Die Viennale als Phänomen: Mit Nischen-
filmen zu jährlich neuen Publikumsrekorden

Die Viennale verblüfft jährlich die breite Öffentlichkeit mit nicht so bekannten Filmwerken und verzeichnet dennoch einen Publikumsansturm. Wie macht sie das bloß?

„Home Run“ – es scheint, als würde der Direktor altersmilde. Widmet Viennale-Chef Hans Hurch dem österreichischen Kino, dem er in den vergangenen Jahren mit kuratorischer Strenge oftmals eine Festivalpräsenz versagt hat, heuer doch eine eigene Programmleiste. Denkbar ist freilich auch, dass das „Neue Kino aus Österreich“ jüngst einen qualitativen Quantensprung erlebt hat. Wie auch immer, wer zwischen 22. Oktober und 4. November zur Prime-Time ins Künstlerhaus spaziert, wird dort zum Beispiel am 30. 10. einen Abend mit Josef Winkler (Lesung von ihm und Dokumentarfilm über ihn) verbringen, während etwa Lars von Triers „Antichrist“ am Nachmittag um 13.30 Uhr seine groteske Höllenfahrt beginnt. Aber um große Namen hat sich Hans Hurch noch nie gekümmert, rote Teppiche mögen anderswo aufgelegt werden.

Nischenfilme werden gestürmt
Die Viennale ist ein Phänomen. Sie hat keinen Wettbewerb, wie ihn etliche auch kleinere Filmfestivals betreiben. Sie zeigt jährlich nur eine Hand voll Filme, deren Urheber auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt sind (diesmal: die Coen-Brüder, Francis Ford Coppola, Werner Herzog, siehe auch die Filmtipps ). Und sie erhöht ihr eigenes Prestige nicht durch wichtigtuerische Programmschienen, deren Trennschärfe andere Festivals ohnehin immer wieder vermissen lassen (immerhin präsentiert die Viennale seit einigen Jahren mit ausgewählten Filmen in der Reihe „Propositions“ die Zukunft des Kinos). Trotz alledem entfacht Hans Hurch, der bereits im Sommer zur Vorankündigung lädt, jährlich einen regelrechten Hype. Filme, die das Jahr über als schwere Nischenprogramme gelten würden, werden im Oktober regelrecht gestürmt. Dokumentarfilme, von denen sich Verleihe keine Gewinne erwarten, füllen nun die Kinosäle.

Jährlich neuer Publikumsrekord
So abgehoben kann das Wiener Filmfest und so studentisch kann das Nachmittagspublikum gar nicht sein, wie manche unken, dass man nicht jährlich einen neuen Publikumsrekord erzielt. Auch wenn der Zuwachs vergangenes Jahr zur Abwechslung eher moderat ausfiel. Knapp 92.000 Besucher erhärten den Verdacht: Die Viennale ist ein Publikumsfestival, das seinesgleichen sucht. Wie aber lässt sich dieser Erfolg erklären? Dass das Interesse an diesem, sich zweifellos dem Spektakulären, Lauten verweigernden Festival nicht abebbt – dafür sorgt Hurch mit seiner Gabe, das Kino als haptisches, spürbares Erlebnis zu vermitteln. Dass er nebenbei Filme zeigt, die kaum je einen regulären Kinostart schaffen werden, und dass die Viennale gegen Ende des Jahres ein Best-of des großen Festivalbetriebs bietet, an dem kaum ein Filminteressierter teilhaben kann, ist obendrein schön.

Vater der philippinischen Filmszene
So werden heuer nicht wenige dem Tribute an den philippinischen Filmemacher Lino Brocka folgen: Im Normalbetrieb völlig unbekannt, gilt er mit seinen gesellschaftskritischen und teils enorm populären Produktionen als die Vaterfigur des aufstrebenden philippinischen Filmschaffens. Einige dieser Regisseure werden in Wien zugegen sein und über ihren persönlichen Zugang zu Brocka sprechen. Darunter auch Brillante Mendoza, der als einer der stilprägendsten Filmemacher des Weltkinos gilt. Seine neue Arbeit „Lola“, das Drama zweier Großmütter und ihrer kriminellen Enkel, wird im Programm zu sehen sein. Eine Entdeckung wert ist zweifellos auch die chinesische Filmemacherin Guo Xiaolu, die sich mit ihren filmischen Reisen zwischen den Kulturen und gesellschaftlichen Klassen als präzise Beobachterin erweist. Ihr ist die Werkschau „She, A Chinese“ gewidmet.

Großzügiges Budget schafft Freiräume
Wer derart verwegen programmiert, braucht gute Geldgeber, könnte sich manch einer denken. In Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny hat Hans Hurch einen solchen guten Partner. Ein sattes Budget von 2,8 Millionen Euro ermöglicht allerlei: die heurige Verlängerung des Festivals um einen Tag oder auch eine große Anzahl von Gästen, die weniger Glamour als in zahlreichen Gesprächen Kontakt zu ihrem Publikum herstellen. Darunter langjährige Gäste wie die Dokumentaristen James Benning, Volker Koepp oder Hartmut Bitomsky. Zum Vergleich, um auch die finanzielle Größe der Filmfestspiele von Wien zu verstehen: Das Filmfest München, das zweitgrößte Filmfestival Deutschlands (die Stadt verfügt mit der Bavaria zudem über den bedeutendsten Filmproduktionsstandort), hat um 1,1 Millionen Euro weniger Budget zur Verfügung.

Tilda Swinton als Stargast
Freilich: Wenn Jane Birkin einen persönlichen Wunsch des Direktors erfüllt, indem sie bei der Viennale als Chanson-Sängerin auf die Bühne steigt; oder wenn mit Jonathan Rosenbaum ein renommierter Filmkritiker sehr lustvoll ein Programm zusammenstellt (die Retrospektive der transgressiven US-Komödie), dann wirkt München spröde und Wien sehr unmittelbar und lebendig. Mit dem Tribute an die exaltierte britische Schauspielerin Tilda Swinton gibt es übrigens doch einen echten, leibhaftigen Weltstar bei der Viennale. Sie hat heuer bei der Berlinale, einem der drei wichtigsten Filmfestivals der Welt, den Juryvorsitz gehalten.

Von Gunnar Landsgesell

Viennale: 22. 10. – 4. 11., in Gartenbaukino, Metro Kino, Stadtkino, Urania & Künstlerhauskino. Vorverkauf ab 17. 10. Vorverkaufsstellen: Stubentor, Schottentor-Passage, Generali-Center sowie unter 0800/664 009 oder online: www.viennale.at

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