Die letzten Sätze von John Irving: Starautor über 'Letzte Nacht in Twisted River'

Im neuen Roman des US-Starautors John Irving verfolgt ein fatales Missverständnis zwei Menschen über 50 Jahre. Und ein Schriftsteller macht eine Karriere, die Irvings eigener aufs Haar gleicht.

Der letzte Satz seines neuen Romans fiel John Irving ein, während er im Behandlungszimmer seiner Handchirurgin wartete. Weil er kein Papier dabei hatte, griff er sich stattdessen den Rezeptblock seiner Ärztin, der auf dem Schreibtisch lag. „Als ich den Satz schrieb, kam sie rein und dachte natürlich, ich würde mir gerade selbst ein Rezept ausstellen“, erzählt Irving. Weit gefehlt: Statt eines Schmerzmittels notierte Irving: „Er hatte das Gefühl, dass das große Abenteuer seines Lebens erst begann – so musste sich sein Vater gefühlt haben, in den Nöten und Qualen seiner letzten Nacht in Twisted River.“

Legendäre letzte Sätze

Es ist eine legendäre Sache mit John Irving und seinen letzten Sätzen: Jedes neue Buch beginnt er stets mit dem letzten Satz und arbeitet sich von hinten nach vorne durch die Geschichte. Seine ersten Sätze mag er viele Male umschreiben, „der letzte Satz ­ändert sich nie“, sagt der US-Bestsellerautor, 68, den die „New York Times“ im Vorjahr „America’s modern day Charles Dickens“ nannte. Der Vergleich ist schon deswegen nicht unberechtigt, weil Irving zumeist große, dicke Romane schreibt, die vollgepackt sind mit Geschichten und Charakteren, von denen nicht wenige in die Kategorie des Grotesken gehören. Auch der neue Roman gehört dazu. Diesmal ist es Irving sogar gelungen – zum zweiten Mal seit seinem Ruhmbringer-Roman „Garp und wie er die Welt sah“ (1978) –, den Buchtitel in den letzten Satz einzubauen. „Ich erzwinge das nicht“, sagt Irving, „aber ich freue mich, wenn es mir gelingt.“ Das Buch heißt „Letzte Nacht in Twisted River“.

Als schriebe Irving über Irving

Die, die da noch eine allerletzte Nacht voller „Nöte und Qualen“ in dem Holzflößer-Nest Twisted River in den Wäldern New Hampshires verbringen, sind der italienischstämmige Koch Dominic Baciagalupo und sein 12-jähriger Sohn Daniel. Es ist das Jahr 1954. Am nächsten Morgen werden die beiden Twisted River fluchtartig und für immer verlassen, die nächsten fünf Jahrzehnte ihre Namen und Wohnorte mehrmals ändern und ein ­Leben auf der Flucht führen. Unter dem Pseudonym Danny Angel wird aus Daniel ein „weltberühmter Schriftsteller“ werden – bis aufs Haar gleicht die Entwicklung seiner Karriere der seines Erfinders John Irving: Wie bei Irving macht Daniel erst sein vierter Roman schlagartig berühmt, die Drehbuch-Adaption eines seiner Bücher gewinnt den Oscar (bei Irving war es 2000 die Verfilmung von „Gottes Werk und Teufels Beitrag“), wie Irving schreibt er einen Roman, in dem der Vietnamkrieg eine Rolle spielt (Irvings Bestseller „Owen Meany“, 1989), und wie Irving kann er sich der Einberufung nach Vietnam entziehen, weil er als junger, verheirateter Vater davon ausgenommen ist, und wie der junge, noch unbekannte Irving geht ­Daniel am „Writers’ Workshop“ der University of Iowa beim berühmten Kurt Vonnegut in die Schriftsteller-Lehre.

