Facebook, Online-Shopping, Glücksspiel – Wir sind alle Junkies

Facebook, Online-Shopping, Glücksspiel – Wir sind alle Junkies

Wie die Wirtschaft von den neuen Süchten – Facebook, Online-Shopping, Glücksspiel – profitiert und wie man sich wieder in den Griff bekommt.

Außer Kontrolle gerät bald einmal etwas. Sabine K. war hin und weg, als sie das erste Mal auf ihrem Smartphone "Angry Birds“ spielte. Die lustigen Geräusche, die diese komischen Vögel von sich geben, wenn sie abgeschossen werden und in aberwitzige Konstruktionen donnern, hatten es ihr angetan. Zudem wurde ihr Ehrgeiz geweckt, Level für Level zu bewältigen. Sie freute sich sehr, wenn sie eine schwierige Herausforderung meisterte. Als sie sich mehrmals täglich während der Arbeitszeit am Klo verdrückte, um am Smartphone herumzuwischen, wurde ihr klar, dass sie ein Problem hat.

Hubert G., ein junger Familienvater aus Oberösterreich, brauchte etwas länger, um zu bemerken, dass mit seinem Internetkonsum etwas nicht ganz stimmt. Der Anwalt surfte spätnachts, wenn Frau und Kinder schliefen, auf Pornoseiten. Als man eindeutiges Material auf seinem Firmenlaptop ausfindig machte, gab es eine geharnischte Verwarnung, und er ging in Therapie.

Melanie T. tut sich gerne und oft etwas Gutes. Sie liebt Designerkleidung. So sehr, dass sie nicht selten abends, bevor sie zu Bett geht, online günstig ein neues Paar Schuhe ordert. Dass Shoppingtouren in der Innenstadt immer in einem Exzess enden, ist ihr auch schon aufgefallen. Vor allem, wenn Kreditkartenabrechnung und Bankauszüge geflogen kommen.

Belohne mich

Menschen ziehen sich Kokain durch die Nase, jagen sich Heroin in die Venen, rauchen Zigaretten oder saufen sich besinnungslos an. Aber kann man süchtig werden nach kleinen, bunten Spielchen im Internet, Facebook-Statusmeldungen, dem wahl- und ziellosen Kauf von Unnötigkeiten, dem nächsten Orgasmus oder dem Gefühl, mit Geld zu wetten? - "Ja“, meint Kurosch Yazdi , Suchtexperte und Primar am Wagner-Jauregg Krankenhaus in Linz. "Jeder Mensch hat die Veranlagung, süchtig zu werden. Unser Gehirn ist so gebaut, es verfügt über ein Belohnungssystem, das Dopamin, das Glückshormon, ausstößt. Diese Glücksreize sollen uns eigentlich ermuntern, Unliebsames zu erledigen. Es kann aber schnell außer Kontrolle geraten.“

Vereinfacht könnte man sagen, dass der Dopaminausstoß außer Kontrolle gerät, wenn man sein Gehirn ständig reizt und Leerstellen im Leben damit kompensiert werden sollen: eine fehlende funktionierende Partnerschaft oder Stress im Beruf. Womit diese Leere gefüllt wird, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Grundsätzlich gilt nämlich: Man kann nach allem süchtig werden, was das Belohnungssystem im Gehirn erfreut. Möbelkauf, Kaffee, Kartoffelchips, Online-Rollenspiele, Facebook- und Twitter-Meldungen, Sportwetten. Die Möglichkeiten sind vielfältig, und je entwickelter die Gesellschaft ist, desto mehr Angebote existieren, sich seine Dosis Dopamin zu holen. Man spricht dann von Verhaltenssüchten - und da beginnt das nächste Problem. Die Krankheitsklassifizierung der WHO kennt nämlich keine Abhängigkeiten ohne Suchtstoffe. Ausuferndes Alltagsverhalten wird als "Impulskontrollstörung“ und "abnorme Gewohnheit“ klassifiziert.

Was ist Sucht?

Das soll sich in naher Zukunft ändern. Auch, da diverse Studien und Forschungen ergeben haben, dass gewisse Gehirnregionen bei Drogensüchtigen und pathologischen Spielern ähnlich ticken. Dass getriebene Spieler die Kontrolle über ihr Tun verlieren, nicht aufhören können, oft ins Kriminal abrutschen und am Ende vor dem Scherbenhaufen ihrer Existenz stehen, ist bekannt. Und kaufsüchtige Menschen geben oft zu Protokoll, dass sie sich nach einer Konsumtour fürchterlich schämen, wertlos fühlen und von Selbsthass zerfressen sind. Ein Gefühl, das sich erst beim nächsten Kauf wieder legt.

Natürlich werden immer wieder Faktoren genannt, die etwaiges Suchtverhalten beschleunigen. So sind - es mag wie ein Klischee klingen - vor allem alleinstehende Frauen unter 30 gefährdet, Kaufräuschen zu verfallen. Porno- und sexsüchtig werden vor allem Männer. Man geht davon aus, dass rund 5.000 Österreicher einen derart problematischen Konsum aufweisen. Und arbeitslose Männer zwischen 18 und 35 Jahren finden sich nicht selten als Automatensuchtopfer in Spielhallen wieder.

Das Suchtproblem mitten unter uns verschärft sich, da es durchaus gern gesehen wird, wenn Menschen konsumieren. Die Wirtschaft profitiert - auch in Krisenzeiten - von fehlgeleiteten Impulskäufern. Und das sind immerhin 28 Prozent der Konsumenten, wie eine Studie der Arbeiterkammer ergeben hat. Zudem hat man als Kaufsüchtiger auch nicht unbedingt ein Imageproblem - man sieht nicht aus wie der klassische Junkie. "Die Werbung trichterte uns ein, dass die Wirtschaft belebt werden muss. Der Kaufsüchtige, nicht der Sparefroh, ist der gute Bürger“, resümiert Kurosch Yazdi diese Entwicklung. Und dass die Glücksspielindustrie eine mächtige Lobby hat, ist auch nicht unbedingt verschwörungstheoretischer Humbug. 1,485 Milliarden Euro setzte die Glücksspielindustrie 2011 in Österreich um. Während die Zahlen für das kleine Glücksspiel und für Sportwetten rückläufig waren, boomte das Online-Gaming.

Ausstieg schaffen

Vor allem die ständige Verfügbarkeit von Angeboten übers Internet ist für viele Suchtgefährdete ein Problem. "Ich bin kein Internetfeind, aber das Netz treibt Verhaltenssüchte wie Sportwetten, Online-Poker oder auch die Kaufsucht weiter voran“, ist sich Kurosch Yazdi sicher. Aber was tun, wenn man merkt, dass etwas aus dem Ruder läuft? Der Suchtexperte und Therapeut ist radikal: "Man muss den Zugang zum ‚Gift‘ kappen. Das geht, je nach Schwere des Falls, nicht ohne therapeutische Begleitung. Zudem muss man seine Genussfähigkeit wieder erlernen. Ein Süchtiger genießt nicht, er lindert nur seine Entziehungserscheinungen.“ Und der zwischenmenschlichen Ebene kommt ebenfalls eine wichtige Komponente bei der Suchtbekämpfung zu: "Man braucht ausgewogene, langfristige Beziehungen. Beruflich und privat, denn das schützt vor Süchten.“

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