Die Lieblingsplatten der Kultur-Redaktion

Erwin Schrott - Rojotango

Erwin Schrott - Rojotango Er ist jung, strotzt vor Energie und sieht blendend aus – ein Alptraum für jeden Durchschnittssänger.“ Was die Zeitschrift „Opera News“ damit gemeint hat, wird spätestens dann klar, wenn Erwin Schrott den Raum betritt. Als Mann an der Seite von Anna Netrebko wurde er einer breiten Öffentlichkeit bekannt, heute gilt der 38-jährige Bassbariton als der beste Interpret der großen Mozart-Partien. Im Salzburger „Don Giovanni“ (2008 in der Regie von Claus Guth) gab er einen genialen Leporello, der zuweilen sogar seinem Herrn die Schau stahl. Im Februar sang er in Wien den Grafen Almaviva, derzeit steht er im Haus am Ring als Mephisto auf der Bühne.

Dass Erwin Schrott nicht nur ein vielumjubelter, sondern ebenso vielseitiger Sänger ist, beweist sein jüngster Wurf. Für sein Debütalbum bei Sony Classical hat er nämlich einen Seitensprung gewagt; weg von der Oper, hin zu der Musik seiner Heimat, dem Tango. Die Entscheidung Schrotts, gerade jetzt ein Tango-Album aufzunehmen, mag überraschen. Das stört den Südamerikaner aber nicht, ganz im Gegenteil. Einheitlichkeit gebe es ohnehin an jeder Ecke. „Im Tango liegen meine Wurzeln, er ist Teil meines Herzens“, sagt Erwin Schrott und erklärt, dass Oper und Tango viel mehr gemein haben, als man vermuten würde. „Drama, Leidenschaft, Schmerz und Leid – Tango ist für mich wie eine Oper vom Río de la Plata. Der größte Unterschied ist, dass sich in der Oper die dramatische Geschichte in drei Stunden entwickelt. Der Tenor verliebt sich in den Sopran. Dann tötet der Bariton den Tenor, der Sopran wird krank und stirbt. Am Ende bleibt der Bariton allein zurück und trauert um seine unerwiderte Liebe. All das gibt es im Tango auch, es dauert aber nur drei Minuten.“

Zwölf Lieder hat Erwin Schrott für sein Album „Rojotango“ ausgewählt, das im New Yorker Stadtteil Brooklyn entstanden ist. Neben Tangos von Astor Piazzolla, Pablo Ziegler oder Juan Carlos Cobián sind auch argentinische und brasilianische Lieder zu hören. Sämtliche Arrangements stammen aus der Feder des genialen Pablo Ziegler, der Erwin Schrotts dunklen, sinnlichen Bassbariton auch am Klavier begleitet. „Wir haben uns mit Pablo getroffen und erst einmal ein paar Jamsessions hingelegt“, erinnert sich Schrott und erzählt, dass jedes Lied eine sehr persönliche Bedeutung für ihn habe. „Mit ‚Gracias a la vida‘ wollte ich mich für all das Glück bedanken, das mir in meinem Leben widerfahren ist, während ‚Bocha‘ dem Andenken zweier lieber Freunde gewidmet ist.“ Gefühlstrunken, liebesglühend, zugleich zärtlich und sensibel – „Rojotango“ ist eine Hommage an die Welt des Tango, und die hat der Mann aus Montevideo ganz ohne Zweifel im Blut.

Ja, Panik - DMD KIU LIDT

Ja, Panik - DMD KIU LIDT Rockmusik macht ganz schön altklug, dass wusste Arne Zank schon 1995. Ein Jahr zuvor war Blumfelds L'Etat et Moi erschienen, es folgte der Durchbruch für Bands wie die Sterne und Tocotronic. Eine Musikrichtung die im Musikjournalisten-Sprech gerne Diskurs-Pop genannt wurde stand in voller Blüte und bescherte dem kleinen Hamburger Indie-Label L’age d’Or den Erfolg seines Lebens.

2011: L’age d’Or ist schon lange pleite, die meisten dort beheimateten Bands haben sich aufgelöst und deutschsprachige Popmusik wurde bis auf wenige Ausnahmen zu belanglosem Deutsch-Rock degradiert.

