Die Kabarettisten Scheuba, Maurer und Palfrader über ihr neues Satire-Programm

Florian Scheuba, Robert Palfrader und Thomas Maurer im Interview zu ihrem neuen Bühnen- & ORF-Format „Wir Staatskünstler“, mit dem die Satire-Profis politische Aufklärungsarbeit leisten und Ordnung ins Chaos bringen wollen.

Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk – oder Kunst und Kultur?“ Diesen Satz konnte man auf Plakaten der FPÖ anlässlich der Wiener Gemeinderatswahl 1996 lesen. Eine Geige als vermeintliches Symbol der Hochkultur war dazu abgebildet, daneben der Zusatz: „Freiheit der Kunst statt sozialistischer Staatskünstler.“

15 Jahre danach prangt „Wir Staatskünstler“ fett unter einem neuen Satireformat, das derzeit von Florian Scheuba, Robert Palfrader und Thomas Maurer für Bühne und TV finalisiert wird, wo man die Performance der drei Routiniers ab 1. 12. auch im Rahmen der ORF-„Donnerstag Nacht“ verfolgen kann.

Ort des Geschehens ist eine von der Republik Österreich zur Verfügung gestellte Luxusvilla für „Staatskünstler“, die nach dem Auszug von Elfriede Jelinek, Thomas Bernhard und André Heller nun von Scheuba, Palfrader und Maurer genutzt wird, um, wie die Herren formulieren „ungestört ihren Aufgaben als Staatskünstler nachgehen zu können: Nestbeschmutzen, Steuergelder verprassen und dabei immer auch die Hand, die einen füttert, beißen.“ Neben der Kommentierung des aktuellen Zeitgeschehens und Skandalen von der Telekom bis zur Buwog steht auch die Präsentation realer Dokumente im Geiste der legendären Lesung der „Abhörprotokolle“ im Audimax der Uni Wien auf dem Programm. FORMAT bat die drei Unterhaltungsroutiniers zum Gespräch über österreichische Realitäten, Satire und tiefere Bedeutung.

FORMAT: Was bedeutet der Begriff „Staatskünstler“ 15 Jahre nach der FPÖ-Kampagne?

Scheuba: Es war immer schon ein fragwürdiger Begriff, der heute nur noch als Kampfansage in Poster-Foren und in „Kronen Zeitungs“-Leserbriefen vorkommt. Aber uns gefällt er, weil er mehrdeutig ist. Gleichzeitig ist das natürlich auch eine Form der Selbstverarschung. Weil wir natürlich in dem Moment, wo wir im ORF als Nestbeschmutzer agieren, ins klassische Rollenfach der sogenannten Staatskünstler fallen.

Maurer: So, wie auch Political Correctness in Österreich immer ein Phantasma war, lebt auch der Begriff „Staatskünstler“ ein Zombieleben in der Debattenchoreografie. Es gibt ja keine wirkliche Kultur der Auseinandersetzung. Es gehen bloß alle wie Butoh-Tänzer in Grundstellung, sobald ein gewisser Reizbegriff fällt.

Palfrader: Ich glaube, dass es manchen Profi-Postern schon gelungen ist, einen Kurzbefehl auf ihrer Tastatur zu fixieren: Wenn sie Strg+Hochtaste+S drücken, kommt automatisch „Staatskünstler“.

FORMAT: Den lustvoll zelebrierten Kulturkampf gibt’s aber doch gar nicht mehr.

Scheuba: Natürlich wird der Begriff wahlloser verwendet und ist in unseren Fall besonders absurd, weil wir aus einer Szene kommen, die nicht subventioniert ist. Wir werden als Staatskünstler bezeichnet aufgrund der Tatsache, dass wir im ORF vorkommen.

Maurer: Viele FPÖ-Sympathisanten glauben ja grundsätzlich, dass man, wenn man Strache nicht für die Rettung der Zukunft hält, von der SPÖ bezahlt sein muss und damit vom Staat.

Scheuba: Die klassischen Ziele sind natürlich abhanden gekommen. Selbst Elfriede Jelinek ist durch den Nobelpreis für den FPÖ-Wähler schwerer angreifbar, weil sie nun in der ganzen Welt berühmt ist, wie ein Skirennläufer, der eine Abfahrt gewonnen hat. Diese Absenz der Kulturkampf-Debatten ist ein Thema, über das wir uns auch im Programm lustig machen. Wenn man in der Josefstadt ein Stück bringt, in dem man Hans Moser als Nazi zeigt und nicht einmal das das Publikum aufweckt, dann ist das ein Zeichen, dass die Mechanismen nicht mehr funktionieren wie zu Zeiten der Haider-FPÖ.

FORMAT: Aktuell formieren sich Wutbürger gegen Korruption und Finanzmisere, die Kultur selbst lässt beim Protestpotenzial aber aus.

Scheuba: Daher beackern wir Felder, die wir früher nicht beackert haben. Die öffentliche Lesung der Abhörprotokolle hat als Brandbeschleuniger funktioniert und ist eine Initialzündung für „Wir Staatskünstler“ gewesen. Armin Wolf hat schon „Die 4 da“ als eine politische Informationssendung bezeichnet. Und das finden wir richtig. In Amerika gibt es mittlerweile Formate, die als Comedy daherkommen, aber in Wahrheit politische Aufklärungsarbeit leisten.

Palfrader: Wir versuchen Information so aufzubereiten, dass sie leichter konsumierbar ist und Interesse an der Sache weckt.

FORMAT: Andererseits gab es ja bei der Lesung der Abhörprotokolle den Vorwurf der Verflachung.

