Ferdinand von Schirachs neuer Roman "Tabu“

Als der alte Anwalt Konrad Biegler zum ersten Mal im Gefängnis dem Fotografen Sebastian von Eschburg gegenübersitzt, der des Mordes angeklagt ist und den er verteidigen soll, fragt er ihn, ob er tatsächlich ein Mörder ist. "Sind Sie einer oder sind sie keiner?“ Und Sebastian von Eschburg antwortet: "Ist das wichtig?“

Ferdinand von Schirachs neuer Roman "Tabu“

Diese Szene aus dem neuen Roman "Tabu“ von Ferdinand von Schirach ist prototypisch für das Schreiben dieses Autors. Schuld und Wahrheit, so zeigen von Schirachs Justiz-Geschichten, werden vor Gericht und im Leben völlig unterschiedlich gehandhabt. Dem Strafrecht geht es um Beweisbarkeit. Ob man glaubt, dass jemand schuldig ist, oder ob er es tatsächlich ist, tritt demgegenüber in den Hintergrund.

Ferdinand von Schirach, Jahrgang 1964, ist Strafverteidiger in Berlin. Seit er mit den Justiz-Story-Bänden "Verbrechen“(2009) und "Schuld“ (2010), deren Grundlage Fälle aus seiner eigenen anwaltlichen Praxis waren, erstmals als Schriftsteller in Erscheinung getreten ist, gilt er als wichtige neue und vor allem vollkommen unverwechselbare Stimme in der deutschen Literatur. 2011 erschien sein erster Roman "Der Fall Collini“, auch der eine präzise Reflexion über Schuld und Strafe und zugleich die grelle Ausleuchtung eines dunklen Kapitels deutscher Nachkriegs-Justizgeschichte.

Der Erfolg von von Schirachs literarisierten Fallgeschichten um Gewaltverbrecher und ihre Taten, um Motiv und Mord, Sühne und Rache, Urteil und Beweisfindung, basiert nur zum Teil auf dem Spektakulären. Viel wesentlicher ist sein Ton: Distanziert und analytisch, mitfühlend und über alle Maßen genau. Von Schirach besitzt das rare Talent, in nur wenigen kurzen Sätzen eine Stimmung, ein Gefühl für eine Atmosphäre, ein Gesicht, einen Charakter erstehen zu lassen. Sein Stil erzeugt einen starken Sog.

Kultivierte Präzision

Von Schirachs Erfolg als Autor führt den erstaunlichen Nachweis, dass hochkonzentrierte Literatur aus kultivierter Feder massenkompatibel sein kann: Über 1,6 Millionen Mal haben sich seine Bücher bisher im deutschsprachigen Raum verkauft. In mehr als 30 Ländern erschienen Übersetzungen. Einige seiner Stories wurden fürs Fernsehen verfilmt. Im heurigen Frühjahr strahlte der ZDF eine Mini-TV-Serie nach Von-Schirach-Storys aus, mit Josef Bierbichler in der Hauptrolle des Anwalts. Weitere Verfilmungen sind geplant.

Von Schirachs neuer Roman "Tabu“ erzählt von Sebastian von Eschburg, einer klassischen Von-Schirach-Figur, sozialisiert in jenem Milieu, dem er auch selbst entstammt. Schirachs Held wächst in einer verarmten Adelsfamilie auf, alles ist heruntergekommen, aber gediegen. Turnierpferde und Jagden, Schweizer Internate und Hausangestellte, Wortlosigkeit und das alles überdeckende Gewicht der Konvention, die von Kindern vor allem Manieren und Schweigen verlangt, bestimmen das Bild. Sebastian wird Augenzeuge des Selbstmords seines Vaters. Er wird ein sehr erfolgreicher Fotograf. In der Welt fühlt er sich fremd, die Suche nach der Wahrheit - in Bildern wie im Leben - treibt ihn um, "die Stille zwischen den Sätzen, sein einziges Maß der Nähe zu einem anderen Menschen“. Sexuell aufgeladen ist seine Fotokunst, ebenso der Mord an einer jungen Unbekannten. Eine Leiche gibt es nicht, der Angeklagte gibt sich auskunftsunwillig. Seinen Verteidiger schickt er auf eine Spurensuche, deren Etappen nicht zu erzählen sind, ohne der Story die Spannung zu nehmen.

Es ist eine weitere schnörkellos, bewundernswert prägnant erzählte Geschichte, die aus der Wahrheitssuche eines tief verletzten Menschen eine erstaunliche juristische Schnitzeljagd macht. Die Kunst wird darin zum Vehikel der Wahrheitsfindung.

Ferdinand von Schirach "Tabu“ (Piper) € 18,50; Ab 11. 9. im Handel.

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