Die ganze Richter-Skala: Die Albertina zeigt das Kunstbiz-Chamäleon in allen Farben

Die Albertina kann mit einer sensationell umfangreichen Schau über Gerhard Richter punkten. Dennoch rechnet Klaus Albrecht Schröder künftig mit Einbußen.

Im Zuge der Vorbereitung gab es schon Tage, wo man bis zu sechs­mal miteinander telefoniert habe, schil­dert Klaus Albrecht Schröder das Zustandekommen der großen Ausstellung mit dem deutschen Malstar Gerhard Richter in seinem Haus. Die per­sönliche Beziehung des Albertina-Chefs zu Richter reicht ins Jahr 2003 zurück, als man gerade Albrecht Dürer zeigte. Richter kam extra nach Wien, um sich die Schau an­zusehen und Kontakt aufzunehmen. Immerhin war er in Österreich zuletzt im Jahr 1986 mit einer Ausstellung präsent. Man war sich schnell einig, und so wird am 29. 1. eine große Richter-Retrospektive in der Albertina eröffnet, die mit Werken aus den 50er-Jahren startet und erstmals auch unbekannte Arbeiten zeigt, wie über 100 Aquarelle und Zeichnungen. „Richter selbst hat fünf sehr familiäre Arbeiten aus seinem Privatbesitz beigesteuert“, erzählt der Albertina-Boss, der bei der Schau auf den Grundstock von fünf großen Sammlungen zurückgreifen konnte.

Klare Vorstellungen
Ger­hard Richter ist ein Perfektionist, ein penibler Arbeiter, der seine Ausstellungen gerne selber plant und sich stark einbringt, was Hängung und Konzeption betrifft. So hat er bei seiner aktuellen Schau in Köln, die sich ausschließlich dem abstrakten Werk widmet, darauf bestanden, die gesamte Lichtdecke ausbauen zu lassen. Im Museum seines Sammlers Frieder Burda hat er die Hängung gleich selbst übernommen. In Wien lässt er sich, nach präzisen Vorbesprechungen, überraschen. Er reist erst zur Pressekonferenz seiner Ausstellung an. Von großen Medienauf­tritten hält er sowieso nicht viel, Kameras wie Tonbandgeräte machen den Künstler eher wortkarg. „Über Malerei zu reden ist nicht nur sehr schwierig, sondern vielleicht sogar sinnlos“, zieht er sich gerne aus dem Gefecht.

Chamäleon des Kunstbiz
77 Jahre wird der gebürtige Dresdner am 9. Februar. Der in dritter Ehe verheiratete Vater von vier Kindern – das jüngste ist drei – gilt nicht umsonst als das Chamäleon des Kunstbiz. Den typischen Richter gibt es nicht, höchstens für eine bestimmte Werkphase. Sein Œuvre ist nicht einordenbar, der Künstler selbst nicht festzulegen. „Ein ­Rubens ist der ganze Rubens, aber der ­einzelne Richter ist nie der ganze Richter, kann nie den ganzen Richter repräsentieren, seine Arbeiten müssen immer in Widerstreit mit sich selbst geraten“, bringt es Schröder vereinfacht auf den Punkt. Richter hat den Stilwechsel zum Gestaltungsprinzip erhoben. Seit Jahrzehnten im Kunstbetrieb tätig, schafft er es immer wieder, zu überraschen. Mit wechselnden Methoden und Motiven. Er hat stets gegen den Trend gearbeitet und damit neue Trends hervorgehoben: Richter streifte die Pop-Art, kommentierte den Fotorealismus, variierte Formen der Abstraktion, experimentierte mit Konzeptkunst und neuer Farbfeldmalerei; er bepinselte Fotografien, kreierte ein viel diskutiertes Fenster für den Kölner Dom und entwarf ein Cover für den US-Komponisten Steve Reich.

Im Höchstpreissegment  
Einzig was ­seine Marktpreise betrifft, ist er zuordenbar, und zwar dem Höchstpreissegment, vor allem am Sekundärmarkt, wo Kunst wie eine Aktie gehandelt wird. Eines ­seiner „Kerzen“-Gemälde etwa wurde für den Rekordpreis von 10,57 Millionen Euro versteigert. Auch ein Bild wie der „Düsenjäger“ aus dem Jahr 1963 ist nicht zuletzt durch einen Rekordpreis von 7,7 Mio. Euro in die Kunstgeschichte ein­gegangen. Das 1,3 mal 2 Meter große Gemälde zeigt einen Jet mit rasanter Geschwindigkeit vor apricotfarbenem Himmel durch die Luft schießen, verwischt, unruhig, als würde man das Bild durch eine Brille der falschen Stärke betrachten. Die Preisbildung selbst ist nach Markt­gesetzen leicht nachvollziehbar: Richter ist nicht vorhersagbar, ist einer der wenigen, die internationale Nachfrage von den USA bis in den Nahen Osten hervorgerufen ­haben. Zudem ist das Angebot ein wesentlich Geringeres als die Nachfrage.

Distanz als Prinzip
Den Künstler selbst interessiert das nur marginal. Er findet solche Rekordpreise obs­zön. „Das hätte, so Schröder, wohl mit dem Prinzip seines Denkens und Schaffens zu tun, das da lautet: Distanz. „Richter ist kein glühender Mensch, und hohe Preise bringen die Seele zum Wallen. Das liegt ihm nicht.“ Als späte Genugtuung mag er es allemal sehen. Immerhin wurde Richter – den der deutsche „Kunstkompass“ jüngst zum fünften Mal in Folge zum berühmtesten lebenden Künstler der Gegenwart gewählt hat – 1950 bei der Aufnahme an der Hochschule in Dresden abgelehnt. Heute zahlen Fans selbst für signierte Ausstellungs­plakate an die 3.000 Euro. Damit ist bei der Wiener Schau wohl nicht zu rechnen, einen Wow-Effekt wird sie allemal auslösen. Schröder jedenfalls freut sich über seinen Coup, der ein Paradoxon verkörpert: „ Einerseits will Gerhard Richter gerade in einem Haus, das mit Rubens, Picasso oder Dürer kanonprägend ist, selbst Teil dieses Kanons sein, auf der anderen Seite unterläuft er diesen mit seinem Prinzip der ­Indifferenz selbst permanent.“ Auch Richters Kommentar dazu bleibt knapp: „Meine Bilder sind klüger als ich.“

Albertina: Gerhard Richter, ab 29. 1.
Die Albertina zeigt eine Retrospektive, die mit 32 Monotypien der Jahre 1958/59 startet. Neben 100 unbekannten Aquarellen und Zeichnungen sind auch jüngste Arbeiten und fünf Werke aus dem Privatbesitz des Künstlers zu sehen: Eröffnung: Do., 29. 1., 18.30 Uhr.

Von Michaela Knapp

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