Maurer: Das ist natürlich Quatsch. Wir sind ja nicht der Villacher Fasching, wir halten uns an Fakten.

FORMAT: Steht da eine Mission dahinter?

Maurer: Würd ich glauben, dass ich als Kabarettist die Welt verändern kann, wäre ich eher ein interessanter Fall als ein interessanter Künstler.

Scheuba: Ich sehe das schon auch als Aufgabe, die man hat. Nach der Lesung im Audimax haben mehr Menschen den Sachverhalt erfasst. Und wenn man die Chance hat, das auf einer Bühne zu machen, dann will ich das nützen.

Palfrader: Wenn man etwas derart öffentlich zum Thema macht, wird es schwieriger, die Sache unter den Tisch zu kehren. Wir haben natürlich nur begrenzte Recherchekapazität, weil wir nur drei Leute sind und auch andere Jobs haben. Aber manchmal tut es einem leid, nicht früher reagieren zu können.

FORMAT: Was ist mit dem Stehsatz, dass das Kabarett die Realität ohnehin nicht mehr toppen kann?

Maurer: Es ist in der Satire noch nie darum gegangen, die Wirklichkeit zu überbieten, Grundsätzlich ist Satire mit Humor versetzte Gegenwartsaufarbeitung.

FORMAT: Apropos: Wer steckt hinter dem Twitter-Pseudonym Failmann?

Maurer: Wir nicht. Aber Werner Faymann ist mit den Kosten seines Social-Media-Auftritts mittlerweile sehr in die Nähe der Grasser-Homepage gerückt. Da muss man sagen: Gerechtigkeit für KHG.

FORMAT: Wie agieren Sie als die „Staatskünstler“?

Scheuba: Wir spielen keine festgelegten Charaktere. Wir sind ja selber in der Position der Staatskünstler. Es ist kein fiktionales, sondern ein journalistisches Format mit Spielszenen, Stand-up-Einlagen und vielen Echtdokumenten, in einem guten Sinn altmodisch.

Palfrader: Alle 14 Tage 50 Minuten aktuelles Kabarett, da könnte man die Frage stellen: Sind die größenwahnsinnig? Und man muss die Frage mit „Ja!“ beantworten. Das ist eine Aufgabe, vor der wir schon gewissen Respekt haben.

FORMAT: Warum ist keine StaatskünstlerIn mit eingezogen?

Scheuba: Mit der Marlene Streeruwitz wollte sich niemand das Badezimmer teilen.

Palfrader: Männer leiden eben häufiger an Profilierungsneurose. Und ein gerüttelt Maß an Minderwertigkeitskomplex und Profilierungsneurose hilft definitiv, diesen Beruf auszuüben.

FORMAT: Welche Dokumente sind fürs Programm skandalös genug?

Scheuba: Wir haben ja zur Recherche-Unterstützung Kooperationspartner in den Medien, die Aufdeckerjournalisten Ashwien Sankholkar, Michael Nikbakhsh, Kurt Kuch und Florian Klenk. Daher können wir noch nicht Veröffentlichtes präsentieren, aber wir beschäftigen uns auch mit schon bekannten Dokumenten, die bisher im Trubel untergegangen sind und mehr Beachtung verdienen.

Maurer: Es wird ja langsam schwierig, alle aktuellsten Entwicklungen und Nebenschauplätze im Auge zu behalten. Daher versuchen wir etwas Ordnung in die Dinge zu bringen.

Scheuba: Und man will natürlich differenzieren, was die Bedeutung der Fakten angeht. Die größte Freude, die man der Mafia bekanntlich machen kann, ist, wenn man sagt: Das sind eh alles Verbrecher! Das passiert ja derzeit auch hierzulande, wie man im Falle Hochegger sieht. Motto der Sendung ist: Klartext im Getümmel.

FORMAT: Gibt es persönliche Skandal-Highlights?

Scheuba: Ich habe da kein Ranking. Es ist mir aber ein Anliegen, zu fokussieren. Aktuell etwa auf den stillen Skandal der Agrargemeinschaften in Tirol. Es geht da um mindestens 3 Milliarden Euro, die Österreich gestohlen wurden. So etwas gehört auch an die Öffentlichkeit. Weil es eben kein Kampf unter Tiroler Bauernschädeln ist, sondern Landraub, der jeden Steuerzahler angeht. Aber es passiert nichts. Die Politik hat Angst.

FORMAT: Gibt’s für die Staatskünstler Zensurversuche des ORF? Bestechungsangebote?

Palfrader: Wir warten noch auf lukrative Angebote und Regierungs-Inserate. Und die Zensur ist schon mit dem Sendeplatz passiert: 23 Uhr 30. Die breite Masse kann man da nicht erreichen.

Scheuba: Für uns heißt es: Kein Vorschuss auf Zores. Es war klar, dass es die Sendung nur geben wird, wenn wir alle Freiheiten haben.

Palfrader: Vielleicht sollten wir ähnlich argumentieren wie jene Leute, die eine Verschärfung der Überwachungsgesetze fordern: Jemand, der nichts angestellt hat, braucht sich auch nicht zu fürchten.

FORMAT: Wie ist eure Erwartungshaltung?

Scheuba: Wie bei Tick, Trick und Track, die einen Streich gegen Onkel Donald vorbereiten.

Interview: Michaela Knapp

„Wir Staatskünstler“, ab 21. 11. im Rabenhof, ab 1. 12. in der „Donnerstag Nacht“, ORF 1, 23.30 Uhr.

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