Banale Parallelen

Doch diese Parallelen, sagt John Irving, seien banal. „Letzte Nacht in Twisted River“ ist kein autobio­grafischer Schlüsselroman. Mit dem Schriftsteller Daniel als Helden gibt sich John Irving einmal mehr die Gelegenheit, über das Schreiben zu reflektieren, über die Entstehung von Geschichten und die Bedeutung der Imagination. „Ich habe Danny eine Kindheit und Jugend gegeben, die ihn fast zwingt, sich der Welt der Imagination zuzuwenden. Darin fühlt er sich wohler“, sagt Irving. Denn Dannys Wirklichkeit ist geprägt von Unfällen und Schicksalsschlägen: Seine Mutter Rosie stirbt noch in Twisted River, als er kaum zwei Jahre alt ist. Sie ertrinkt im Fluss. Später verliert er seinen einzigen Sohn, die große Liebe seines Lebens und schließlich seinen geliebten Vater Dominic.

Vertauschte Rollen

Ein Unfall ist es auch, der die über fünf Jahrzehnte laufende Geschichte ins Rollen bringt: Der 12-jährige Danny verwechselt Indianer-Jane, die massige Küchenhilfe seines Vaters, mit einem Bären und erschlägt sie mit einer gusseisernen Pfanne. Aus der guten Absicht, seinen Vater in der nächtlichen Dunkelheit seines Schlafzimmers vor einer grunzenden Bestie mit schwarzem Zottelpelz zu retten, wird der Totschlag einer heiß geliebten Babysitterin, die noch dazu zum betreffenden Zeitpunkt splitterfasernackt, stöhnend und mit offenem Haar auf seinem ebenfalls nackten Vater sitzt. „Es ist nicht deine Schuld, Daniel. Es war ein Unfall. Niemand ist schuld“, sagt Dominic zu ihm. „Unfall“ ist „eins seiner Lieblingswörter“, schreibt Irving.

Bären, Sex & tödliche Unfälle

Irving ist ein Autor, der schon fast manisch auf einige bestimmte Themen zurückkommt und sie in seinen Büchern immer wieder aufs Neue variiert. Ein paar davon sind New Hampshire und die Ostküste der USA, dann Wien, wo er einen Teil seiner Studienzeit verbracht hat, sein Lieblingssport Ringen, Bären, abwesende Mütter oder Väter, Schriftsteller und andere Schreibende, Sex – und, nicht zu vergessen, tödliche Unfälle. „Ich muss immer wieder über die Dinge schreiben, vor denen ich mich selbst zu Tode fürchte. Sie drängen sich mir auf, ich kann nicht anders.“ Irving fürchtet die Dinge, die er Danny – und seinem Vater Dominic – zustoßen lässt.

Ein ganz Großer

„Letzte Nacht in Twisted River“ hätte das Zeug zu einem der ganz großen Irving-Romane. Ein etwas ­genaueres Lektorat, das hier und da auf einer Streichung von Wiederholungen und auf Kürzung der allzu detaillierten Ausflüge in die Jahre in Iowa bestanden hätte, hätte dem Buch gut getan. Dass das Skurrile – und auch der skurrile Zufall und Unfall – eher die Regel als die Ausnahme ist, ist hingegen eine ­These Irvings, der man jederzeit gerne folgt.

Gut recherchierter Page-Turner

Seine Geschichte ist ebenso gefühlvoll wie sinnlich und spannend. Auch dieser Irving-Roman ist ein gut recherchierter Page-Turner, nur dass man halt ab und zu verführt ist, eine Seite zu überblättern. Seine Charaktere sind bunt – vor allem Dominics Freund Ketchum, der raue Holzflößer, der dem Koch und Danny ein ebenso treuer Freund ist, wie er Dannys er­trunkener Mutter ein zweiter Gefährte und Liebhaber war. Er ist die Figur, die einem in ihrer ungebremsten Hemmungslosigkeit, Großherzigkeit und Derbheit am längsten in Erinnerung bleiben wird. Und wenn der nächste Unfall passiert, könnte man das, Ketchum zitierend, einfach quittieren mit: „Heiliger Dünnschiss!“

Julia Kospach

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