Die neue Chefin des Museums moderner Kunst im FORMAT-Gespräch

Bei der Vienna Art Week präsentierte die neue Chefin des MuMok, Karola Kraus, erste Pläne fürs Haus. FORMAT bat sie zum Gespräch über Umbau, Budget, Sammelleidenschaft und die turbulente Wiener Szene.

Als sie vor zehn Jahren das erste Mal das Haus betrat, empfand sie den dunkelgrauen Bau als abweisend und keineswegs besonders einladend, erinnert sich Karola Kraus. Heute allerdings sei das anders. Immerhin ist die Kunsthistorikerin aus dem Schwarzwald seit 1. Oktober die neue Hausherrin im Museum moderner Kunst und ergänzt demgemäß: „Je öfter ich in dieses Haus komme, desto mehr beginne ich, diese Architektur zu lieben …“ Die Aufregung war groß, als die Neo-Direktorin nach ihrer Nominierung im März keine großen Pläne von sich gab und zwischen Baden-Baden, wo sie die dortige Kunsthalle seit 2006 leitet, und Wien pendelte. Bis Mai des kommenden Jahres sind ohnehin noch alle Ausstellungen des MuMok von ihrem Vorgänger Edelbert Köb geplant und fixiert.

Innerhalb der Vienna Art Week lud Kraus nun zur lang erwarteten Pressekonferenz und gab gleich Richtlinien in mehrerlei Hinsicht vor: Glamourös silbern glitzerte die Einladung, als Vorbote ihrer ersten Ausstellung im September 2011. In der Zwischenzeit hat die resolute 49-jährige Kunstmanagerin einen Umbau angesetzt. Das Haus wird von Juni bis Ende August geschlossen: Geplant sind neben einer Bodensanierung vor allem die Neugestaltung des Eingangsbereiches und eine Neuplatzierung der Cafeteria, die von einem Künstler gestaltet, „als sichtbarer Ort der Begegnung funktionieren soll“, wie Kraus betont.

Denn: „Zeitgenössische Kunst kommt nur dann zur Wirkung, wenn das Umfeld perfekt stimmt.“ Eine Erweiterung des Hauses, wie sie von Edelbert Köb über Jahre intensivst angestrebt wurde, stehe derzeit nicht an erster Stelle auf ihrer Prioritätenliste. „Die Zeit wird zeigen, ob der Platz reicht.“ In der Interimszeit sollen Aktivitäten in den Stadtraum verlagert werden, mit Plakataktionen und einer Informationszelle im MQ-Hof. Der österreichische Künstler Florian Pumhösl arbeitet derzeit an einer neuen CI für das Museum, die jedoch erst mit der ersten Schau im September zum Tragen kommt.

Netze ausgeworfen

Die Neuausrichtung des Museums und das Konzept bis 2013 sind also vorerst erarbeitet, Antrittsbesuche bei Kollegen und Galerien absolviert, die hiesige Szene intensiv gecheckt, erste Kontakte zu ansässigen Sammlern aufgebaut und die Beziehungen zu den Mitgliedern des 2005 gegründeten Advisory Board des Museums moderner Kunst ausgebaut. Derzeit besteht es aus 49 einflussreichen Unternehmen und Persönlichkeiten mit gesellschaftlichem Netzwerk, die sich an entscheidenden Stellen für die Anliegen des Museums engagieren. Zudem hat Kraus ihre eigenen internationalen Kontakte geknüpft: Die Claes-Oldenburg-Retrospektive etwa wird von Wien aus nach Bilbao und New York weiterwandern.

Ihr Netzwerk ist wesentliches Tool in der Karriere der engagierten Deutschen, die sich selbst eine gute Spürnase beim Auffinden junger Talente attestiert. Als Plattform für allerjüngste Kunst sehe sie das MuMok jedoch nicht, sondern eher die Kunsthallen. Dass ihr der Enthusiasmus für Kunst als geborene Grässlin in die Wiege gelegt wurde, will sie so nicht stehen lassen. Zwar haben ihre Eltern Anna und Dieter Grässlin eine der bedeutendsten Sammlungen des Informell aufgebaut, aber: „Meine Eltern waren vorrangig damit beschäftigt, eine Firma aus dem Nichts aufzubauen und haben erst 1970 angefangen, Kunst zu sammeln, als mein Vater den Künstler Erich Hauser kennen gelernt hat.

