Die Cosa Nostra im Visier

Seit seiner Mafia-Anklage „Gomorrha“ gilt Autor Roberto Saviano als das moralische Gewissen Italiens und lebt auf der Flucht. Jetzt legt er sein neues Buch vor: „Der Kampf geht weiter“.

Immer schon, sagt Roberto Saviano, habe ihn die totale Opferbereitschaft der Mafiabosse fasziniert. Der Preis für ihre Macht über Leben und Tod ist hoch. Ein Mafioso weiß, er wird entweder ermordet werden oder im Gefängnis landen. Und bis es so weit ist, wird er untergetaucht leben, verschanzt und verborgen. Darum, sagt Roberto Saviano, muss sich ein Mafioso, bevor er sich ein Haus baut, einen Bunker bauen, „denn er weiß, dass er nur so lange nicht im Knast sitzt, solange er sich versteckt halten kann“. Die besten Bunker der Welt bauen die Leute aus Süditalien, aus Kalabrien oder Caserta.

Der Neapolitaner Roberto Saviano hat einige von ihnen gesehen. Die Carabinieri haben sie ihm gezeigt. In einen dieser Bunker konnte man nur über einen Pizza-Holzofen einsteigen, in einen anderen nur über eine verschiebbare Hühnerstallmauer. Wieder ein anderer, der im Februar 2010 ausgehoben wurde, lag hinter schweren Zementblöcken und war nur mit einem raffinierten System von Flaschenzügen, Gegengewichten und Seilen zu öffnen. „Wer sich hier verbirgt, ist bereit, um des Machterhalts willen auf ein eigenes Leben, auf die eigene Seele und auf Licht zu verzichten. Manche Bosse verloren ihr Augenlicht, weil sie immer unter der Erde lebten. Sie setzten täglich Millionen Euro um und lebten unter einem
Hühnerstall"!

Ein Höllenleben

Roberto Saviano, 32, versteht inzwischen selbst einiges von solchen Versteckspielen, wie er sie in seinem neuen Buch „Der Kampf geht weiter“ beschreibt. Seit über fünf Jahren verbringt er das, was er sein „Höllenleben“ nennt, in Polizeikasernen, Hotelzimmern und geschützten Wohnungen; rund um die Uhr bewacht von einer bewaffneten Eskorte, ohne Freunde und weit entfernt von zuhause. Sein Vater hat sich von ihm distanziert. Seine Mutter, sein Bruder und seine Tante leben mit neuer Identität in Norditalien. Savianos verborgene Existenz ähnelt immer mehr der der Mafiosi, die sein Leben bedrohen, seit 2006 sein Buch „Gomorrha“ erschien.
„Gomorrha“ war ein in jugendlichem Furor geschriebenes Meisterwerk des investigativen Journalismus, gemacht aus Mut, Akribie und Empörung, eine Kampfansage an die neapolitanische „Camorra“, ihre Bosse und Ehrenmänner. Saviano zerrte ihre Namen ans Licht, lieferte Beweise für ihre Machenschaften und Netzwerke. Hervorragend recherchiert, enthielt es eigentlich nichts, was man nicht vorher auch schon hätte wissen können.
Der Tabubruch bestand in der Lautstärke der An­klage – und in ihrem gigantischen Erfolg. „Gomorrha“ liegt inzwischen in über 50 Sprachen vor, über 3 Mil­lionen Exemplare wurden weltweit verkauft, die Verfilmung wurde 2008 in Cannes ausgezeichnet. Die Mafia legt keinen Wert auf solche Publicity. So kommt es, dass Roberto Saviano ständig auf der Flucht ist. Und dass ausgerechnet aus diesem kleinen, zart gebauten Mann das moralische Gewissen Italiens wurde. „Was für eine Last für einen eben Dreißigjährigen!“, sagte „Zeit“-Herausgeber Gio­vanni di Lorenzo 2009 in seiner Laudatio anlässlich der Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises an Saviano. Natürlich hadert auch Saviano mit seinem Schicksal. „Jeden Morgen frage ich mich, warum ich das gemacht habe, und finde keine Antwort, weiß nicht, ob es das wert war.“ Gleichzeitig gibt es für ihn keine Alternative, als weiterzumachen.
Dementsprechend heißt auch sein neues Buch „Der Kampf geht weiter“. Es basiert auf den Recherchen für die vierteilige Fernsehserie „Vieni via con me“ („Komm weg mit mir“), die Saviano 2010 für den italienischen Nischen-TV-Sender Rai Tre gestaltete. Trotz politischem Druck, vorhergehenden Diffamierungskampagnen und dem gezielten Versuch, das Format zu einem Misserfolg zu machen, wurde es von weit mehr als zehn Millionen Menschen gesehen. Unterstützt von Stars wie Roberto Benigni oder dem Talkmaster Fabio Fazio, erzählte Saviano vom Griff der Mafiaclans nach dem Baugeschäft der Lombardei, von den Ursachen für die verheerende Müllmisere in Neapel, von den Mafia-Aktivitäten in Ländern wie Deutschland und Spanien, aber auch von einer Liebesgeschichte und dem Recht auf den eigenen Tod für einen unheilbar Kranken.

