Die Diva brilliert in François Ozons neuem Film „Das Schmuckstück“

Mit „Das Schmuckstück“ setzt der französische Starregisseur François Ozon seiner Lieblingsschauspielerin ein Denkmal: Catherine Deneuve als Frau auf dem Weg zur Freiheit.

Die Langeweile ist oft die Wurzel von vielem Bösen. Befreit man sich allerdings aus den Fängen der Öde und Monotonie, kann Großes und Gutes entstehen. Diese Ahnung hat man jedenfalls, wenn man Frankreichs Filmdiva Catherine Deneuve in François Ozons neuem Film „Das Schmuckstück“ gleich zu Beginn im knallengen, roten Jogginganzug, mit Haarnetz und Lockenwicklern durch den Wald laufen sieht. Man spürt, dass da eine Frau läuft, die ihre Kräfte bündeln muss, um nicht vom Sog der Häuslichkeit völlig verschluckt zu werden. Warum sonst stoppt sie plötzlich ihren Dauerlauf, um durch und durch kitschige Lyrik über possierliche Waldtierchen zu schreiben, die des Weges kommen? Dass dieser Zustand nicht mehr lange anhalten wird, spürt man ebenfalls. So weit ist es allerdings noch nicht, und darum gilt einstweilen: Willkommen im Leben der Suzanne Pujol. Industriellengattin, liebende Mutter und elegant-charmante Repräsentantin großbürgerlichen Standes bewusstseins.

Die Dame ist nämlich ein echtes Schmuckstück, ein Beiwagerl ihres Mannes, gefangen in patriarchalen Strukturen. In Frankreich nennt man diesen Frauen schlag mit liebevoller Boshaftigkeit „Potiche“ (Porzellanvase) und sieht in ihnen also einen Einrichtungsgegenstand, der immer irgendwie hübsch anzusehen und wertvoll ist, letztlich aber doch auf die Funktion eines sinnlos herumstehenden Staubfängers heruntergebrochen werden kann.

Frauenpower

Allerdings kündigt sich Veränderung an. Die Zeiten außerhalb des geschützten Haushaltes sind nämlich stürmisch. Die Arbeiter in der Regenschirmfabrik ihres Mannes, die übrigens die Dame des Hauses als Mitgift mit in die Ehe gebracht hat, streiken und fordern nebst 13. Monatsgehalt, bezahlten Überstunden und fünf Wochen Urlaub auch noch runderneuerte Sanitäranlagen auf der Höhe der Zeit (wir schreiben das Jahr 1977). Zu viel für den Firmenchef und Ehemann Robert Pujol (Fabrice Luchini).

Gezeichnet von den gewerkschaftlichen Turbulenzen, privatem Kuddelmuddel und außerehelichen Eskapaden, erleidet der Gute eine Herzattacke. Ob des Fehlens von Alternativen übernimmt Suzanne das Firmenruder, und das mit einer Souveränität, die ihr niemand zugetraut hat. Sie reformiert den Laden, beruhigt die Gewerkschaft, steigert den Gewinn und involviert auch noch ihre beiden erwachsenen Kinder (Sohn und Tochter) in die Unternehmensagenden. Da stört der eigene Ehemann – ein wahrer Dinosaurier der Betriebswirtschaft, kalt, machthungrig, despotisch –, als er aus der Rekonvaleszenz zurückkommt.

Deshalb kehrt die vife Madame, die jetzt weiß, dass sie es draufhat, die Geschlechterrollen einfach um, holt sich die Aktienmehrheit und degradiert den Ehemann zum männlichen Schmuckstück. Als auch noch die alte Liebesflamme zum kommunistischen Parlamentsabgeordneten Maurice Babin (Gérard Depardieu) auflodert, sinnt der symbolisch kastrierte Gatte dann endgültig auf Rache …

Zeitlose Themen

François Ozon gelingt mit „Das Schmuckstück“ das Kunststück, eine äußerst erfolgreiche französische Boulevardkomödie von der Bühne auf die Leinwand zu bringen und gleichzeitig die 70er-Jahre wiederauferstehen zu lassen. Das klingt bedrohlicher, als es ist.

Denn beim 43-jährigen französischen Regisseur – einst als Wunderkind des Kinos gefeiert – läuft das nicht ohne ironische Brechungen in der filmischen Umsetzung ab. Stimmige Ausstattung wie ekelhafte Blumentapeten, grellgallige Kleidungsstücke und derbe Fönfrisuren werden in arg ausgeleuchteten Bildern in Szene gesetzt. Split-Screen-Spielereien, Kreis-Überblendungen und Schnitttempo tun ein Übriges, dass man sich nach wenigen Minuten in einer Klamaukkomödie mit Louis de Funès wähnt – allerdings nur vordergründig. Denn Ozon macht immer wieder gesellschaftspolitische Querverweise ins Frankreich der Gegenwart.

So legt er seinem Hauptdarsteller Fabrice Luchini, der den cholerischen Firmen- und Familienpatriarchen gibt, Nicolas Sarkozys berühmte Worte in den Mund: „Wenn sie mehr Geld wollen, sollen sie auch mehr arbeiten.“ Und Gérard Depardieu antizipiert irgendwie bereits den Untergang der einst so stolzen französischen Linken.

Und dann ist da ja noch die Deneuve, der mit diesem Film einmal mehr ein Denkmal gesetzt wird. Mit Leinwandpräsenz und oft auch schon ins zart Groteske gehendem Spiel sorgt sie für erheiternde Momente und dafür, dass die tiefere Bedeutung dieser Geschichte um die Emanzipation einer Hausfrau, die gegen Ende hin reichlich geknickte Männer hinterlässt, nicht verlorengeht. Die 67-jährige Leinwandlegende, die in den 70er-Jahren das Konzept der Ehe für gescheitert erklärte und ihre Popularität immer auch für politische Aktivitäten nutzte, sagt zum Stoff: „Der Film spielt in den 70er-Jahren, aber vieles ist heute noch aktuell: die Streiks, die Geiselnahme von Unternehmern und natürlich Frauen, die im Vergleich zu Männern kaum Macht haben.“

Dem entsprechend werden rasant und mit einer Deneuve in Spiellaune in „Das Schmuckstück“ großbürgerliche Scheinidyllen demontiert, skurrile Tabus wie ein möglicher Inzest unter homosexuellen Halbbrüdern angedeutet und (noch immer gültige) Männerklischees sukzessive entlarvt. Eindeutig ein Film gegen die Langeweile und das manifestierte Böse in der Welt von gestern und heute.

– Manfred Gram

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