"Evolution ist eine Serie erfolgreicher Fehler"

"Evolution ist eine Serie erfolgreicher Fehler"

Matthias Horx untersucht in seinem neuen Buch die Mechanismen der modernen Erregungsgesellschaft, in der jedes Problem zum Skandal wird.

FORMAT: "Nichts verwirrt uns mehr als schwarze Banker, reiche Inder oder Chinesen, die genau jenen SUV fahren wollen, mit dem auch besorgte Links-grüne fahren“, schreiben Sie in Ihrem aktuellen Buch "Zukunft wagen“. Verunsicherung auf die der "apokalyptischen Spießer“ mit Angst reagiert. Warum funktioniert die Erregungsgesellschaft gerade jetzt so gut?

Matthias Horx: Weil wir von Natur aus Angstwesen sind und weil das mediale System heute unsere Angstbereitschaft in geradezu unglaublicher Weise antreibt und ausbeutet. Ich mache in meiner Arbeit als Zukunftsforscher immer wieder die Erfahrung, dass die Menschen gar nicht an der wirklichen Zukunft interessiert sind. Sie finden Aussagen über die Zukunft nur dann interessant, wenn diese ihre vorgefertigten Bilder bestätigen. Nach diesen Klischees geht die Welt den Bach herunter und "alles wird immer schlimmer“. Gerade in Österreich und Deutschland pflegt man inzwischen einen ganzen Baukasten an alarmistischen Unsinns-Übertreibungen. Burnout, Rentenkatastrophe, Islam, Untergang Europas, Chinesische Gefahr, Klimakatastrophe - etwa in dieser Reihenfolge. Mein Gefühl ist, dass sich solche Untergangs-Klischees in den letzten Jahren deutlich vermehrt haben. Das ist nicht nur harmlos, es kann auch zu einer Hysterisierung der ganzen Gesellschaft führen. Letztenendes zu einem Verlust von Zukunft.

Positives schafft es gar nicht in die Schlagzeilen, weil, wie Sie behaupten, "die Krise das neue Geschäftsmodell der Medien ist“.

Horx: Es geht nicht darum, einfach nur Optimismus zu verbreiten. Es geht um differenzierte Diskussion. Ich bin vor zwei Jahren in einer ORF-Talkshow gesessen und habe die These aufgestellt, dass sich Europa in dieser Krise neu konfiguriert, dass Krisen notwendige Widerstände sind, wir daraus lernen können. Mir gegenüber saß eine Phalanx von Alarmisten und Krisen-Profiteuren, die gar keinen anderen Gedanken zuließ als den demnächst bevorstehenden Bürgerkrieg in Europa, inklusive wüster Beschimpfungen "der Griechen“. Heute wissen wir, die Währung ist nicht zusammengebrochen, Europa arbeitet quasi an sich selbst - was natürlich nicht immer einfach ist. Die Frage ist, was lernen wir daraus? Dass Krisen etwas anderes sein können als der Anfang vom Ende. Evolution ist eine Serie erfolgreicher Fehler.

Warum fällt es uns so schwer positiv zu denken?

Horx: Die Evolution hat uns auf Gefahren-Erkennen geeicht. Wir haben Schwierigkeiten, graduelle Veränderungen, Sicherheit, Verbesserung wahrzunehmen und anzuerkennen. Unser Gehirn beschäftigt sich ständig mit dem Schlimmsten, weil das für unsere Vorfahren ja tatsächlich auf der Tagesordnung stand. Im Grunde sehen wir in der Finanzkrise nichts anderes als den Säbelzahntiger oder die Horde aus den Bergen, die uns überfallen will. Unser Angst-System ist im Grunde primitiv geblieben. Und das kann in einer komplexen, medial gesteuerten Welt gefährlich sein. Wenn alle Menschen aus Angst vor der Währungskrise zur Bank rennen, um ihr Geld abzuheben, dann ist man auf dem Weg zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung eines Bankencrashs.

