Die ganze Welt in einer Kammer

Die ganze Welt in einer Kammer

Noch drei Monate bis zur Wiedereröffnung der Kunstkammer im Kunsthistorischen Museum. KHM-Generaldirektorin Haag gibt FORMAT vorab Einblicke.

Eine geniale Begabung, aber wohl auch ein höllischer Angeber: So lautete über Jahrhunderte die einhellige Meinung der Kunstgeschichte über Benvenuto Cellini, den großen florentinischen Bildhauer des 16. Jahrhunderts und Schöpfer der "Saliera“. Prahlte Cellini doch in seiner Autobiografie, er habe die zwei Goldfiguren des berühmtesten Salzgefäßes der Welt und die Basisplatte, auf der sie montiert sind, freihändig aus hauchdünnem Goldblech getrieben. Unwahrscheinlich, sagten die Experten. Kürzlich haben Spezialuntersuchungen ergeben: Jedes Wort des Künstlers ist wahr. Genau so war es. "Man kann sich nur verbeugen vor diesem Virtuosenstück der Handwerkskunst“, sagt Sabine Haag, die Direktorin des Kunsthistorischen Museums (KHM). Das goldene Renaissance-Meisterwerk, das einen geschätzten Versicherungswert von atemberaubenden 50 Millionen Euro auf die Waage bringt, ist, so Haag, "das Leitobjekt der Kunstkammer“ des KHM.

Erster Einblick. Anschauen konnte man sich die "Saliera“ in den letzten zehn Jahren allerdings nicht. Die Räumlichkeiten der Kunstkammer des KHM sind seit 2002 geschlossen, die "Saliera“ lag noch dazu nach einem der spektakulärsten Kunstraube aller Zeiten zwischen 2003 und 2006 unter dem Bett eines zum Dieb gewordenen Wiener Sicherheitstechnikers. Doch dieser Super-GAU ist Geschichte, die "Saliera“ ist unbeschadet zurück, und am 28. Februar 2013 öffnet die neue Kunstkammer mitsamt der "Saliera“ in einem eigenen Saal. Die einzigartige Objektsammlung der Habsburger, die als der bedeutendste Kunstkammer-Bestand der Welt gilt, wird dann wieder zu bewundern sein. Für Kulturministerin Claudia Schmied stellt die Wiedereröffnung einen "kulturpolitischen Höhepunkt dieser Legislaturperiode“ dar.

Einen kleinen Vorgeschmack auf die "Kunstkammer neu“ gibt es aber schon vorher. Denn ein "1st room, 1st view“ genannter Besuchertag am 12. Dezember macht den ersten komplett fertigen Raum der Kunstkammer, den sogenannten "Berger Saal“, einen Tag lang für die Öffentlichkeit zugänglich.

Zeitgleich erscheint dieser Tage im Wiener Christian Brandstätter Verlag auch ein Prachtband über die Kunstkammer. Und die KHM-Generaldirektorin selbst, die unter ihrem Vorgänger Wilfried Seipel als Kuratorin der alten Kunstkammer gearbeitet und über Elfenbeinskulpturen des 17. Jahrhunderts promoviert hat, versprüht Optimismus und Begeisterung. Kein Wunder: Die Kunstkammer ist ihre große Herzensangelegenheit. "Ein Reichtum, ein Glück und ein Privileg“ sei es, dass "uns die Welt des ausgehenden 16. Jahrhunderts in den Objekten der Kunstkammer quasi zu Füßen liegt.“

Gut finanziert

Dazu, dass die Wiedereröffnung von Dezember auf Februar verschoben werden musste, weil ein unterlegener Bieter das Vergabeverfahren für die Vitrinen beeinsprucht hat, sagt sie: "Wir sind gar nicht unglücklich darüber, im Februar haben wir sicher noch mehr Öffentlichkeitswirkung als vor Weihnachten.“ Auch dass die Finanzierungsverhandlungen und die Vorarbeiten so lange dauerten, dass erst 2009 mit dem Umbau begonnen werden konnte, ist für Haag kein Nachteil: "Ich glaube, dass es gut war, dass wir uns so viel Zeit nehmen mussten, weil wir dadurch wesentlich solider arbeiten und planen konnten.“

Alles bestens also? Es scheint so. 18,56 Millionen Euro, von denen das KHM 3,5 Millionen selbst via Sponsoren und Spenden aufbringen muss, sind in das Projekt geflossen. Der Eigenanteil, sagt Haag, sei fast erbracht, "bis Februar schaffen wir das sicher“. Der medienwirksame Verkauf von goldenen Fahrradhelmen und in Kooperation mit der Caritas hergestellten Handtaschen hat ebenso geholfen wie Spenden und übernommene Objektpatenschaften. Das vom Kulturministerium gewährte Budget wurde eingehalten, genauso wie der vorgegebene Zeitplan.

