phantastischen Realisten wie Arik Brauer oder Rudolf Hausner zu sehen: „Die guten Bilder der Wiener Schule bleiben Meisterwerke der österreichischen Kunstgeschichte“, sieht es Hilger pragmatisch. Was sich im Ranking zeigt, bestätigt sich auch am Auktionsmarkt. „In der Krise greift man gern zu Werten, die Freude und Prestige bedeuten, aber auch ein hohes Maß an Sicherheit garantieren“, rückt Otto H. Ressler von den Kunstauktionen im Kinsky zurecht. Er ortet ganz neue Sammler, aus der Altersgruppe 40 plus, die ihr gesamtes Erspartes in Kunst anlegen wollen. „Die neue Käufergruppe schätzt das Figurative, arrivierte Namen wie Xenia Hausner, aber auch Elke Krystufek.“

Österreich kauft österreichisch

Österreichische Kunst wird nach wie vor zum überwältigenden Teil von österreichischen Sammlern gekauft. International gefragt sind Valie Export, Arnulf Rainer, Franz West und Erwin Wurm. „Die meisten heimischen Zeitgenossen liegen aber in Relation zum internationalen Markt preislich noch im unteren Drittel“, betont Galeristin Miryam Charim. Auch inter-
national gilt im Moment: Es werden gute Preise erzielt, aber keine wirklich neuen Namen präsentiert“, ergänzt Charim. „Um die Aufmerksamkeit auf frische Künstlersignaturen zu lenken, bedarf es daher harter Über-
zeugungsarbeit“, weiß auch Ursula Krinzinger.

Orientierung jenseits der Top 100

„Gerade jetzt sollte man aber Risikofreude zeigen“, betont der Galerist Christian Meyer, der Franz West und Elke Krystufek im Programm führt. Jetzt sei, so der Experte „die beste Zeit, einzusteigen: „Die junge Kunst hat nicht nur den Vorteil, günstig zu sein, im Moment formiert sich die junge Szene auch neu. Das wird allerdings erst in fünf bis zehn Jahren zum Tragen kommen. Aber ein guter Sammler sollte seiner Zeit immer voraus sein. Und Kunst ist ein on-going process.“ Diesbezüglich ist die FORMAT-Liste als Orientierungshilfe vor allem jenseits der Top 100 interessant. Da orten Experten Künstler mit großem Potenzial: ob Tilmann Kaiser, Tobias Pils oder Constantin Luser.

Renaissance der Zeichnung

Bei den jüngsten Positionen zeichnet sich vor allem ein Trend ab, den NÖ-Landesmuseums-Chef Carl Aigner hervorhebt: eine Renaissance der Zeichnung. „Nach dem digitalen Rausch gibt es ein neues Bewusstsein zu Nachhaltigkeit. Man traut sich mit Zeichnungen wieder an die Öffentlichkeit, ohne in ein konservatives Eck gestellt zu werden.“ Moussa Kone (Platz 256), Tobias Pils (Platz 198) oder Christina Starzer (nominiert) liefern einen neuen Zugang zu diesem Medium. – Mögen es junge Positionen derzeit etwas schwieriger am Markt haben, ein Kriterium gilt in jedem Fall: Qualität hat Durchsetzungsvermögen. Manchmal muss man der Karriere eines Künstlers einfach nur länger Zeit geben.

Michaela Knapp
Mitarbeit: Manfred Gram, Birgitt Kohl

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