Kollektive Paranoia ist auch durch Populismus missbrauchbar …

Horx: Etwas, was man in Österreich ganz deutlich beobachten kann. Die Zukunftsprognosen der radikal Rechten gehen von bizarren Zukunfts-Vermutungen aus: Die Ausländer werden uns überrollen, der Islam "macht viele Kinder“ - das ist alles ist völlig falsch, lässt sich aber politisch brutal vermarkten und führt dazu, dass Politik immer nur als eine Art Notstandsverwaltung gegen Rechts funktioniert. Politische Debatten werden auf diese Weise unentwegt skandalisiert, so dass eine echte Zukunftsdebatte kaum noch möglich ist.

Sie untersuchen in Ihrem Buch auch die positiven Seiten der Angst. Zeigen, dass Angst auch ein Motor sein kann, schlüsseln aber auch den Zusammenhang von Angst und Gewalt auf. Haben die negative Auswirkung der Angst zugenommen?

Horx: Ich plädiere für einen aufgeklärten Umgang mit Angst. Man muss Angst annehmen, sie ist Teil des menschlichen Lebens. Aber wenn wir uns von ihr unser Handeln steuern lassen, ist das schlimm. Zivilisation ist die Moderation von Ängsten durch Verträge und Vertrauen. Man könnte als roter Faden zu meinem Buch die Frage stellen: "Wie kommen wir nach Dänemark?“. Dänemark hat, wie wir aus der Glücksforschung wissen, den höchsten sozialen Zusammenhalt und die beste Verschränkung von Kapitalismus und Sozialismus, die man sich vorstellen kann. Das "Flexicurity“-Modell etwa, das den Widerspruch zwischen Arbeits-Sicherheit und Arbeits-Flexibilität regelt. Mein Plädoyer lautet einfach, öfter zu fragen, wo und was wir von anderen lernen können - und nicht nur, was alles nicht geht.

Gleichzeitig thematisieren Sie, warum wir die Apokalypse lieben, dokumentieren die Furcht vor wie die Sehnsucht nach dem Untergang: Die Weltuntergangsperfektionisten der Zeugen Jehovas erfreuen sich weltweit regen Zulaufs, ebenso Computerspiele oder Hollywoodblockbuster über den Endkampf …

Horx: In solchen Untergangsphantasien schwingt eine tiefe Sehnsucht nach Einfachheit, nach Wiederherstellung von Gewohntem mit. Die männliche Hauptfigur findet im Untergang zu ihrer Ur-Familie zurück, bäumt sich auf gegen das Unvermeidliche - ein Heldenepos. Die Apokalypse stellt die äußere Ordnung wieder her und erzeugt eine neue Form von Gleichheit und Gerechtigkeit. Dahinter stehen auch religiöse Muster. Man hört ja auch immer wieder Sätze wie:, Die Menschheit hat sich versündigt, es ist nur logisch dass wir untergehen.’ Es ist dabei egal wodurch, ob durch einen Nuklearkrieg oder die Klimakatastrophe. Wir spielen die alten Furcht-Modelle der Religionen noch einmal auf der großen Leinwand durch.

Neben der wankenden Weltordnung ist ja auch der Verlust der Werte beliebtes Thema: Zerfall der Mittelschicht, soziale Kälte, Burnout, Prekariat sind die neuen Schlagworte.

Horx: Nehmen wir den ewigen "Zerfall der Familie“ oder den "Generationenkrieg“: Es gibt heute im Schnitt viel mehr gute Kommunikation zwischen Eltern und Kindern als früher. Wunderbar, dass wir nicht mehr die alten verletzenden Generationskämpfe führen. Ich glaube auch, dass die Familien viel besser funktionieren als früher. Wir haben nur diese Erinnerungsverzerrung, ich nenne das memory bias. Wir konstruieren uns die Zukunft aus gefälschten Erinnerungen. Ist es wirklich so, dass früher die Ehen besser waren? In Österreich gehen die Scheidungsraten inzwischen deutlich zurück. Auch Zuweisungen wie Generation X, Y, oder Generation Praktikum stimmen doch von vorne und hinten nicht. Die Anzahl der Praktika ist gar nicht so stark gestiegen. Was sich geändert hat, sind unsere Problemwahrnehmungen, unsere Ansprüche. Aber auch die realen Strategien der Berufsfindung. Viele Jüngere probieren aus, finden heute ihre Talente und Leidenschaften durch Irrtümer. Wenn man das in den Medien mit rhetorischen Getöse dann "Prekarisierung“ oder "Generation Praktikum“ nennt, hat das mit der differenzierten Wirklichkeit einer modernen Gesellschaft nichts zu tun.

