"Die Albertina befand sich in der größten Krise ihrer Geschichte"

"Die Albertina befand sich in der größten Krise ihrer Geschichte"

FORMAT : Steht nach 10 Jahren Albertina neu überhaupt noch etwas auf Ihrer To-Do-Liste?

Klaus Albrecht Schröder : Wenn man ein Museum so sehr verändert hat, könnte man sagen, man belässt es dabei. Aber Museen verändern sich mit der Gesellschaft, mit den Bedürfnissen der Besucher, mit der Veränderung der Kunst, die wir reflektieren müssen. Damit finden sich ausreichend Gründe, um zu definieren, warum ich hier weiter gestalten will.

Was waren die bisher wichtigsten Veränderungen?

Schröder : Wir konnten die 21 Prunkräume der Habsburger renovieren und mit Originalmöbeln ausstatten. Wir haben vier neue Ausstellungshallen geschaffen und eine Schausammlung aufgebaut: eine Gemäldesammlung der klassischen Moderne von den Impressionisten bis zu Picasso oder Bacon. Hinter all dem steht ein vollkommen neuer methodischer Ansatz: nämlich die hohe Kunst der Zeichnung nicht zu isolieren, sondern sie mit allen anderen Kunstgattungen zusammenzuführen. Damit sind wir zum einen ein modernes Museum, zum anderen auch ein Erinnerungsort der Geschichte. Das sind nachhaltige Veränderungen, auf die ich stolz bin. Visionen kann man leicht haben, man muss sie aber auch umsetzen können.

Sie haben damit auch das Profil der Albertina verändert und sind auf Widerstand gestoßen.

Schröder : Auf einen Widerstand, der symptomatisch ist für alle Neuerungen. Die Albertina befand sich bei meiner Übernahme in der größten Krise ihrer Geschichte. Sie stand knapp davor, als eine Spezialsammlung in das Kunsthistorische Museum integriert zu werden. Wenn man so eine Krise beenden will, dann kann nur eine Operation am offenen Herzen helfen.

Hans Holleins Flugdach sorgte für einen Aufschrei …

Schröder : … und hat eine radikal demokratische Öffnung in die Stadt bedeutet: Auf dem Albertinaplatz "saugen“ wir damit bereits das Publikum an und ziehen es wie magnetisch in die Albertina hinein. Dazu hat eine Politik gehört, die das unterstützt, und Sponsoren, die das finanziert haben. Ich hätte das Dach nie errichten können, wenn ein einziger Euro von der öffentlichen Hand dazugekommen wäre und ich mich verteidigen hätte müssen, warum ich Steuergelder verschleudert habe.

Hohe Wellen gab es auch 2009, als Wasser in den neuen Tiefspeicher eindrang und 950.000 Sammelobjekte verlagert werden mussten.

Schröder : Ein merkwürdiges Ereignis. Wenn man heute darauf zurückblickt, versteht man diese weltweite Aufgeregtheit nicht mehr. Denn: Es ist ja nichts geschehen. Es ist durch entschiedenes Management gelungen, Schaden fernzuhalten. Durch eine gute Versicherungslösung entstand nicht einmal ein finanzieller Schaden. Heute ist das eine Schnurre in meinem Leben. Ich bin froh, wenn große Katastrophen im Rückblick als Anekdoten dastehen, das macht sie klein.

Auch die Aufregung um die Leihgabenpolitik und die riskante Restaurierung von Schieleblättern?

Schröder : Zwei atypische Beispiele, beide aus 2005. Glücklicherweise ist auch hier nichts geschehen. Im Gegenteil: Wir zeigen aktuell eine Dürer-Ausstellung in der Washington Gallery, selbstverständlich mit Absicherung des Bundesdenkmalamtes. Wir sind ein aktives Haus, auch international. Das zählt und wirkt nach. Alles andere bleibt ein Wikipedia-Eintrag. Wie viele Unkenrufe gab es 2003! Da hieß es, die 850.000 Besucher verdanken wir nur dem Eröffnungseffekt. Aber das Vertrauen der Besucher hat angehalten. Heute ist die Albertina für jeden Touristen ein Must.

