Die Feminismus-Ikone spricht in ihrer beeindruckenden Autobiografie Tacheles

Alice Schwarzer schreibt über Alice Schwarzer. Die Autobiografie von Deutschlands berühmtester Feministin ist ein Ereignis: überraschend, hellsichtig und spannend.

Ja, ich bin jetzt 68. Also in einem Alter, das für einen erfolgreichen, aktiven Mann meines Kalibers kein Thema wäre“, schreibt Alice Schwarzer. Gegen die Klarheit dieses Arguments wird niemand etwas einwenden können. Seit über 35 Jahren ist Schwarzer „eine öffentliche Feministin“. Und beinah genauso lange wird die unmissverständliche Aufforderung, endlich die Luft anzuhalten, in immer neue Formulierungen gegossen.

Ob die „Berliner Zeitung“ sie, wie jüngst, „an der Schwelle zum Greisentum“ stehen sieht oder die Bestsellerautorin Charlotte Roche ihr nahelegt, sie möge endlich „abdanken“. Alice Schwarzer hat nicht vor, sich den Mund verbieten zu lassen. „Ich fürchte, ich muss meine GegnerInnen enttäuschen. Solange ich lebe, werde ich denken, reden, schreiben und handeln“, schreibt sie in ihrer diese Woche erscheinenden Autobiografie. An Gegnerschaft hat es Schwarzer zeitlebens nicht gemangelt. Das weiß jeder, der auch nur ihren Namen erwähnt.

Schwanz-ab-Schwarzer

Die „Männerhasserin“ und „Kampflesbe“, die „Hexe mit dem stechenden Blick“, hässlich wie der Zins, im Schlabberlook und letztlich nur frustriert, weil sie keinen abgekriegt hat – das sind die Klischees, die seit den frühen 1970er-Jahren an ihr kleben: „Wäre ich, als das mit mir losging, damals nicht schon Anfang 30 gewesen und eine Frau mit der gelassenen Lebenserfahrung, begehrt zu sein – diese Flut von Hohn und Spott hätte mich unter sich begraben können“, schreibt sie über sich selbst als junge Frau, die der Leserschaft als strahlende, modische Blondine mit feurigem Engagement und großer Lebenslust entgegentritt.

Schwarzers Autobiografie trägt den schlichten Titel „Lebenslauf“. Darin geht es auch darum, zu sagen, dass „meine Realität in weiten Strecken so ganz anders aussieht als diese Projektionen“, die von den Klischees so hartnäckig genährt werden. „Lebenslauf“ ist ein hochinteressantes Buch. Sowohl als die Geschichte einer einzelnen Frau als auch als Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland – und in Frankreich, wo Schwarzer als Feministin sozialisiert wurde.

1942 als uneheliches Kind mit unbekanntem Vater geboren, wächst Schwarzer größtenteils bei ihren Großeltern mütterlicherseits in Wuppertal auf. Vor allem der Großvater Ernst Schwarzer, dem das Buch auch gewidmet ist, wird zur zentralen Bezugsperson. Antiautoritär, anti-nationalsozialistisch und individualistisch ist der Familienverband, der Schwarzer prägt.

Aus der Ärmlichkeit der Nachkriegsverhältnisse und den beruflichen und gesellschaftlichen Beschränkungen für hellwache, begabte junge Frauen bricht sie sehr bald aus: Erst nach München, bald aber in ihr Sehnsuchtsland Frankreich. Dort erlebt sie – als Au-pair, später als Journalistin für deutsche Zeitungen und TV-Stationen – die frühen Jahre der französischen Frauenbewegung, beginnt ihre Freundschaft mit Simone de Beauvoir und begegnet ihrer ersten großen Liebe Bruno.

Der Franzose bleibt über zehn Jahre ihr Lebensgefährte, einer, der ihre sozialpolitischen, kulturellen und feministischen Interessen teilt. Erst über ein Jahrzehnt nach ihrer Trennung von Bruno und der Rückkehr nach Deutschland findet Schwarzer mit einer Frau eine weitere Lebenspartnerschaft, die bis heute anhält. „Wir sind ein offenes Paar, aber kein öffentliches. Und so wird es bleiben.“

Die Alice Schwarzer der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre recherchiert zu Arbeitskämpfen und Studentenprotesten, porträtiert die sozialen Ränder von Paris, spricht aber auch mit Modeschöpfern, politischen Führern und Bürgerrechtlern. In ihrem Buch schreibt sie erstmals auch von dem Druck, der innerhalb der frühen Frauenbewegung ausgeübt wurde. Doch Schwarzer wehrt sich vehement gegen jeden Dogmatismus: Als eine andere Feministin Schwarzers Faible für Designermode, vor allem für Kleider und Röcke, bei einer Versammlung mit dem drohenden Satz kommentiert „Wir sind alle in Hosen. Nur Alice trägt mal wieder ein Kleid“, stellt Schwarzer klar: „Ich bin in dieser verdammten Bewegung, damit du deine Hosen tragen kannst – und ich mein Kleid.“

Es ist das ein interessanter Aspekt, den ihr Buch öffentlich macht: dass die Kritik von innen, aus den Reihen der Frauenbewegung selbst, mitunter nicht weniger harsch war als jene von außen: Schwarzer, so lauteten die Vorwürfe, sei zu wenig linientreu, zu wenig dem Kollektiv verpflichtet, opfere die Sache des Feminismus ihrem eigenen Ruhm, der sie ab Mitte der 1970er-Jahre zur Galionsfigur des Feminismus in Deutschland machte. Die von der lebensfreudigeren, weniger straff organisierten französischen Frauenbewegung geprägte Schwarzer litt umgekehrt unter dem Bürokratismus und dem eingeforderten Prinzipiengehorsam der deutschen Frauenbewegung, die sie mitunter nicht weniger schikanierte als die Öffentlichkeit.

Was Schwarzers Autobiografie, die mit der Gründung und dem Erfolg ihrer Zeitschrift „Emma“ 1977 ausklingt, zu einem echten Ereignis macht, ist der Umstand, dass die Schwarz-Weiß-Klischees vor diesem Buch zerbröseln müssen. Die Schwarzer, die hier schreibt, ist eine kluge, erfahrene Frau, die sehr differenziert beobachtet und argumentiert, die einen klaren Blick auf eigene Gewinne und Verluste hat und sich konstant der Vermittlung zwischen verschiedenen Milieus, zwischen Mitte und Rändern, Männern und Frauen verpflichtet fühlt.

Und schon gar nicht kann man sich der Bewunderung angesichts ihres Durchhaltevermögens und ihrer Nehmerqualitäten erwehren. Kämpferisch und sich ihres eigenen Werts sehr bewusst, das ja. Aber als Radikale würde man Schwarzer nach der Lektüre dieses Buchs nicht bezeichnen. Von Alt-Feministin keine Rede. Oder wie Ruth Klüger dieser Tage über Schwarzer geschrieben hat: „Sie war Pionierin. Aber man sollte auf ihre Warnung hören, dass manches Vorurteil, das überholt scheint, verkleidet weiterlebt.“

– Julia Kospach

Alice Schwarzer: Lebenslauf.
(Kiepenheuer & Witsch, € 20,60)

Von ihrer Kindheit und Jugend bis zur Gründung ihrer Zeitschrift „Emma“: Alice Schwarzer zieht Bilanz über das, was sie geprägt hat, über ihr Leben als Frau und als „öffentliche Feministin“. Exzellent geschrieben, differenziert in seinen Urteilen, ist es zugleich eine Geschichte der Nachkriegsjahrzehnte in Frankreich und Deutschland.

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