Florian Scheuba im FORMAT-Interview über Peter Alexander

Florian Scheuba ist als scharfzüngiger Satiriker und Kabarettist bekannt. Im FORMAT-Interview analysiert er das Phänomen Peter Alexander.

FORMAT: Für die Generation 35 plus ist mit Peter Alexander ein Star der Kindertage verstorben. Was bleibt für Sie persönlich in Erinnerung?

Scheuba: Die „Peter Alexander Show“, eine Art kollektives Fernsehgedächtnis. Die Show war, ganz wertfrei gesagt, ein Ereignis. Es gab sie ja nur einmal im Jahr. Und weil es etwas Seltenes war, war es auch etwas Besonderes. Es gab zu der Zeit ja nur zwei Programme, daher war so etwas noch möglich.

FORMAT: Was war das Geheimnis seines Erfolges? Der Schmäh, die Virtuosität im Unechten?

Scheuba: Ein wesentlicher Punkt, warum diese Figur so gut funktioniert hat, war sicher, dass Alexander für viele Österreicher etwas Identitätsstiftendes hatte. Die restliche Welt der Fernsehshows war damals sehr Deutschland-geprägt. Die Stars hießen Peter Frankenfeld, Hans-Joachim Kulenkampff oder Rudi Carrell. Peter Alexander aber war für Deutschland ein Abziehbild dessen, was man sich unter einem charmanten Wiener vorgestellt hat. Die bloße Tatsache, dass er damit in Deutschland erfolgreich war, hat wiederum viele Österreicher stolz gemacht, weil sie sich in ihrer Eigenart anerkannt gefühlt haben. Eines der meistgespielten Lieder in den Shows war: „Als Böhmen noch bei Österreich war“. Ich glaube, dass da viele vor den Fernsehgeräten gesessen sind und sich gefreut haben über einen Österreicher, dem die Deutschen zujubeln und der ihnen noch dazu erklärt, dass Österreich einmal ein Weltreich war. Deshalb hatte er auch diesen Nationalheldentouch.

FORMAT: Abseits von sentimentalem Kitsch der Heimatfilme und ohne Blut-und-Boden-Besitzanspruch?

Scheuba: Ich würde gar nicht sagen, dass er ein Heimatfilmstar war. Er stand für das Charmante, für das „mit Schmäh an die Sache herangehen“ und das Wienerisch-Sein. Er war „Küss die Hand“ und nicht „Hollareedulliö“.

FORMAT: Man muss ihn ja diesbezüglich auch als Tourismusmotor bezeichnen. Peter Alexander hat wie kaum ein anderer das Wien-Bild der Nachkriegszeit im Ausland geprägt.

Scheuba: Ich fand ja schon damals, dass er aus der Zeit gefallen war und in den 1970er-Jahren für die 1950er stand. Ich hatte eine Tante, die mit uns Kindern immer ins Bellaria-Kino gegangen ist. Da war er wirklich präsent, aber man hatte das Gefühl: Der kommt aus einer anderen Zeit.

FORMAT: Charmant, liebenswürdig, immer fröhlich – war er ein Frauentyp? „Der Trost der Trümmerfrauen“, wie ein deutsches Magazin schrieb, oder stellte er eher – wie Psychologen analysiert haben – für viele Frauen das dar, was der eigene Mann nicht war: freundlich, gewaschen und gut angezogen?

Scheuba: Ich glaube nicht, dass er ein großes Sexsymbol war. Er war einer, in den viel hineinprojiziert werden konnte, kein heißes Abenteuer, sondern, dass so ein Typ im Haus toll wäre, weil er die Arbeit der Hausfrau richtig würdigt und jeden zweiten Tag mit Blumen heimkommt.

FORMAT: Er könnte tatsächlich den derzeit aktuellen Begriff „supersauber“ für sich beanspruchen. Anders als bei Publikumslieblingen wie Harald Juhnke oder Heinz Conrads gab es bei ihm keine Skandale, Allüren oder sichtliche Abgründe …

Scheuba: Peter Alexander war ein Typ, dem man nicht böse sein konnte. Das hat bei mir sogar schon als Kind funktioniert. Ich fand seine Lieder furchtbar, habe mir aber gedacht, das muss er wohl so machen für sein Publikum. Er hatte ja immer so ein Augenzwinkern dabei. Ein großer Unterschied zu Heinz Conrads war auch, dass man bei Alexander nicht den Eindruck hatte, wenn die Kameras aus sind, fängt er an, seine Umgebung zu beschimpfen. Alexander war diesbezüglich anders als viele Entertainer der Branche, die privat ein ganz anderes Gesicht haben als ihre Show-Erscheinung. Seinen Lausbubencharme hat man ihm abgenommen. Er hat immer jünger gewirkt, als er war, und so, als könnte er einen Streich auf Lager haben, nichts Arges natürlich, nur eine kleine Schlawineraktion.

