Ein Typ für alle Fälle: P. S. Hoffman spitzt selbst die biederste Rolle exzentrisch zu

Philip Seymour Hoffman, schillerndster Nebendarsteller der Welt, überzeugt in jeder Rolle: Am 17. 4. startet sein Film „Radio Rock Revolution“, bei den Wiener Festwochen zeigt er sich als Bühnenstar.

Hamlet zu spielen“, sagt Philip Seymour Hoffman in einem Interview mit der „New York Times“, „das interessiert mich nicht. Das will doch jeder.“ Wirklich großartig zu sein, und zwar in jeder noch so kleinen Rolle, das sei der Deal. Nun versucht das wahrscheinlich jeder ernsthafte Schauspieler, aber nicht jedem gelingt es, seine Passion, sein Leiden so gut zu promoten wie Hoffman. Verkündete Clint Eastwood anlässlich seiner großartigen Veteranenparabel „Gran Torino“, damit zum letzten Mal vor der Kamera gestanden zu sein, meint Hoffman ganz ernst: „Das ist ein Gefühl, das ich bei jedem Film habe.“ Zugegeben, in Rollen gedacht, erfindet sich Philip Seymour Hoffman tatsächlich jedes Mal neu. Wie groß die Spannbreite und damit offenbar auch Glaubwürdigkeit des New Yorkers ist, zeigt sich ganz aktuell: In der oberflächlich erzählten flockigen Sixties-Radiopiraten-Komödie „Radio Rock Revolution“ tritt er in einer kleinen Nebenrolle als frohgemuter DJ auf, der einen schüchternen Neuankömmling in der Szene schon mal gerne auf den Mund küsst und ihm auf den Po klopft. Bei den Wiener Festwochen interpretiert Hoffman hingegen ab 14. 6. Weltliteratur. Unter der Regie von Peter Sellars wird er in William Shakespeares „Othello“ auftreten. Die Rolle des dämonischen Jago kann man sich für den blonden, blauäugigen, recht gemütlich wirkenden Hoffman nur schwer vorstellen.

Wandelbarkeit als Markenzeichen
Wandelbarkeit ist aber eine der vorzüglichsten Eigenschaften des 42-Jährigen. In rund vierzig großteils namhaften Produktionen – vom seelisch vereinsamten Sonderling in „Happiness“ über den schwulen Priester in „Glaubensfrage“ und den verklemmten, in eine Schülerin verliebten Lehrer in Spike Lees „25th Hour“ bis zum mürrischen CIA-Agenten in „Der Krieg des Charlie Wilson“ hat Hoffman keine Gelegenheit ausgelassen, selbst die biederste Rolle exzentrisch zuzuspitzen. Dass er als Geheimagent mit dem Habitus eines Wanderzirkusdirektors – nach hinten getrimmte Haare, getönte Brille, Schnauzer, ein Sakko, getragen wie eine Arbeitsjacke – dennoch nicht lächerlich wirkte, sondern selbst als wandelnder Kostümfundus glaubwürdiger als Tom Hanks mit seinem ständig verkniffenen Congressman-Gesicht wirkte, ist bemerkenswert. „Schauspielen bedeutet Folter für mich“, sagt der zur öffentlichen Selbstgeißelung („bin nicht attraktiv“, „war nicht gut“) neigende Akteur. „Spaß an der Arbeit gibt es erst, wenn sie vorbei ist.“ Diese Verbissenheit ist Hoffmans Figuren nur selten anzumerken. In „Capote“ eventuell, für den der vielleicht gefragteste Nebendarsteller der Welt plötzlich in die erste Reihe rückte. Er erhielt dafür trotz – oder gerade wegen – seines erratischen Spiels und der fürchterlichen Fistelstimme (imitierte Sean Penn dieses Sprechen für „Harvey Milk“?) den Oscar.

Moderner Dionysos?
Was macht Phil Hoffman, wie er sich selbst zeitweise nennt, so erfolgreich? Festwochen-Regisseur Peter Sellars spricht von einer „perversen Imagination“, die Hoffman auf ihn ausübe. Tatsächlich erzeugt Hoffmans Äußeres oft eine deutliche Spannung zu seinen Rollen. Der Kopf in den Proportionen eines Kindes im Wachstum, der Körper massiv, die Erscheinung dünnhäutig. Sein Gesicht weiß er zu inszenieren, mal babyweich, mal zotteliger Bursche. Hoffman sieht aus, als hätte jemand aus hellem Holz eine moderne Version des Dionysos geschnitzt. Seit er 22 Jahre alt ist, trinkt der Sohn einer Anwältin keinen Alkohol mehr. Kurz nach dem Abschluss der Highschool wurde er angeblich auf Entzug geschickt. „Ich habe alles genommen, Alkohol, Drogen, Tabletten“, erzählt er, der auch hinsichtlich der eigenen Biografie auf eine gewisse innere Spannung bedacht scheint. Abgesehen von solchen den Mythos befördernden Selbstbeschreibungen verfügt der Mime aber vor allem über eine reiche – hierzulande kaum bekannte – Bühnenerfahrung. Schon während der Schulzeit habe eine Theateraufführung eine Art Erweckung bei ihm ausgelöst, erinnert er sich. Während das Kino ihm seit zwanzig Jahren so nebenbei passiert, waren die Ausbildungen an der Syracuse University oder der Tisch School der N.Y.U. beabsichtigt. Ebenso wie zahlreiche Engagements auf – oder als Regisseur vor – der Bühne: In den angesagten Trafalgar Studios in London, West End, inszenierte er zuletzt „Riflemind“, in dem die gealterten Mitglieder einer 80er-Jahre-Rockband sich wieder vereinigen.

Glänzende Broadway-Erfolge
Am Broadway glänzte Hoffman unter anderem in Eugene O’Neills Stück „Long Day’s Journey into Night“. Auch in der hymnisch gefeierten schrägen Off-Broadway-Komödie „Jack Goes Boating“ überzeugte er Fans und Kritik. Derzeit versucht er sich an einer Adaption fürs Kino und damit auch erstmals als Filmregisseur. Hoffman hat Bob Glaudinis Kammerstück über zwei nicht mehr ganz junge Männer und Frauen, die sich permanent einrauchen, mit der LAByrinth Theater Company inszeniert, deren künstlerischer Ko-Leiter er auch ist. Ein der ethnischen Diversität verpflichtetes Theaterkollektiv, das den Anspruch hat, Stücke auch selbst zu produzieren. Für Hoffman „ein Herzensprojekt“. Das jüngste Gerücht besagt, dass im nächsten „Batman“-Sequel ausgerechnet Hoffman den absolut bösen und deshalb heuer posthum mit dem Oscar ausgezeichneten Heath Ledger als Joker noch toppen soll: als Batmans Gegenspieler Pinguin.

Im Bild: Philip Seymour Hoffman als schriller DJ am Radio-Piraten-Schiff in „Radio Rock Revolution“.

Von Gunnar Landsgesell

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