Konzeptkammer

Das Konzept der neuen Kunstkammer, sagt Sabine Haag, "verbindet das historische Ambiente des Hauses aus dem 19. Jahrhundert mit Museumserkenntnissen des frühen 21. Jahrhunderts“. Anders gesagt: "Ein Tageslichtmuseum mit freier Aufstellung der Objekte und veralteten Sicherheitsstandards, wie es die alten Kunstkammerräume waren, würde heute nicht mehr funktionieren.“ Stattdessen setzt man auf ein ausgefeiltes Beleuchtungs- und Farbkonzept für die 13 Räume, hat Vitrinen, die am neuesten Stand der Klima- und Sicherheitstechnik sind, und geht auch konzeptionell neue Wege: "Wir erzählen anhand der Objekte Geschichten.“

Also: Keine Großvitrinen mit Dutzenden Objekten mehr. Stattdessen repräsentative Auswahl beispielhafter Exponate. Der Besucher steht sehr viel mehr im Fokus, über iPads bei den Sitzbänken der Säle wird er sich vertiefende Informationen holen können. Haag: "Das, was wir unserem Publikum ab 28. Februar zeigen, ist das Beste, was derzeit möglich ist.“

Die Kunst- und Wunderkammern des 16. und 17. Jahrhunderts hält Haag für die "modernsten Sammlungsformen“ ihrer Zeit. Sie wollten nichts mehr und nichts weniger sein "als ein Spiegel des Wissens ihrer Zeit“. Ihre Blütezeit überschnitt sich mit dem Zeitalter der großen Entdeckungsreisen. Der Horizont der Alten Welt erweiterte sich, das Universum dehnte sich aus, und von den Rändern der Welt wurden nie gesehene Wunderlichkeiten und Raritäten an die Ufer Europas gespült: gewaltige Straußeneier und pelzige Kokosnüsse, Paradiesvogelbälger und Rhinozeroshörner, mythisch anmutende Narwalzähne und anmutige Korallenäste, leuchtende Smaragdkristalle und perlmuttglänzende Riesenmuscheln.

Sie wurden zu wertvollen Objekten der Begierde - genauso wertvoll wie das aufwendig bearbeitete Gold und Silber, in das die europäischen Fürsten sie fassen ließen, um sie zu Kunstobjekten wie Nashornpokalen, Narwalhornbechern oder Kokosnusskannen umzugestalten. Gemeinsam mit den feinsten Werken europäischer Handwerkskunst, mit Skulpturen und Prunkpokalen, wissenschaftlichen Geräten, Urkunden, Exotika aus fremden Kulturen, Reliquien, Kuriositäten oder teuren Geschenken wurden sie in den Kunst- und Wunderkammern aufbewahrt.

Glückliches Österreich, sammle! Das Sammelfieber ergriff das wohlhabende Bürgertum, vor allem aber die Fürstenhäuser Europas. Auch und gerade die Habsburger. Manische Sammler waren besonders zwei der drei Habsburger, auf die die Bestände der Kunstkammer im KHM zurückgehen: Erzherzog Ferdinand II. (1529-1595) und sein Neffe Kaiser Rudolf II. (1552-1612) - der Dritte im Bunde war Erzherzog Leopold Wilhelm (1614-1662). Ferdinand ging auf Schloss Ambras in Innsbruck, Rudolf auf dem Hradschin in Prag seinem Sammler-Werk nach. Was sie zusammentrugen, war so umfassend, dass es im ausgehenden 19. Jahrhundert zur Basis der neu gebauten Museen am Ring werden konnte.

Zumindest von der Ambraser Sammlung weiß man, dass schon im frühen 17. Jahrhundert, nur wenige Jahre nach dem Tod des Erzherzogs, regelmäßige Führungen durch das Schloss veranstaltet wurden. In diesem Sinne kann man die Kunst- und Wunderkammern der Renaissance als Vorläufer moderner Museen sehen.

Eine der großen Antriebsfedern war das Staunen über die Vielfalt der Welt. Dieses Staunen soll in der neu gestalteten Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums wiederaufleben. Die "Saliera“ des Benvenuto Cellini ist dafür das beste Beispiel: Im Sockel des Wunderwerks aus Gold, Email und Ebenholz, das eine allegorische Darstellung des Planeten Erde zeigt, sind Elfenbeinkugeln eingelassen, durch die sich die Saliera in alle Richtungen rollen ließ. Stieß der König sie an, versetzte er damit gleichsam die ganze Welt in Bewegung.

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