Da ist es ausgerechnet eine österreichische Band, die das deutschsprachige Pop-Feuilleton zu Begeisterungsstürmen anregt wie schon lange nichts mehr. Von Meisterwerk ist da die Rede und dem wichtigsten deutschsprachigen Werk der letzten 15 Jahre. Man scheut sich nicht vor Vergleichen mit Nirvana und Falco, ja sogar Bob Dylan und Bertolt Brecht und beschwört eine neue Generation dissidenter Gitarrenbands. Und wahrhaftig, man wagt nicht zu widersprechen.

Mit ihrem vierten Album DMD KIU LIDT (Die Manifestation der Traurigkeit in unserem Leben ist der Kapitalismus) sind Ja, Panik nicht unbedingt erwachsen geworden, erwachsen waren sie irgendwie ja immer schon, oder eben altklug. Doch der Umzug nach Berlin 2008 löste scheinbar eine Art Reifeprozess aus, ein Verlauf der in Resignation mündete, in Abgeklärtheit – in der großen Traurigkeit.

Indie-Hits wie " Alles Hin, Hin, Hin " und " Marathon " sucht man auf dem neuen Album vergeblich. 2011 gibt es bei Ja, Panik keinen greifbaren Titel mehr, keine eingängigen Hooklines, keine mitgrölbaren Parolen. Nur die verzweifelte Wut ist geblieben.

„ Von mir aus sollen sie Bomben hintragen zu der grauslichen Bagage, ich werd nicht daran denken eine Träne zu zerdrücken, nicht für Angela und ganz sicher nicht für Nikolas, ich werd viel eher in den Knast Bonbonniere schicken “ singt Andreas Spechtl fast hysterisch im bombastischen Abschlussstück „DMD KIU LIDT“ und schon debattiert man in deutschen Qualitätsmedien wie anti Pop denn sein darf .

Vollgestopft mit Zitaten und Referenzen verstellen Andreas Spechtls Texte oft die Sicht auf das, was die Songs sind: Kleine Momentaufnahmen und große Erzählungen. Die teils radikale Abwehrhaltung ist eine ganz persönliche.

Schlussendlich gipfelt alles im 15. und letzten Stück DMD KIU LIDT . Ein gewaltiges 14-minütiges Epos das mit den Worten „ Also lass es mich doch zu Ende bringen, lass mich mein seltsames Lied jetzt zu Ende singen. Du kannst zuhören, oder gehen, nur sei still, sei so lieb, da kommen noch ein paar Strophen, an denen mir mehr als an allen andern liegt. “ schließt. Dann folgen sechs Minuten Stille. Wahnsinn.

Foo Fighters - Wasting Light

Foo Fighters - Wasting Light Die Foo Fighters sind schon lange da angelangt wo Nirvana nie hin wollten. Sie sind die vielleicht größte Rockband der heutigen Zeit – doch Neider sucht man vergebens.

Das mag daran liegen, dass sich Dave Grohl und seine Mannen regelmäßig um den Titel sympathischste Rockband der Welt bewerben. Die entspannten, humorvollen Typen von nebenan nimmt man ihnen trotz Multi-Myriaden-Dollar-Plattenverträgen und ausverkauften Stadienshows locker ab.

Dieser Tage erscheint, 15 Jahre nach Gründung, das siebte Studioalbum der Foo Fighters „Wasting Light“. Es ist ihr vielleicht härtestes und – soviel sei vorweggenommen - bestes Album.

Mit ins Boot geholt wurden Idole, Freunde und Weggefährten aus alten Tagen. So ist Pat Smear wieder festes Mitglied der Band, erstmals wurde wieder mit Butch Vig, dem Produzenten des legendären "Nevermind“ Albums zusammengearbeitet. Ex-Nirvana Bassist Krist Novoselic gibt ebenso ein Gastspiel wie Motörheads Lemmy und Hüsker Dü Frontman Bob Mould. Die Songs der Platte entstanden in Dave Grohls Garage im kalifornischen San Fernando Valley - und das komplett analog. Soweit zum Entstehungsprozess.