Die Künstler sind dann in der Folge bei uns ein und aus gegangen, und meine drei Geschwister und ich mussten bei jedem Essen mit am Tisch sitzen. Wirkliche Leidenschaft für die Kunst hat sich bei uns erst später entwickelt“, erinnert sie sich. Ausschlaggebend dafür, die Kunst zu ihrem Beruf zu machen, war dann die Begegnung mit Martin Kippenberger 1980.

Family Biz

Dass durch das Family Business Interessenkonflikte programmiert sind – Schwester Bärbel ist erfolgreiche Galeristin in Frankfurt mit Namen wie Franz West, Albert Oehlen oder Martin Kippenberger im Portefeuille –, sieht sie gelassen. „Ich habe in den letzten Jahren bewiesen, dass ich dosiert mit den Künstlern, die in unserer Sammlung vertreten sind, umgehe. Aber natürlich kam es immer wieder zu Überschneidungen, wenn es sich um international wichtige Künstlerpositionen handelte.“

Nach Aktionismus, Pop-Art und Happening, die bei Edelbert Köb im Zentrum standen, zählen Farbfeldmalerei, Minimal Art und Konzeptkunst zu Kraus’ Favoriten. „Ich werde mich natürlich im MuMok nicht nur darauf festlegen, aber Minimal- und Konzeptkunst kennzeichnen einen Schwerpunkt der ersten zwei Jahre meiner Amtszeit.

Gleich die erste Ausstellung wird mehrere Signale setzen und soll demonstrieren, dass „ich an den wesentlichen Aufgaben eines Bundesmuseums festhalten werde, nämlich: ausstellen, sammeln und konservieren“. Demgemäß der Titel: „Museum der Wünsche“. „In die chronologisch wie auch thematisch gegliederte Präsentation der Sammlung werden Arbeiten integriert, die sich das Museum wünscht, um seine Sammlungsschwerpunkte zu präzisieren.“

Ein zarter, aber klarer Aufruf an Sponsoren. Im Museumsshop will sie verstärkt auf den Verkauf von künstlerischen Objekten setzen, etwa Editionen, die die Künstler zu den jeweiligen Ausstellungen gestalten: „Das Editionsgeschäft etablierte sich auch in Baden-Baden zu einer guten Einnahmequelle. Es ist unabdingbar, dass Institutionen in Zeiten der Krise andere Modelle finden, Gelder zu erwirtschaften, wenngleich man auch den Staat nicht aus der Pflicht entlassen darf.“ Was das Budget betrifft, sei sie froh, dass es bei dem mit 8,7 Millionen Euro dotierten Haus keine Einsparungen geben werde. „Damit befinden wir uns im internationalen Umfeld in einer privilegierten Situation.“

Kunst & Leben

Eine Wohnung in Wien ist bereits bezogen und mit Kunstwerken und Möbeln von West bis Zobernig aus der eigenen Sammlung ausgestattet. „Mein ganzes Umfeld ist Kunst. Kunst und Leben gehen bei mir ineinander auf. Daher schätze ich auch die virulente Kunstszene in Wien und freue mich schon, Teil davon sein zu können.“ Im Jänner feiert die neue MuMok-Chefin ihren 50. Geburtstag. Diesmal allerdings noch nicht in Wien. Sie reist nach Frankfurt, wo das Architekturmuseum wiedereröffnet wird. Mit gutem Grund: Der ausführende Architekt der Generalsanierung ist ihr Mann. „Aber meinen 51. Geburtstag werde ich garantiert in Wien verbringen“, zeigt sie sich auch diesbezüglich planungssicher.

– Michaela Knapp

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