Ihr Konzept von Gotik bis Gegenwart hat sich bewährt, mittlerweile setzt auch das KHM auf den Bogen zur zeitgenössischen Kunst, und keiner fragt mehr, warum die Albertina Erwin Wurm zeigt …

Schröder : Diese Diskussion gibt es nicht mehr. Die Besucher wissen ganz präzise, dass wir zeitgenössische Kunst in einen Zusammenhang zur Kunst von Dürer oder Michelangelo stellen. Die Gesellschaft hat sich verändert, die Welt hat sich geändert, wir sind ja nicht nur eine bedeutende Sammlung in Westeuropa, wir haben uns zu behaupten gegen Sammlungen von Seoul bis Südafrika. Wenn wir nicht wachsen, sondern stagnieren, werden wir an Terrain verlieren: Österreich muss sich als Kulturland positionieren, denn am Mittelmeer wird es bis auf Weiteres nicht liegen, und ein Silicon Valley werden wir auch nicht mehr.

Die Jubiläumsschau präsentiert sich klassisch mit Meisterwerken von Bosch bis Rubens.

Schröder : Mit der Niederländer-Ausstellung will ich dem Gründer der Albertina Reverenz erweisen, denn alle Werke, die wir zeigen, stammen von Herzog Albert Sachsen-Teschen. Und ich will damit auf ein winziges Land hinweisen, in dem über 200 Jahre eine Schlacht nach der anderen stattgefunden hat und das mehr Künstler in dieser Zeit hervorgebracht hat als jedes andere Land - und eine Kunst, die bis heute relevant ist. Daher ist das die idealste Jubiläumsausstellung!

"Museumsfürsten“ Ihres Schlags scheinen derzeit pragmatischen Managertypen zu weichen …

Schröder : Es gab immer schon blasse Führungspersönlichkeiten. Ich halte es aber für notwendig, dass ein künstlerischer Betrieb ein Profil durch die Persönlichkeit der Führung erhält. Das muss nachhaltig sein und mit Durchhaltevermögen. So einen Tanker verändert man nicht in wenigen Jahren. Es hat ja auch einen Grund, wenn man heute noch von der Ära Peymann oder Holender spricht. Hier ist nicht das Amt größer als die Person, sondern die Person und das Amt müssen eins sein. Auch ein Museum ist eine Bühne. Hier wird Kunst inszeniert, hier wird Kunst aus der gegenwärtigen Perspektive gedeutet: Ein Bild an die Wand hängen heißt immer auch, es in einen Kontext bringen. Die heimischen Museen haben jetzt verstanden, dass sie nicht nur Überbleibsel der Ringstraßen-Ära sind, sondern dass sie verankert sein müssen in der Gegenwart. Das bedarf stetiger Veränderungen. Die größten Herausforderungen, die auf uns zukommen, kennen wir aktuell nur aus der Wirtschaft - aber das wird auch in die Kultur wandern.

Welche Veränderungen stehen museumspolitisch diesbezüglich an?

Schröder : Noch sagt man hierzulande aus schlechtem Gewissen: Machen wir doch etwas für die Migranten, etwas für die bildungs- und kulturfernen Gruppen. Aber die dürfen wir nicht nur nicht ausschließen, sondern wir müssen unsere Museen für sie auch verändern. Es ist kulturpolitische Aufgabe, möglichst viele Menschen mit Kultur vertraut zu machen.

Mit der bloßen Erhöhung des Marketingbudgets wird das nicht gelingen …

Schröder : Auch mit dreimal so viel Plakaten erreichen wir jemanden in Ottakring oder Floridsdorf nicht so leicht. Wir investieren sehr viel in Kontaktpersonen in der Peripherie. Wenn man Brücken bauen will, braucht man Brückenpfeiler. Ich will auch den Yppenplatz erreichen! Wir scheitern, wenn wir glauben, wir sind für eine kleine Minderheit an Gebildeten zuständig. Das reicht nicht! Ich komme gerade aus Washington und habe dort das neue Museum der Alfred Barnes Collection besucht. Seine Vision war, die Kunst von Picasso, Modigliani und Cézanne für Schwarze zu öffnen. Aber was konnte ich feststellen? Die Besucherschicht dieser Weltsammlung war durch die Bank 60 plus, weiblich und weiß! Im Restaurant des Museums hingegen wurde man bedient von unter 25-jährigen Schwarzen. Das kann man mit Schrecken sehen. Was wir zu zeigen haben, müssen wir so vermitteln, dass es auch andere Schichten als für sich relevant empfinden.