Schon die ersten Takte von „Wasting Light“ zeigen wo es lang geht. Gitarren, Schlagzeug und Grohls einzigartige Stimme legen los als gäbe es kein Morgen. Doch auch große Melodien kommen nicht zu kurz. Schon lange klan¬gen die Foo Figh¬ters nicht mehr so sexy, Dave Grohls Songwriting nicht mehr so frisch. Fast hat man das Gefühl als hätten sie den Spaß an der Musik wiederentdeckt. Selbst vermeintliche Füllsongs entpuppen sich nach mehrmaligem Durchlauf als wahre Schmuckstücke.

Wasting Light zählt mit "The Colour And The Shape" sicher zu den besten Foo Fighters-Alben. Fans werden begeistert sein.

Kreisky - Trouble

Kreisky - Trouble Glücklicherweise gibt es im Popgeschäft oft eine Diskrepanz zwischen Bühnenwirklichkeit und Alltagsrealität. Sonst hätte man nämlich auf die Schnelle ein arges Problem, wenn man sich mit der österreichischen Band Kreisky zum Gespräch trifft. Bei Auftritten gibt das Quartett nämlich üblicher weise lupenreine Rampensäue, die ordentlich Krach machen und der Welt dabei gepflegt grantig mit dem Arsch ins Gesicht fahren. Im Gespräch allerdings hat man es mit deutlich ruhigeren, entspannteren Zeitgenossen zu tun. Vielleicht ein klein wenig genervt, wenn man sie auf Exkanzler Kreisky anspricht. Ganz zufällig war die Namenswahl ja nicht. „Es gibt nur wenige Politiker, nach denen man Bands benennen kann“, erklärt Sänger Franz A. Wenzl. „Sinowatz ist gleich ausgeschieden. Kreisky steht für Lokalkolorit und Internationalität zugleich.“ Der Gitarrist der Band, Martin Offenhuber, wird deutlicher: „Kreisky hatte Ideale, und die hielt er einem wirtschaftlich geprägten Gesellschaftsbild entgegen. Dieses Dagegen halten kann man durchaus in unsere eigene Haltung übertragen – daraus ergibt sich automatisch eine Unangepasstheit.“

Die Marschrichtung ist also klar: Es geht wider die Oberflächlichkeiten unserer Gesellschaft, bitterböser Sarkasmus, der Luft zum Atmen schafft, wird frei Haus mitgeliefert. „Die deutsche Rockmusik war in den letzten Jahren geprägt von innerer Einkehr, Selbstintrospektion und Melancholie. Wir haben probiert, das Vakuum an Grant, das in der deutschen Rockmusik existierte, zu füllen. Es tut gut, eine grobe, rohe Band zu sein, die nicht ewig jugendlich ist“, erörtert Martin Offenhuber das zugrunde liegende Konzept der Gruppe. Frontmann Franz Adrian Wenzl setzt hinzu: „Das Um und Auf bei unseren Texten ist aber nicht, worauf geschimpft wird, sondern die Haltung des Schimpfenden.“

Eine Haltung, die sich am Ende April erscheinenden, mittlerweile dritten Longplayer „Trouble“ (Wohnzimmer) ein wenig geändert hat. „Nach zwei Platten haben wir uns einen fast schon comichaften Ruf als schlecht gelaunte Band erarbeitet. Da ist es gut, die eigene Erzählhaltung zu hinterfragen. Der Schimpfende zeigt diesmal mehr Mitgefühl seiner Umwelt gegenüber.“

Mitgefühl darf hier aber nicht mit beginnender Altersmilde von Mittdreißigern verwechselt werden, denn die Sätze, die gegen gesellschaftliche Phänomene geworfen werden, sind nach wie vor messerscharf.

Gut gespielt

Das zeigt bereits die erste Singleauskoppelung „Scheiße, Schauspieler“, eine Abrechnung mit Mimen, die mit nervtötender Penetranz den Alltag mit der Bühne verwechseln. „Den Satz ‚Endlich, das war schon lange überfällig‘ haben wir oft gehört. Es hat vor allem Spaß gemacht, einen Berufsstand anzugreifen, der auch mit vielen Vorurteilen zu kämpfen hat, aber an sich sehr angesehen ist“, so Wenzl über das erste Feedback zur Nummer. Der Videoclip zum Song wartet etwa mit einer Gilde bekannter Schauspielgesichter auf. TV- und Bühnenstars wie Alexander Pschill, Lilian Klebow, Michael Ostrowski, Andreas Kiendl oder Ursula Strauss sind darin zu sehen und stellen sich in einer Castingsituation der Band. Nicht ganz untypisch für Kreisky, vollführt die scheinbare Hasstirade dann eine inhaltliche Volte und wird zu einer Art Selbstzerfleischung, die alles infrage stellt.

