Dorotheum versteigert Objekte
afrikanischer Stammeskunst

International boomt das Geschäft mit außereuropäischer Kunst und Stammeskunst. Nun hat auch das Wiener Dorotheum diese Sparte eingerichtet. Die erste Afrika-Auktion findet nächste Woche statt. Ein Blick auf die heimische Sammler-Szene.

Er war berühmt für sein scharfes Auge, seinen ausgeprägten Jagdinstinkt und seine unstillbare Sammelleidenschaft. Und die betraf nicht nur Schiele, Klimt oder Kokoschka. Schon in den frühen 1960ern begann Rudolf Leopold auch außereuropäische Stammeskunst zu sammeln. Als 1994 die Leopold-Stiftung gegründet wurde und schließlich 2001 zum Leopold-Museum führte, wanderte nur ein Teil seiner Tribal-Art-Stücke in die Stiftung. „Es gab noch vieles darüber hinaus, das im privaten Bestand in Leopolds Wohnhaus verblieb“, sagt Erwin Melchardt, langjähriger Kunstkritiker der „Kronen Zeitung“ und seit Herbst vorigen Jahres Experte des Dorotheums. Dort ist Melchardt, der selbst seit Jahrzehnten auf dem Gebiet sammelt, zuständig für die neue Sparte des Auktionshauses für außereuropäische Kunst und Stammeskunst. Am 3. Mai findet die erste Auktion statt. Ihr Titel: „Stammeskunst / Tribal Art Afrika. Objekte aus der ‚unbekannten‘ Sammlung von Prof. Dr. Rudolf Leopold“. 152 Objekte afrikanischer Stammeskunst aus dem Leopold-Nachlass kommen unter den Hammer. Die Schätzwerte der Masken, Figuren und Ritualgegenstände liegen zwischen 150 und 20.000 Euro.

Marktbelebend

Es ist der Auftakt einer Initiative, mit der das Dorotheum „Wien auf die Landkarte des Sammelns und Handelns von außereuropäischer Kunst setzen“ will, wie Melchardt formuliert. Eine ganz leichte Aufgabe ist das nicht. „In Österreich existiert praktisch kein Markt“, sagt Herbert Stepic, Chef von Raiffeisen International. Stepic, selbst Sammler von Ethno-Kunst, hofft, dass die Dorotheums-Aktivitäten die Szene „aus dem Dornröschenschlaf erwecken und dadurch einige interessante Stücke auftauchen“. Er selbst will mit einer für Spätsommer geplanten großen Ausstellung seiner eigenen Sammlung nachhelfen.

Die Zahl der Händler und Galeristen außer- europäischer Kunst ist in Österreich buchstäblich an den Fingern einer Hand abzuzählen. Sammler gibt es, aber auch sie sind nicht sehr zahlreich. Dazu kommt: Während die Beamten ehemaliger Kolonialmächte wie Großbritannien, Frankreich, Belgien oder der Niederlande in großem Stil Souvenirs aus Afrika, Indien, Südostasien oder Ozeanien mit nachhause brachten, gibt es bei uns sehr viel weniger dieses früh und in situ gesammelten Materials. Experte Melchardt macht sich also keine unrealistischen Hoffnungen. Er rechne in Österreich nicht mit dem plötzlichen Auftauchen „uralter Raritäten aus Ozeanien“, sagt er, aber „das eine oder andere Stück gibt es, und man kann ein paar gute Afrika-Objekte erwarten“.

Jährlich zwei ordentlich bestückte Auktionen im mittleren Preissegment sollen in Zukunft stattfinden. Die Hoffnung ist, dass internationale Sammler und Händler von den hiesigen Auktionen angezogen werden und so den heimischen Markt beleben. Das große Geschäft mit Ethno-Kunst wird anderswo gemacht: Die Zentren liegen in Paris, Brüssel und New York. Dort finden auch die wichtigsten Messen statt; die Brüsseler BRUNEAF im Juni und der Pariser „Parcours des Mondes“ im September, an denen 60 bis 70 Händler aus aller Welt teilnehmen. „Wenn man sich für Stammeskunst interessiert, ist es ein Muss, nach Brüssel oder Paris zu fahren“, sagt Davut Mizrahi, der in seiner auf antike Teppiche spezialisierten Wiener Galerie auch ausgewählte Tribal-Art-Stücke aus Ozeanien, Papua-Neuguinea oder Afrika verkauft.

Stammesgemäße Preise

International absoluter Marktführer der Branche ist das Auktionshaus Sotheby’s. Unter den Top-Ten-Auktionsergebnissen für Tribal Art zwischen Dezember 2009 und Jänner 2010 belegte Sotheby’s fünf Plätze, darunter Platz eins: eine afrikanische Maske vom Stamm der Bamana in Mali um 1.408.750 Euro. Der Schätzwert des Stücks lag bei 300.000 bis 400.000 Euro. „Es gibt vielleicht ein paar Dutzend Käufe pro Jahr, die die astronomischen Preise konstant halten, die verlangt und auch bezahlt werden“, sagt der auf australisches Aborigines-Material spezialisierte österreichische Sammler Alexander David, Drogenbeauftragter der Stadt Wien, und fügt einschränkend hinzu: „Trotzdem ist gute Stammeskunst vor allem im Vergleich zur klassischen Moderne immer noch sehr preiswert.“

Dass die Preise in den letzten zehn Jahren explodiert seien – besonders für Afrika und Ozeanien –, hält auch Gerhard Merzeder Chefredakteur des Magazins „A4“, Fotograf und selbst Sammler, „für reißerisch schlecht formulierten Unsinn“. Denn die Preise von „sauber dokumentierten und rechtlich unanfechtbaren Spitzenstücken“ der Tribal Art, so Merzeder, stiegen zwar tatsächlich, „aber maßvoll und immer noch unverhältnismäßig langsam“.

Wenig beeinflusst den Preis außereuropäischer Ritualkunst mehr als die Provenienz. In dem Maß, in dem Fälschungen aufgrund der wachsenden Nachfrage zu einem großen Problem wurden, nahm die Bedeutung der lückenlos nachvollziehbaren Herkunft eines Objekts zu. Je älter und bekannter die Sammlung, aus der ein zum Verkauf angebotenes Objekt stammt, desto besser. „Von zwei Objekten gleich guter Qualität würde jenes, dessen Provenienz zum Beispiel auf James Cook als Sammler zurückzuführen wäre, am Markt um ein Vielfaches teurer sein“, sagt Alexander David. Für den Wiener Indonesien- und Afrika-Sammler Tibor Kiss ist das verstärkte Kaufen aufgrund der Provenienz auch „Ausdruck von Unsicherheit“ in einem Markt, in dem immer wieder selbst ernannte Experten, enttarnte Fälschungen oder erfundene Quellen die Unsicherheit geschürt haben. Für die, die sich gut auskennen, bietet das Sammeln allerdings, so Experte Merzeder, „spannende Chancen und Möglichkeiten“.

– Julia Kospach

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