"Es ist skandalös, für das Quatsch-Quoten-programm noch Gebühren zu verlangen"

Anlässlich der Ausstellung über Kunst & Fernsehen kritisiert Medientheoretiker Peter Weibel das aktuelle Quatsch-­Quotenprogramm und analysiert, wie Avantgarde und ­Aktionismus den Weg für die Trivialkultur geebnet haben.

Ein Sprecher liest Nachrichten, zwischen den Meldungen wird intensiv geraucht, bis das Studio wie das ORF-Logo heillos vernebelt sind. Das Medium erliegt einer Vergiftung von innen. Peter Weibels „TV Tod 2“ war Teil seiner verstörenden „teleaktionen“, die in den 1970er-Jahren im Auftrag des ORF entstanden und in der Sendung „Impulse“ gezeigt wurden. Bildende Künstler sollten ihre Überlegungen ins Medium Fernsehen übertragen und es für die Kunst erobern. „Das“, so Weibel rückblickend, „hat in den 80er-Jahren aufgehört und wird nie wieder zurückkommen. Das neue Medium für solche Untersuchungen ist das Netz.“ Jetzt sind seine „teleaktionen“ Teil der Ausstellung „Changing Channels“ über „Kunst und TV zwischen 1963 bis 1987“. Weibel, der am 5. März 66 wird, pendelt als Professor für visuelle Mediengestaltung zwischen Wien und Karlsruhe, wo er seit 1999 das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) leitet. Nach Jahren, in denen er sich mehr der kuratorischen Tätigkeit gewidmet hat, ist er nun auch am Ausstellungsmarkt wieder stark vertreten, arbeitet an einer Geschichte der Wirtschaftstheorie und an einem Band über die Geschichte der Skulptur.

"Ich habe keinen Fernseher mehr"
FORMAT: Was wurde aus medienkritischen Leitsätzen wie „Die Scheinwahrheiten der TV-Bilder konterkarieren!“? Was aus Fernsehen in seinem bewusstseinsbildenden Effekt?
Weibel: Die Analysen von heute lauten „Seichtgebiete: Warum wir hemmungslos verblöden.“ Das ist das Niveau. Ich habe 1986 einen Film über Kurt Gödel gemacht im Auftrag des ORF, zum 100. Geburtstag von Gödel, 2006 sagte man plötzlich: So ein Film ist dem Publikum nicht zumutbar. 20 Jahre später!
FORMAT: Manche TV-Formate aus dem Archiv wirken tatsächlich weitaus avancierter als heute Erdachtes.
Weibel: Viele meiner „teleaktionen“ wären jetzt nicht mehr möglich. Das TV hat sich in infantiler Regression auf die unterste Stufe zurückbegeben. Es ist skandalös, dass man sich für dieses Quatsch-Quotenprogramm noch Gebühren zu verlangen traut. Ich habe keinen Fernseher mehr.
FORMAT: Ein Medientheoretiker ohne TV, wie betreiben Sie Feldforschung?
Weibel: Blödheit bedarf keiner Feldforschung. Ich gehe ins Netz oder lese Zeitungen. TV ist nur mehr ein Unterhaltungsmedium für Arbeitslose und Pensionisten.

"Warhol war so eine Art Lugner"
FORMAT: Televisuelle Selbstdarstellung war das Thema von Andy Warhol, dem die Schau ein eigenes Kapitel widmet. Hätte er sich einst träumen lassen, dass heute Superstars und Topmodels am laufenden Band produziert werden?
Weibel: Ich bin ein großer Kritiker von Warhol. Meine Position ist, dass er schuld daran ist. Er war so eine Art Lugner. Er hat sogar die Zeitschrift „Interview“ nur gegründet, damit er wie ein Adabei an den Tischen der Celebrities sitzen kann. Andy Warhol hat die Celebrity-Kultur der Nichtssagenden, der Stars ohne Leistung, propagiert. Er ist der Pionier der Superstar-Shows, der Begriff stammt ja bekanntlich von ihm. Damit hat die sogenannte Avantgarde das Tor für die Trivialkultur geöffnet.
FORMAT: Auch für Formate wie „Big Brother“ oder „Dschungelcamp“?
Weibel: Wir haben das leider alles in unseren Aktionen vorbereitet: Wenn der Prinz von Anhalt in einer dieser Shows in eine Badewanne pisst oder ein anderer sich Käfer in den Mund stopft, ist das ein aktionistisches Element. Nur, wir sind damals dafür ins Gefängnis gekommen, heute kommt man in eine Talkshow. Exzess und Übertreibung sind jetzt in den Medien gewünscht. Was einst die Aktionskünstler gemacht haben, wird heute von den Massenmedien kopiert.