Am Yppenplatz könnte es aber beeindrucken, dass auch Angelina Jolie schon in der Albertina war …

Schröder : Mir ist wichtiger, mit der Aktion Soho in Ottakring ein Bündnis einzugehen als mit Hollywood. Das wird die Herausforderung der nächsten 30 Jahre.

Sie gelten als arrogant, ein Klischee, das sich schwer abbauen lässt?

Schröder : Das liegt an meiner Größe und an einer gewissen Ausdrucksweise, die viele irritiert. Glücklicherweise kenne ich niemanden, der mich persönlich kennt und arrogant findet. Ich fühle mich auch mit keiner Charakterbeschreibung derart missgetroffen wie mit dieser. Ich bin doch der, der sagt, wir Spezialisten machen die Arbeit für die, die nicht Kunstgeschichte studiert haben. Ich bin nicht bereit, am Eingangstor der Albertina einen Eignungstest für das Betreten des Museums zu verlangen. Ich setze mich vehement gegen einen abgehobenen Kulturbegriff ein: Da bin ich wie ein Terrier, der mit Zartheit und hartem Biss dranbleibt.

Woher nehmen Sie den langen Atem?

Schröder : Das Schöne an meinem Beruf ist, dass - auch wenn ich schon um 5 Uhr Früh aufstehe, um alle Zeitungen zu lesen - diese Arbeit Spaß macht. Umso mehr fühle ich mich denen verpflichtet, die den Müll wegführen, für heißes Wasser sorgen oder den Bus lenken. Denn die werden nicht immer sagen können: Es ist ein Vergnügen.

Sie haben von Berufs wegen mit Schönheit zu tun, wie weit wirkt das auf Ihr Privatleben? Sind Sie eitel?

Schröder : Ich gehöre nicht zu der Generation, die sagt, ich brauche nur Wasser und Kernseife. Ich werde auch immer wieder gefragt, ob ich Jogginghosen besitze: Ich umgebe mich mit Art-déco-Möbeln und herrlicher Kunst, warum soll ich da mittendrin im Schlabberlook herumschlurfen? Ich sehe auch nicht ein, warum mein zehnjähriger Sohn nicht beim Trinken den Arm heben oder beim Essen die Gabel richtig halten soll.

Alles eine Frage der Disziplin?

Schröder : Darunter leide ich nicht, das ist meine zweite Natur. Es fällt mir gar nicht auf. Ich gehe ins Fitnesscenter, bekanntlich habe ich dort meine jetzige Frau kennengelernt, und es ist mir die ersten sechs Wochen nicht einmal aufgefallen, dass man da mit allen per Du ist. Ich bin höflich, weil ich es bin. Das macht das Leben einfach.

Bei Society-Events sind Sie nicht mehr oft zu finden …

Schröder : Genau genommen, überhaupt nicht, außer bei eigenen Events. Die "Seitenblicke“-Gesellschaft hat sich zu einem Bodensatz entwickelt, es ist erschreckend, wer jetzt in Österreich als prominent gilt. Da wird ein Charity-Event nach dem anderen veranstaltet, nur damit sich wieder dieselben 30 entblöden.

Am 28. 2. läuft die Bewerbungsfrist für die Amtsperiode bis Ende 2019 ab.

Schröder : Ich werde mich bewerben. Aber man kann sich nicht bewerben mit den Lorbeeren, die man in der Vergangenheit erworben hat, sondern mit Visionen, die man für die Zukunft hat.

Gibt es diesbezüglich kein Jammern über das Budget?

Schröder : Wir sind dankbar und stolz, dass in Österreich Kultur so einen hohen Stellenwert hat und dass auch in Zeiten der Wirtschaftskrise nicht gekürzt wird. Ich habe natürlich trotzdem Visionen, die viel Geld benötigen: Unsere Sammlungen wachsen, wir haben die Grenzen erreicht. Es gäbe aber eine Ausweitungsmöglichkeit, das ist der Albertinaplatz. Ich weiß, dass das heute noch nicht realisiert wird. Aber man muss so etwas immer wieder in Erinnerung rufen, damit man die Idee parat hat, wenn sich ein "window of opportunity“ auftut.

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