Sie räumen auch mit dem "Mythos Bevölkerungsexplosion“ auf …

Horx: Gegen 2060 wird die Erdbevölkerung zu schrumpfen beginnen. Und der Höchststand der Weltbevölkerung wird nicht bei 15 Milliarden oder gar 20 Milliarden liegen, sondern bei neun und zehn Milliarden. Eine Zahl, die unser Planet durchaus ernähren kann, auch mit heutiger Landwirtschaft. Das wissen wir, weil wir Geburts-Daten über alle Länder der Erde haben, und sich die Modelle sehr verfeinert haben. Aber in unseren Schulbüchern und in allen Talksshows, selbst in Wissenschafts-Sendungen wird immer noch der alte Club-of-Rome-Unsinn aus den 70er Jahren verbreitet. Und alle glauben es! Wer weiß schon, dass die Türkei heute eine Geburtenrate von 2,1, die islamische Republik Iran von 1,8 Kindern hat, also auf beziehungsweise unter der Selbsterhaltungsquote. Aber wir lassen uns unsere Weltuntergangs-Vermutungen nicht gern stören!

Die Angst vor Knappheiten von Wasser, Energie und Rohstoffen ist auch unbegründet?

Horx: Das altgrüne Bewusstsein, in dem ich ja auch selber aufgewachsen bin, ist geprägt von einem Grund-Theorem der fixierten Knappheit. Es gibt also einen Rohstoff x, der hat einen Volumen von y, und wenn er dann verbraucht ist, bricht alles zusammen! Aber die Modelle sind falsch. Wasser zum Beispiel kommt auf unserem Planeten üppig vor, es hierzulande zu "sparen“ ist völliger Blödsinn. Jeden Tag trifft auf der Erde eine Million mal mehr solare Energie ein, als die Menschheit jemals verbrauchen kann. Das ist eine Frage der technischen Evolution und der intelligenten Systeme, aber auch der Politik. Was nicht heißt, dass es nicht auch einmal lokale Knappheiten geben kann. Aber Rohstoffe sind im Prinzip unendlich. Wenn sie teuer werden, werden sie entweder recycelt oder man findet neue Techniken, Verfahren und Systeme. Eine solche "Überfluss-Ökologie“ ist wahnsinnig schwer zu denken. Wir sind gewohnt, in alten, statischen, letzlich mechanischen Denkweisen zu denken. Je "grüner“ wir sind, desto mehr tun wir das erstaunlicherweise.

Wie soll andererseits der Erziehungseffekt zu einem Umweltbewusstsein funktionieren, wenn es kein Droh-Szenario gibt?

Horx: Erstaunlich, wie sehr wir immer noch an schwarze Pädagogik glauben! Die apokalyptische Rute führt auf Dauer eher zu Apathie und Jammer-Mentalität, so wie wir das heute schon erleben. Wenn sowieso alles den Bach heruntergeht, warum soll ich mich dann kümmern? Wir neigen auch dazu, Umweltängste immer auf "die anderen“ zu übertragen. So wird zum Beispiel gern behauptet, dass China den Planeten ruiniert, während wir hier alle die Öko-Saubermänner sind. Warum können wir nicht auch einmal davon ausgehen, dass China dieselben Probleme, die wir im Beginn der Industrialisierung hatten ebenfalls überwinden kann und zwar viel schneller? Das Grundvertrauen in menschliche Möglichkeiten ist die Substanz von Zukunft. Wenn wir das Vertrauen verlieren, dann werden wir passiv, zynisch oder schlicht reaktionär.

Sie nennen das Zukunfts-Alzheimer.

Horx: Wir vergessen gewissermaßen die Zukunft.

Interessanterweise liefert aber gerade das von Ihnen zitierte skandinavische Glücksgebiet die härtesten Krimis mit den brutalsten Morden, auch der Massenmörder Anders Breivik kommt aus der Mitte des norwegischen Idylls.