FORMAT: Dennoch hat er nicht nur die schlichten Gemüter angesprochen.

Scheuba: Er hat funktioniert wie ein gutes Möbelstück: Selbst wenn man nichts mit ihm anfangen konnte, hat man das Gefühl gehabt, da ist etwas Vertrautes, das dazugehört.

FORMAT: Was wird von ihm bleiben?

Scheuba: Er wird als großer Publikumsliebling aus vergangenen Zeiten in Erinnerung bleiben. Ich finde es äußerst befremdlich und gefühllos, dass zum Beispiel gerade die „Kronen Zeitung“ mit Schlagzeilen wie „Die Millionen des Peter Alexander“ getitelt hat. Damit haben sie sich wohl in ihrem ständigen Bemühen, der vermeintlichen Volksmeinung hinterherzuhecheln, schwer vergaloppiert. Ich glaube nicht, dass die Leute an einer Neidgeschichte interessiert sind.

FORMAT: Apropos Volksseele: Der Bundeskanzler hat zum Ableben von Alexander gemeint: „Er war das Gesicht Österreichs …“

Scheuba: Das sagt mehr über Werner Faymann aus als über Österreich …

FORMAT: Sie sind selbst seit über 20 Jahren im Unterhaltungsbusiness, schlüpfen auf der Bühne in zahlreiche Rollen. Wie hat Sie Peter Alexander als Entertainer beeinflusst?

Scheuba: Mir sind zwei höchst unterschiedliche Eindrücke in Erinnerung. Peter Alexander hat gute Parodien gemacht, und das zu einer Zeit, wo es im Fernsehen überhaupt noch nichts Derartiges gegeben hat. Die waren handwerklich tadellos. Meine zweite Erinnerung ist jene an einen Besuch einer Generalprobe der Alexander-Show. Johnny Cash – damals noch vor seinem Comeback mit Rick Rubin – ist mit Peter Alexander in einem Fiaker durchs Studio gefahren und hat sich abgemüht, von Schildern die Texte für die Wienerlieder zu entziffern, die er gemeinsam mit Alexander singen musste. Das war ein bizarrer Blick in die Abgründe der Showbranche…

FORMAT: Entertainment-Kollegen wie Viktor Gernot nennen Alexander gerne als Vorbild …

Scheuba: Das Phänomen ist in der Form nicht wiederholbar. Eine Eins-zu-eins-Kopie von Alexander hätte heute nicht mehr diese Wirkung, dafür sind die Interessen der Menschen viel zu sehr aufgesplittet.

FORMAT: Immerhin sorgte das Alexander-Special im ORF mit über 1,2 Mio. Zusehern für Quotenrekord.

Scheuba: Das ist der „Wickie, Slime & Piper“-Effekt. Die Leute erinnern sich an ihre eigene Kindheit und daran, wie es damals war. So wie man alte TV-Serien zum Kult erklärt.

FORMAT: Das mediale Echo ist jedenfalls enorm: Kollektive Trauer im Internet, in den iTunes-Charts ist Alexander bereits mit fünf Hits vertreten. Rekrutiert sich da eine neue Fangruppe?

Scheuba: Das würde ich nicht überbewerten, die 20-Jährigen, die sich überhaupt nicht an ihn erinnern können, werden jetzt nicht zu Riesenfans werden. Der Tod beschäftigt aber alle, die ihn noch erlebt haben. Und da bei Peter Alexander Jung und Alt vor der Glotze gesessen sind, haben natürlich viele Generationen eine Erinnerung daran. Ein weiterer Faktor ist, dass es wenige gibt, die ihn völlig abgelehnt haben. Radikale Peter-Alexander-Feinde sind rar.

FORMAT: Was hat diese generationenübergreifende gute Laune ausgemacht?

Scheuba: Man darf den Zeitpunkt der Shows nicht vergessen. Sie waren Teil der Vorweihnachtszeit, das hat so ein Weihnachtsgefühl vermittelt. Es war dann nicht mehr lange bis Weihnachten und bis zu den Geschenken und den Ferien.

FORMAT: Peter Alexander blieb zeitlebens eine unbeschädigte Marke …

Scheuba: Es hieß ja immer, er wäre selbst gerne ein Jazz-Pianist gewesen. Meines Wissens war er nicht immer mit dem Gefühl gesegnet, dass alles super war, was er gemacht hat. Er hat auch unter extremem Lampenfieber gelitten und am Schluss nicht mehr auftreten wollen – nicht aus Marketingüberlegungen, sondern weil er das Gefühl hatte, es ist genug. Etwas, womit viele andere der Showbranche ein großes Problem haben. Peter Alexander hat eines instinktiv richtig gemacht: Er hat sich rar gemacht. Seine TV-Show waren das Ereignis, ansonsten war er wenig präsent, er war nicht in diversen anderen Shows oder Talkshows, und die „Seitenblicke“ hat es noch nicht gegeben.

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