Die Krise als Thema in der Literatur

Die Krise als Thema in der Literatur

Ob im Roman, im Sachbuch oder im Krimi - das Leben in Zeiten der Finanzkrise ist in der Literatur angekommen und auch auf der Buch Wien Thema der Stunde.

Auf der Visitenkarte meines ehemaligen Bankberaters stand nur sein Name. Alles andere ändere sich so schnell, sagte er. Ich suchte das Bedauern in seiner Stimme, fand es aber nicht.“ - Kurze Einschübe dieser Art über Begegnungen mit seinem Bank- und Lebensberater sind die raffinierten Kniffe des neuen Romans von Tilman Rammstedt . Das Kernstück der Meta-Erzählung über die Entstehung eines Romans aber sind Mails an Bruce Willis, in denen Rammstedt den Actionstar um einen Gastauftritt in seiner Story bittet.

Am 22. 11. ist der 37-jährige Berliner mit seinem schrägen wie vielschichtigen Band " Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters “ auf der Buch Wien zu Gast. Auch wenn Rammstedt mit seiner Skizze über einen sonderbaren Vertreter der Berufsgruppe Bankberater wohl nicht darauf abzielt, trifft er den Nerv der Zeit: Krise, Verunsicherung, Wertewandel. Das belegen zahlreichen Neuerscheinungen in unterschiedlichen Genres.

Boni & Moral

Mag sein, dass sich zeitgebundene Themen wie Wirtschaftskrise und Bankenpleiten besser für ein Sachbuch oder einen Kriminalroman eignen. Aber auch die Romane dieses Herbstes, die sich mit Leben und Gesellschaft in Zeiten der Krise beschäftigen und Werteverfall, Geiz, Ohnmacht und Angst unterhaltsam analysieren, laufen wohl kaum Gefahr, schon in wenigen Jahren nicht mehr verständlich zu sein: Zum einen ist es " Kapital “ des Briten John Lanchester . Er erzählt anhand der Bewohner eines Londoner Luxusviertels von Status und Schulden und schildert auch detailreich und mit Witz die psychisch-moralische Zerrüttung der Banker, wenn der erwartete Millionenbonus nicht mehr ausbezahlt wird.

Zum anderen ist es Rainald Goetz lang erwarteter Thesenroman " Johann Holtrop “ über einen erfolgreichen Vorstandsvorsitzenden, hinter dem unschwer Thomas Middelhoff zu erkennen ist. Von unglaublichem Hass getrieben, erweist sich der ehemalige Punk-Literat Goetz als Moralist und analysiert die Wirtschaftskrise der Nullerjahre in einem wuchtigen Bild über Männer, Macht und die Herrschaft des Kapitals.

Leichtfüßiger geht da Tilman Rammstedts bereits erwähnter Bankberater an die Sache heran. Man könne das Wachstum gar nicht verhindern, erklärt er. "Wenn die Wirtschaft schrumpft, wachsen die Schulden. Wenn die Haare ausfallen, wächst die Glatze. Auch mein Geld sei also nicht direkt weg, ich hätte dafür etwas anderes bekommen. Nun müssen wir nur noch herausfinden, was das ist, sagte er und klopfte mir auf die Schulter. Ist das nicht aufregend?, fragte er. Ich weiß nicht mehr, ob ich nickte.“

So einfach. So kompliziert.

Mehr Stoff zur Krise:

1. Wolfgang Kaes: "Das Gesetz der Gier“
C. Bertelsmann
Bei der Produktion von Designerjeans sterben in Istanbul junge Arbeiter an Staublunge. Ein Krimi über Mode, Mord & Moral und die brutale Seite der Globalisierung. € 19,99

2 Edo Popovic’: "Der Aufstand der Ungenießbaren“
Luchterhand
Der schräge Kampf einer provokanten Gruppe Konsumverweigerer gegen die Profitgier einer Wirtschaftsholding. Coole Sprache! € 17,99

3 Christian Ortner: "Prolokratie. Demokratisch in die Pleite“
edition a, ab 20. November
In seiner Streitschrift sagt Ortner: Die Demokratie ist früher oder später zum Bankrott verurteilt, denn die bildungsferne Masse regiert den Staat in den Untergang. Provokanter Stoff. € 14,90

4 Tilman Rammstedt: "Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“
Dumont
Der eigenwillige Mailroman verbindet das Schicksal eines Bankberaters mit jenem von Bruce Willis. € 18,99

5 John Jeremiah Sullivan: "Pulphead“
Suhrkamp
Essays vom Feinsten über Reality-TV, Tea Party, Krise & Konsum. Nicht umsonst wird der Autor bereits als der Chronist des neuen Amerikas gefeiert. Absolute Empfehlung! € 20,-

6 Michael J. Sandel: "Was man für Geld nicht kaufen kann“
Ullstein
Wie kann man den Markt daran hindern, Felder zu beherrschen, wo er nichts zu suchen hat? € 19,99

Buch Wien 12
Messe Wien, Halle D 22.-25. November

Eröffnet wird die fünfte Ausgabe von Österreichs größtem Buchfestival mit der Lesefestwoche bereits am 19. 11.: Im Zentrum steht dabei das neue Buch des amerikanischen Soziologen Richard Sennett "Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält“. Darüber diskutieren Alfred Gusenbauer, der Biologe Kurt Kotrschal, Konrad Paul Liessmann und Antonella Mei-Pochtler im Kassensaal der Österr. Postsparkasse (1., Georg-Coch-Pl., 19. 11., 20 Uhr).

Infos zu den 280 Ausstellern der Messe sowie zum Programm der Messebühnen, wo sich u. a. Autoren wie Alex Capus, Nele Neuhaus, Vladimir Sorokin oder Eric-Emmanuel Schmitt präsentieren, unter www.buchwien.at . Die Eröffnungsrede hält heuer der Chemiker und Schriftsteller Carl Djerassi.

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