Horx: Ich nenne das auch das Wallander-Syndrom. In der kleinen, idyllischen Stadt Ystad in Schweden passieren am laufenden Band die grässlichsten Morde - in der friedlichsten Gesellschaft der Welt geht es am Mörderischsten zu! Natürlich sind die Mankell-Krimis Fiktion, in Ystad hat es seit einem Jahrzehnt keinen Mord mehr gegeben, aber "irgendwie“ glauben wir das. Und auf eine verquere Weise ist auch etwas dran. Am Beispiel Breiviks zeigt sich ein interessantes Phänomen der Spieltheorie, nämlich dass wir in einer reinen Vertrauensgesellschaft auch ungeheuer verletzlich werden. Als Breivik an der Anlegestelle der Insel Utoya einen Fischer fragt, ob der ihn nicht mit seinem Boot übersetzen konnte, war dieser natürlich sofort dazu bereit. Im Norden hilft man sich gegenseitig. Metaphorisch meint das: Wenn der Friede zu groß wird, kann das Böse ganz schnell eindringen. Wir brauchen vielleicht ein gewisses Misstrauen.

So gesehen sind Negativ-Meldungen ein unbewusstes Training der Abwehrkraft, ein Auffrischen des Alarmhirns.

Horx: Ich fürchte, so edel sind die Motive für die ständigen Angst-Übertreibungen nicht. Im Grunde geht es um Geld. In der Mediengesellschaft heißt das schlicht: Aufmerksamkeit.

Was also resultiert aus der Erregungsgesellschaft?

Horx: Wenn es gut geht, lernen wir alle mehr Gelassenheit, mehr Achtsamkeit. Und auch ein wenig mehr Dankbarkeit, die wir in Konstruktivität umsetzen können. Was ich vorschlage, ist eine realistische Form der Zukunftserkennung: Wir können akzeptieren, dass Krisen zum Leben, zur Wirtschaft, zur Politik dazu gehören. Wir können aber auch darauf vertrauen, dass sich Lösungen für Probleme finden lassen. Die Welt ist nicht gut, wie Zuckmayer einmal sagte, aber sie kann besser werden.

Man kann den Menschen und der Welt also etwas zutrauen …

Horx: Wofür ich in all meinen Büchern plädiere, ist ein unsentimentaler, anti-naiver Optimismus. Es wird nie ein Paradies geben, aber dort würden wir uns auch furchtbar langweilen, weil der Evolutionsprozess zu Ende wäre.

Politisch hat die Krise hierzulande aber eher Stillstand evoziert.

Horx: Wirklich? Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin der Einzige, der in Österreich und Deutschland sagt: Diese große Koalition ist gut! Ja, ein großer Konsens zwischen den Parteien ist eine gute Sache, ein Fortschritt! Dadurch entsteht eine pragmatische, nüchterne Politik, die sich nicht mehr an den alten, dummen Rechts-Links-Fronten orientiert. Österreich geht es prima. Es ist ein Land in der Mitte Europas mit guten Chancen. Es funktioniert einfach vieles ganz gut - und vielleicht muss man es dann auch gar nicht "radikal ändern“, wie das rund um die Uhr in den Medien gefordert wird, selbst und gerade in den konservativen. Aber auch hier gilt wieder: Versuchen Sie einmal, eine solche Position in einer öffentlichen Diskussion zu vertreten! Öffentlich herrscht die Überzeugung, das Land befinde sich in einem Zustand des Extremnotstands, kurz vor dem Abgrund! Obendrein fühlt man sich offensichtlich auch ganz wohl dabei. "Apokalyptisches Cocooning“ - können Österreicher ganz besonders gut. Alles wird immer schlimmer, aber wir geh’n noch mal gemütlich ins Kaffeehaus.

Zur person: Matthias Horx, 59. Der deutsche Publizist, Zukunfts- und Trendforscher gründete 1998 das Zukunftsinstitut mit Hauptsitz in Frankfurt a. M., das als Prognose-Think-Tank zahlreiche europäische Unternehmen in allen Wirtschaftsbereichen berät. Horx lebt mit seiner Familie - er ist mit der englischen Journalistin Oona Strathern verheiratet und Vater von zwei Söhnen - in Wien, wo das Institut ein Büro hat. Seit 2007 ist er auch Dozent für Zukunftsforschung an der Uni in Friedrichshafen.

Matthias Horx, "Zukunft wagen“

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