"Wir haben den Weg für die Trivialkultur gebahnt"
FORMAT: Wie geht es Ihnen damit?
Weibel: Ich sehe unsere damalige Leistung kritischer. Mit unseren Übertreibungen haben wir den Weg gebahnt für die Trivialkultur. Was damals gedacht war als Öffnung starrer bürgerlicher Strukturen, hat im Grunde dazu geführt, dass wir die vulgärste Unterhaltung ermöglicht haben.
FORMAT: Sind Ansätze wie die Erweiterung des Films in den physischen Raum dabei auch auf der Strecke geblieben?
Weibel: Nein. Das ist nun in der Kunst der Gegenwart gang und gäbe. Meine Videoarbeiten bleiben massenmedienkritisch, nur die rein aktionistischen Projekte, die Skandalisierung, wurde von der Trivialkultur übernommen bis hin zu youporn. Das Pornokino ist ja formal nicht wirklich weiter als das Pornokino der 60er-Jahre.
FORMAT: Die Ausstellung beschränkt sich auf die Zeitspanne 1963 bis 1987 …
Weibel: Es gibt danach dort nichts mehr, was mit Kunst zu tun hätte.

"Der Künstler arbeitet nur mehr für die Auktion"
FORMAT: Sie bezeichnen auch den Begriff des Künstlers als eine theoretische Fehlkonstruktion des Bürgertums des 19. Jahrhunderts.
Weibel: Die Schöpfung des 19. Jahrhunderts war der Auftragskünstler, der für Kirche oder Adel arbeitete, später hat man sich im Salon zu Markte getragen, der Typus des Ausstellungskünstlers ist aber auch schon passé, man arbeitet nur mehr für die Auktion.
FORMAT: Auch der Medienkünstler?
Weibel: Bei Auktionen wird keine Medienkunst verkauft; nicht einmal ein Bill Viola oder ein Nam June Paik. Weil für die meisten Sammler Hard- wie Software schwierig zu handhaben ist und die Haltbarkeit ein Problem darstellt. Daher kann man auch berühmte Medienkunstinstallationen immer noch günstig kaufen. Außer jener, die sich an Hollywood anlehnt. Wenn man etwa in einen dreiminütigen Walfilm Stars wie Sharon Stone einbaut, hat man durchaus Erfolg.

"Die Avantgarde ist einfach zu weit gegangen"
FORMAT: Jeder kann via YouTube zum Filmproduzenten werden, anonym, inflationär.
Weibel: Daher gibt erst der Starkult der Kunst wieder die Singularität zurück, das, was man früher die Aura genannt hat. Aber die heute erfolgreiche Medienkunst hat in meinen Augen die Kunst verraten und ist selbst Teil der Celebrity-Kultur. Sie ist aber nur eine massenmediale Anpassung an Errungenschaften der 60er- und 70er-Jahre. Ohne dass man zugibt, wo man gestohlen hat.
FORMAT: Ähnlich wie in der Literatur, wo der Fall Hegemann für Urheberrechtsdiskussionen sorgt?
Weibel: Dieser Aufreger ist ein Witz, alles Copy and Paste! Sie stiehlt sich Erfahrungen anderer Leute. Aber die Avantgarde selber hat ja immer den Tod des Autors prophezeit, jetzt haben wir das Ergebnis. Die Avantgarde ist einfach zu weit gegangen!

"Das Internet ist nur mit Vorbildung nutzbar"
FORMAT: Unkonventionelle Kunstvermittlung ist auch im ZKM ein Thema, ist das der Happening-Gedanke, weiterentwickelt?
Weibel: Genau, die Partizipation der Teilnehmer. Wir stehen vor der performativen Wende, die Leute wollen immer mehr mitmachen. Man will teilhaben an Kunst wie Politik. Wir geben jetzt nach einer Idee von Bazon Brock jedem, der sich weiterbildet, ein Diplom, wir geben jedem Dilettanten die Chance, Diplombesucher zu werden.
FORMAT: Sie behaupten gerne, Sie brauchen nur ein Bett, einen Schreibtisch mit Sessel und 1.000 Bücher. Welche Gerätschaften haben Sie zudem?
Weibel: Ich habe ein iPhone, zwei weitere Handys und einen iMac. Früher bin ich immer mit einem Koffer voller Bücher gereist, jetzt habe ich das Netz. Aber man kann auch das Internet nur mit einer gewissen Vorbildung richtig nutzen. Wenn man den Namen Thomas von Aquin nicht kennt, kann man ihn auch nicht suchen.

Michaela Knapp

MUMOK: Changing Channels
Das Museum moderner Kunst beschäftigt sich mit Kunst und Fernsehen zwischen 1963 und 1987. U. a. mit Arbeiten von Weibel, Warhol, EXPORT und Bill Viola. Eröffnung: Do., 4. 3., 19 Uhr.

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