Der Vater des Gedankens: In seinem neuen Roman lässt Glavinic Wünsche wahr werden

Mit seinem neuen Roman „Das Leben der Wünsche“ dringt Autor Thomas Glavinic zu Gedanken vor, die viele Menschen lieber nicht denken würden. Nebenbei beschreibt er Sex so explizit wie nie zuvor.

„Es mag sein, dass es ein fantastischer Roman ist, aber es ist sicher keine Science-Fiction oder Fantasy“, sagt Thomas Glavinic. Dass in seinem neuen Buch „Das Leben der Wünsche“ (Hanser, € 21,50) Meere über die Ufer treten und der Protagonist für Sekundenbruchteile ins Weltall katapultiert wird, ist für den Wiener Schriftsteller ein unverzichtbarer Teil der Erzählung. „Da sich in diesem Buch die unbewussten Wünsche eines Menschen zu erfüllen beginnen, hatte ich mehr Freiräume – andererseits durfte ich sie nicht zu sehr strapazieren“, sagt er. „Es war ein vorsichtiges Tasten an der Grenze der Realität.“

Ehemann Jonas hat eine Affäre
Glavinic, der sich seit seinem Debüt „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ (1998) als versierter Erzähler profiliert hat, kommt braungebrannt in einem lockeren Hemd zum Gespräch in ein Wiener Naschmarkt-Café. Seit zwei Jahren zieht es den Schriftsteller immer wieder zu mehr­wöchigen Aufenthalten nach Rom, auch Teile seines neuen Romans „Das Leben der Wünsche“ sind dort entstanden. Auch im Buch hat der Autor Wien hinter sich gelassen: Die Handlung ist an einem seltsam undefinierten Ort angesiedelt, was zur surrealen Grundstimmung beiträgt. In kurzen Kapiteln, die oft über eigene Sprachstile und Erzähltöne verfügen, verfolgt Glavinic seinen Protagonisten Jonas, der neben seiner Rolle als Werbetexter, Ehemann und Vater eine leidenschaftliche Affäre lebt, durch eine turbulente Zeit.

Wünsch dir was
„Ich habe darüber nachgedacht, wie viele Menschen Angst davor haben, ihre Beziehungen zu beenden“, sagt Glavinic. „Von einigen Bekannten weiß ich, dass sie sich vorgestellt hatten, dass ihr Partner tot wäre. Damit wären viele Probleme erledigt: Man muss niemanden verletzen, man ist nicht der Schurke, der geht, sondern sogar ein Opfer. In dieses Bild platzte die Idee von unbewussten Wünschen, die sich erfüllen. Im Grunde war mir in diesem Moment klar, dass mir gerade ein Roman eingefallen war.“ Dass die Hauptfigur Jonas seine Wünsche nie ausspricht, ist der wichtigste Unterschied zwischen Glavinics Fiktion und einem Märchen. Dass Jonas seine Frau eines Tages tatsächlich tot in der Badewanne vorfindet, ist als Ereignis zu schrecklich, als dass man einfach von „Wunscherfüllung“ sprechen könnte. Auch in den zwei Dritteln des Buchs, die der Autor auf den fatalen Vorfall folgen lässt, will sich das Muster „… und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende“ nicht so richtig bestätigen. „Mich interessiert, wo sich Dinge abspielen, auf die ich kaum Zugriff habe“, erklärt Glavinic. „Ich glaube, dass wir ­viele unbewusste Wüsche, aber eben auch Mordgelüste in unseren Tagträumen verstecken und uns ihrer überhaupt nie bewusst werden.“

Liebesnächte nicht zu knapp
Die Erfüllung von Jonas’ geheimen Begehren gibt Glavinic auch Gelegenheit, so explizit wie noch nie über Sex zu schreiben: Ausgiebige Liebesnächte, leidenschaftlicher Sex mit und ohne Kondom, eine Dreierszene mit Jonas, seinem besten Freund und dessen Frau blitzen im Roman fast so auf, als hätte man beim Zappen den Pornokanal erwischt. „Ich habe das aber nicht geschrieben, weil es mir Spaß gemacht hat, sondern weil es der Text erfordert hat“, beteuert Glavinic. Auf die Anmerkung, der Hauptcharakter hege einige doch recht klassische Männerfantasien, ­reagiert er leicht verstimmt. „Bei dem Begriff schwingt stets etwas Negatives mit, nicht immer ganz zu Recht. Mein Charakter hat ein paar Sexualfantasien, die ich für sehr weit verbreitet halte – doch seine unbewussten Wünsche sind im Gesamten um einiges komplexer.“

Ausgefeilte Intuition
Es ist nicht das erste Mal, dass Glavinic einem Mann namens Jonas durchs Leben folgt – auch die Geliebte Marie und der Freund Werner tauchten schon in seinem vorletzten Buch „Die Arbeit der Nacht“ (2006) auf. Der Jonas-Charakter musste damals eines Morgens feststellen, dass er allein auf der Welt war, und irrte durch ausgestorbene Straßen. „Es gibt nun einige Parallelen und einige Unterschiede“, sagt Glavinic, der zu Beginn seiner Arbeit an „Das Leben der Wünsche“ andere Namen für die Figur verwendete und sich dann für Jonas entschied, weil er das Gefühl hatte, dass sonst „etwas nicht stimmte“. Dass Glavinic die intuitive Natur seines Schreibens betont, bedeutet nicht, dass seine Werke nicht ausgefeilt sind: „Der Kameramörder“, ein Krimi mit gesellschaftskritischem Unterbau, wurde gerade durch die gekonnt gewählte Perspektive eines bürokratischen Beobachters haarsträubend. Im Februar 2010 soll die Verfilmung des Buchs von Robert A. Pejo in die Kinos kommen, für „Das Leben der Wünsche“ hat sich bereits David Schalko („Willkommen Österreich“, „Sendung ohne Namen“) die Filmrechte gesichert.

Bücher über Angst, Liebe, Einsamkeit
„Ich möchte Geschichten erzählen, die mit dem zu tun haben, was sich in meinem Leben abspielt“, sagt Glavinic. „Deshalb schreibe ich über Angst und Liebe und Einsamkeit, das sind Motive, von denen ich am ehesten etwas verstehe.“ Vom gezielten Täuschspiel mit der eigenen Person im letzten Buch „Das bin doch ich“ (2007), in dem der Ich-Erzähler Thomas Glavinic hieß, ist in „Das Leben der Wünsche“ nichts mehr zu spüren. „Wenn autobiografische Elemente enthalten sind, sind sie dermaßen entstellt, dass nicht mal ich sie wiedererkenne“, sagt Glavinic, übrigens selbst ehemaliger Werbetexter. „Ich er­finde gern.“

Von Michael Huber

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