Ersatzteillager Mensch

Ersatzteillager Mensch

Das Geschäft mit der Schönheit wird immer verrückter. Ein Report von der Schnipselfront.

Wenn die Temperaturen draußen sinken, beginnt in den heimischen Operationssälen die heiße Saison. Insbesondere in Schönheitskliniken. Winterzeit ist nämlich Sanierungszeit für kleinere und größere altersbedingte Verschleißerscheinungen am Körper. Es werden Altersflecken auf Händen weg gelasert, Oberarme perfektioniert, Bauchfett abgesaugt und Lider gestrafft. Denn die Ballsaison naht, da will man sich in bester Optik präsentieren. Positiver Nebeneffekt: Unter der winterlichen Kleidung können etwaige kosmetische Eingriffe blickdicht und sicher vor Tuscheleien still verheilen. "Vor allem die vielen freien Tage zwischen Weihnachten und Silvester werden zur Körperverschönerung genützt“, erzählt etwa der ästhetische Chirurg Edvin Turkof über seinen dichten Terminkalender.

Schönheit boomt

Beinahe 15 Millionen Schönheitsoperationen wurden im Jahr 2011 weltweit durchgeführt. Die Hit-Liste der plastisch-chirurgischen Behandlungen führen dabei Fettabsaugungen (1,3 Mio.), Brustvergrößerungen (1, 2 Mio.) und Lidstraffungen (700.000) an. Interessant auch die Zahlen bei den nicht chirurgischen Eingriffen. Hier führen die Eingriffe mit dem Anti-Falten-Mittel Botox (3,1 Mio.) vor Injektionen mit dem körpereigenen Stoff Hyaluronsäure (2,1 Mio) und der dauerhaften Haarentfernung mit dem Laser (900.000).

Man legt also hohen Wert auf ein gepflegtes, jugendliches Erscheinungsbild. Das belegen auch immer wieder rezente Studien und Umfragen. Die Karmasin Motivforschung fand etwa bei einer quantitativen Suche nach Attraktivitätsattributen heraus, dass 79 Prozent der Österreicher ein gepflegtes Äußeres als schön empfinden. Genauer: 56 Prozent der Befragten finden strahlende Augen und bei Frauen eine schlanke, wohl proportionierte Figur als attraktiv. 43 Prozent beurteilen schönes, volles Haar und 38 Prozent eine glatte, ebenmäßige Haut als schön und erstrebenswert.

"Unsere spätkapitalistische Gesellschaft folgt dem Credo "Weiter, besser, höher, perfekter, attraktiver - und dabei steht die Verkörperung und Optimierungen der eigenen Möglichkeiten, Potenziale und natürlich des eigenen Äußeren im Vordergrund“, analysiert das die deutsche Philosophin Rebekka Reinhard, die kürzlich mit ihrem Essayband "Schön!“ eine philosophische Gebrauchsanweisung zum Thema Schönheit veröffentlicht hat. Das lassen sich die Österreicher auch etwas kosten. Geschätzt wird, dass 400 Millionen Euro im Jahr damit umgesetzt werden.

Der Druck, in unserer Gesellschaft schön sein zu müssen, ist enorm, auch weil attraktivere Menschen gemeinhin auch noch als erfolgreich wahrgenommen werden. Das kommt nicht von ungefähr. Für eine Studie der Harvard Universität wurden Arbeitgebern Bewerbungsunterlagen mit und ohne Foto vorgelegt. Ergebnis: Bei den Bewerbungen mit Fotos wurden attraktivere Personen bei gleicher Qualifikation besser bewertet.

Aber wo beginnen?

Strahlende Zähne sind einmal ein guter Anfang. Für seriöse Zahnmediziner steht der möglichst lebenslange Erhalt der eigenen Zähne der Patienten im Mittelpunkt. Um das Gebiss auf Vordermann zu bringen, wird mit Bleachings und (unsichtbaren) Zahnspangen gearbeitet. Hilft nichts mehr, geht der Trend zum Zahnimplantat, es werden also Kunstzähne in den Kiefer eingeschraubt, sofern Kieferknochen und der Zahnhalteapparat gesund sind - das erhält zumindest die Illusion, noch eigene Zähne zu besitzen, kostet aber je nach Schwere des Falls bis zu 2.500 Euro pro Kiefer.

Sitzt das Gebiss, kann man weiter an den körperlichen Optimierungsschräubchen drehen. Hoch im Kurs sind etwa Laser-Behandlungen an den Augen, um Sehschwächen zu korrigieren. "Ein typischer Lifestyle-Eingriff, der meist freitags durchgeführt wird, damit die Patienten montags wieder arbeitsfähig sein können“, erklärt Christopher Kiss, 34-jähriger Oberarzt im Wiener AKH. Für 5.000 Euro sieht man übrigens dann wieder scharf.

Dauerbrenner in heimischen Beauty-Kliniken bei größeren Eingriffen sind nach wie vor Lidkorrekturen, das Absaugen von überschüssigem Körperfett, Liftings im Gesicht und an den Oberarmen und natürlich die Brustoperationen. Jörg Knabl, Schönheitschirurg und neben Nasenkorrekturen und Facelifts vor allem spezialisiert auf Brustvergrößerungen, umreißt die Motivation seiner Kundinnen: "Der Großteil der Patientinnen, die eine Brustvergrößerung wollen, sind zwischen 25 und 45 Jahre alt und haben Körbchengröße A. Der zweithäufigste Grund für die Entscheidung einer Brust-OP sind Hauterschlaffungen in diesem Bereich nach Schwangerschaften.“

Zunehmend wird aber auch an delikaten Stellen operiert, die jetzt nicht gleich jeder zu Gesicht bekommt. In rasant steigender Zahl werden etwa aktuell weibliche Schamlippen in Form gebracht. "Die derzeitige Mode der Intimrasur macht sichtbar, was vorher gut verdeckt war“, erklärt Edvin Turkof, der bisher rund 100 Operationen in der weiblichen Intimzone durchgeführt hat und - je nach Arbeitsanfall - zwischen 800 und 5.000 Euro dafür verrechnet.

Auch Männer wollen schöner werden

Die Zeiten, als ästhetische Chirurgie Frauenthema war, sind vorbei. Der perfekte Gentleman hat heute eben nicht nur reich, sondern vor allem auch schön zu sein. Etabliert sind mittlerweile Eingriffe an der Kopfhaut. Droht die Glatze, lässt sich der Mann die kahlen Stellen mit Eigenhaartransplantationen auffüllen. "Zwei bis drei Patienten unterziehen sich täglich einer Haartransplantation“, erzählt Karl Stiefsohn von der Moser Medical Group. Neu dabei ist: Männer stehen zu ihren Verschönerungen. Von Robbie Williams bis Fußballtrainer Jürgen Klopp wird offen eingestanden, dass man etwas machen hat lassen.

Allerdings: Bei Männeroperationen wie dem Aufpolstern von Waden, der Entfernung von Männerbrüsten (Gynäkomastie) oder - sehr delikat, wenn es ans Geradebiegen, Verdicken und Verlängern von Penissen geht, hüllt man sich nach wie vor in Schweigen. So heiß kann es gar nicht sein.

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