Zivilcourage

Diese und andere Geschichten breitet er im Buch nun ein weiteres Mal aus. Sie sind getragen von großer Ernsthaftigkeit, vom entschlossenen Glauben an Demokratie und Rechtsstaat und von der Überzeugung, dass sich nur dann etwas ändern kann, wenn einzelne Menschen der Mafia etwas entgegensetzen. Es geht um Bürgerrechte und Redefreiheit, um Zivilcourage und ungebrochenen Kampfgeist.
Gleich eingangs widmet sich Saviano einer der Symbolfiguren des Anti-Mafia-Kampfs: dem sizilianischen Richter Giovanni Falcone, der 1992 durch eine Autobombe der Cosa Nostra getötet wurde. So einhellig seither sein Loblied gesungen wird, so sehr wurde er im Vorfeld seiner Ermordung medial isoliert und seine Absichten infrage gestellt. Saviano dient Falcone als Paradeopfer für die Wirkmechanismen von Rufmord, mit denen er auch selbst zu tun hat. Abseits von Hasstiraden und Morddrohungen musste auch er sich nicht erst einmal den Vorwurf machen lassen, dass er zu viel Staub aufwirb­le, nur auf eigenen Ruhm aus sei und wohl so bedroht nicht sein könne, da er immer noch am Leben ist.

Es ist ein Klima, in dem ein Kämpfer gegen die Mafia sich letztlich nur durch seine eigene Ermordung legitimieren kann. Saviano beschreibt auch seine Treffen mit dem 2003 verhafteten Maurizio Prestieri, einem zum Kronzeugen mutierten früheren Camorra-Boss im neapolitanischen Armenviertel Secondigliano, das sich in den 1990er-Jahren zu einem der größten Drogen­märkte Europas entwickelte. An Prestieris Beispiel lässt sich lernen, wie aus jungen, vollkommen unwissenden Männern im Lauf von nur 20 Jahren global agierende Superverbrecher werden. Auch wenn sie dabei große Teile ihres Lebens in Bunkern verbringen.

Man möge sich nicht täuschen, warnt Saviano: „Die­se Geschichten dürfen nicht so verstanden werden, als handelte es sich um weit entfernte Geschehnisse, die nur den Mezzogiorno betreffen. In Wirklichkeit wird in diesen Bunkern über das Schicksal ganz Italiens entschieden. Denn die kriminellen Organisationen machen ihre Geschäfte vor allem im Norden.“ Und immer mehr auch in Ländern wie Deutschland oder Spanien.

– Julia Kospach

Leben

Vinyl-Boom bringt Kult-Plattenspieler zurück

Kultur & Style

ePaper Download: Das Ranking der 500 wichtigsten Künstler Österreichs

Kultur & Style

★ David Bowie: Starman, Waiting in the Sky★