Entstaubt und Enteist: Tauwetter - Aufbrüche im sowjetischen Kino

Ob sich die Sowjetunion, respektive das, was von ihr übrig blieb, gerade in einer Zwischeneiszeit oder einem Tauwetter befindet, mögen die Geschichtsbücher zur gegebenen Zeit beurteilen. 'Tauwetter' jedenfalls ist die März/April Retrospektive des Österreichischen Filmmuseum betitelt - das 'Tauwetter-Kino', eine Schlüsselepoche der internationalen Filmgeschichte, erstreckt sich vom Todesjahr Josef Stalins 1953 bis in die Jahre 1967/68, als ultrakonservative Kräfte unter Leonid Breschnew die Staatsmacht endgültig unter ihre Kontrolle zwangen.

In der Zeit des glücklichen Intermezzos aber, als der kalte Riese CCCP kinematografisch auftaute, in diesen Zeiten des Auf- und Umbruchs, waren die Filmschaffenden des Sowjetreichs hellwach und realisierten eine Reihe großartiger Projekte.

Moderne Bildsprache, geniale Kamera

Formal gemein ist fast allen Filmen die brilliante visuelle Stilistik, geniale Kamera-Arbeiten (ein Beispiel von vielen: 'Soy Cuba', Regie: Michael Kalatozov, Kamera: Sergej Urusevskij, für viele der beste Kameramann aller Zeiten; unerreicht: seine bewegliche, schräge Handkamera), sowie ein vielschichtiger, ein intellektueller, manchmal tief spiritueller Zugang zu Menschen und deren Geschichten.

Zu den zentralen Gestaltern des sowjetischen Tauwetters gehörten im wesentlichen drei Gruppen von Regisseuren:

Alte Meister, Kriegsveteranen und Musterschüler

•Alte Meister, die noch in der Stummfilmzeit debütiert hatten, wie Michael Romm (Pflicht: das melancholische Liebes/Wissenschaftsdrama '9 Tage eines Jahres') und Michael Kalatozov ('Wenn die Kraniche ziehen').
•Kriegsveteranen, wie Marlen Chuciev oder Vladimir Vengerov
(großes Kino: 'Die Arbeitersiedlung').
•Und schließlich die jüngere Generation der Schüler, deren bekanntester und wirkmächtigster Protagonist zweifellos Andrej Tarkovskij war.

Die Urfassung von 'Andrej Rubljow', seines, wie es im Programm zur Schau treffend heißt, ' kinematografischen Bildungsromans situiert in einer Zeit der Finsternis, kreisend um den Ikonenmaler Andrej Rubljow' bildet auch einen Höhepunkt in der schon in den ersten Tagen sehr gut besuchten Filmschau.

Das Österreichische Filmmuseum hat zahlreiche Filme (Kurator: Olaf Möller) dieser glücklichen 'Zwischenzeit' entstaubt, enteist und aufbereitet – Werke von zeitloser Schönheit allesamt, höchst empfehlenswert und in Österreich, überhaupt außerhalb Russlands, nie in dieser Dichte gezeigt.
Bis 4. April.

-Marko Locatin

Infos und Programm: www.filmmuseum.at

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