Im Musikvideo schleudert ein entfesselter Wenzl einer aufgebrachten Ruth Brauer ein „Martin sieht aus, als würde er jeden Moment explodieren – hoffentlich treffen seine Trümmer die Burg-Wichser“ entgegen; Selbstironie-Alarm? Mitnichten, wie Martin Offenhuber verdeutlicht: „Wir sind eine seriöse Rockband. Aber auch wenn man ein Thema ernst nimmt, darf man sich selbst nicht zu hundert Prozent ernst nehmen.“

Wut im Anzug

Seriosität in dieser Hinsicht verleihen sicher auch Anzüge. Sie gehören irgendwie zur CI der Band, die sich vor sechs Jahren formiert hat. Gut gekleidet die Sau rauslassen, so fällt man auf, so bleibt man in Erinnerung. Verkleidung für die Bühne oder gar Kalkül ist das aber keines: „Ein Konzert ist einfach ein feierlicher Moment, und den sollte man würdig begehen – im Anzug“, verdeutlicht Offenhuber, der verrät, dass die Würde des Quartetts demnächst maßgefertigt daherkommt: „Der österreichische Designer Wilfried Mayer hat Maßanfertigungen für uns geschneidert. Wir fungieren als Träger für seine neue Kollektion.“ Und, wer hat die besten Anzüge an im Popgeschäft? „Unser Schlagzeuger Klaus, der sehr modebewusst ist, würde wohl sagen Morrissey. Aber auch Nick Cave und die Bad Seeds sind gut gekleidet“, erklärt Offenhuber, und Franz Adrian Wenzl fügt lachend hinzu: „Ich kenne eine Unmenge schlecht angezogener Bands. Vor allem die 70er-Jahre-Rockbands, die ich so höre, schauen zum Teil aus … ein Wahnsinn.“

Nebenschauplätze

Ein interessanter Aspekt, denn so stilsicher sich der 34-jährige Wenzl als Frontmann von Kreisky auf der Bühne bewegt, so bewusst geschmacklos tritt er als Austrofred in Erscheinung. In Spandex-Hosen, Lack und Leder und mit viel Verve singt er als Freddie-Mercury-Verschnitt berühmte Austropop-Zeilen zu Queen-Hymnen. Geschickt hat der gebürtige Oberösterreicher seine Kunstfigur ausgebaut, auf die Theaterbühne gebracht und drei Bücher geschrieben.

Die Figur ist populär, das kommt letztlich auch dem Bandprojekt Kreisky zugute: „Es ist psychohygienisch wichtig, dass wir alle noch in anderen Bands spielen und Nebenprojekte haben. So werden Grabenkämpfe bereits im Vorfeld vermieden, weil jeder Energien woanders abführen kann.“ Und auch Martin Offenhuber hat mit den zwei Kreisky-Mitgliedern Klaus Mitter und Gregor Tischberger eine kreative Ausweichstelle – die Band MORD.

„Wir haben alle eine starke Leidenschaft für Musik, die andere Ventile braucht und uns an musikalische Ränder führt, die weiter außen liegen. Zudem haben wir das Glück, dass sich die Konstellation Kreisky zu einem Zeitpunkt ergeben hat, als sich alle Mitglieder schon ihre musikalischen Hörner abgestoßen haben“, erörtert Offenhuber.

Energien sind trotzdem genug da. Nicht zuletzt bei Konzertauftritten von Kreisky, die oft sehr energisch, mit viel aufgestauter und dann freigelassener Wut über die Bühne gehen. „Es hat schon einige Konzerte gegeben, bei denen es mir den Vogel rausg’haut hat“, erinnert sich Wenzl und fügt entschuldigend hinzu: „Mir ist es nachher immer ein wenig peinlich, wenn ich den Konzertgästen ungeschönt alles entgegenschleudere.“ Allerdings – darauf kommt es in Wirklichkeit an, meint Offenhuber: „Man will auf der Bühne Typen sehen, die nicht einfach ihre Nummern runterspielen, sondern das alles irgendwie erleben.“

- Manfred Gram, Marco Magharai

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