Der Tiger im Tank

Der Tiger im Tank

Ang Lee hat Yann Martels Bestseller "Schiffbruch mit Tiger“ verfilmt. Gedreht in einem Riesenwassertank, entstand ein beeindruckend kraftvolles 3D-Abenteuer.

Ein 16-jähriger Junge und ein 450 kg schwerer bengalischer Tiger treiben 227 Tage an Bord eines Rettungsboots im Pazifik. Eine bizarre Story, die eher nach einem "Universum Spezial“ oder der Fotostrecke in einem "GEO“-Sonderheft klingt als nach einem Bestseller. Dennoch hat sich der 2001 erschienene Roman "Life of Pi / Schiffbruch mit Tiger“ des Kanadiers Yann Martel weltweit mehr als neun Millionen Mal verkauft und wurde 2002 zu Recht mit dem Booker Prize ausgezeichnet. Mit der Geschichte des jungen Pi gelang dem Autor eine kluge Studie übers Leben und ein Meisterstück an Erzählkunst.

Als unverfilmbar hat der Autor selbst bisher das fantastische Abenteuer empfunden. Zu visuell hat er jedes noch so kleine Detail geschildert. Zusammengefasst, würde bestenfalls ein "Cast Away“ in einem Rettungsboot, mit einem indischen Teenager an der Stelle von Tom Hanks, rauskommen, wie Skeptiker im Vorfeld anmerkten.

Ausnahmeregisseur

Ang Lee, Spezialist für Menschen in Ausnahmezuständen, hat das Projekt dennoch gereizt. Der 58-jährige Taiwanese hat bereits hinlänglich bewiesen, dass er literarisch breitenwirksame Stoffe leinwandtauglich umzusetzen versteht. Lee verfilmte u. a. Jane Austens "Sense and Sensibility“ oder die Annie-Proulx-Kurzgeschichte "Brokeback Mountain“. Der Oscarpreisträger hat nun auch bewiesen, dass selbst derart dramatische Begrenzungen wie in "Schiffbruch mit Tiger“ keinerlei Mangel an Ereignissen, Spannung oder Überraschungen bedeuten müssen. Und seine ungewöhnliche 3D-Version von "Life of Pi“ gilt bereits als heißester Oscarkandidat für 2013! Schon bei der Welturaufführung in New York gab es minutenlange Standing Ovations, und die "New York Post“ bezeichnete den Film als das visuell Umwerfendste, was in diesem Jahr in den Kinos gelaufen ist: "Der Film ist hypnotisch schön und nutzt 3D noch besser als ‚Avatar‘.“

Schiff ahoi! Ang Lee hat detailgenau gearbeitet und schildert die Vorgeschichte zum Unglück sogar ausführlicher als das Buch.

Wir lernen Pi, der eigentlich Piscine Molitor Patel heißt, als Sohn eines indischen Zoobesitzers kennen. Bei der Emigration der Familie - inklusive Zoo! - nach Kanada erleidet das Passagierschiff nach einem Unwetter im Pazifik Schiffbruch. "The ship sank“, ist dazu bei Yann Martel nachzulesen, während Ang Lee dem Untergang atemberaubende Sequenzen widmet.

Pi überlebt als einziger Mensch, zusammen mit einer Hyäne, einem Orang-Utan, einem Zebra und einem Tiger namens Richard Parker in einem Rettungsboot. Der Beginn einer haarsträubenden Odyssee, auf der der Tiger sehr schnell alles verschlingt - bis auf Pi. Mitten auf dem Ozean, abgeschnitten von der Außenwelt, treiben nun die Raubkatze und der Junge, einander stetig belauernd, auf dem kleinen Boot dahin. Bei gleißender Sonne, peitschendem Regen, Stürmen, hohem Wellengang, Mordshunger und Durst.

Nach dem Verlust seiner Familie muss sich der 16-Jährige nun gegen die Naturkräfte behaupten, schrittweise schafft er sich seine eigenen Zivilisationsgesetze und seine eigene Religion, schärft seine Instinkte und nutzt seinen Einfallsreichtum und nonverbale Kommunikation, um den Tiger zu trainieren. Pi wird später feststellen, dass er die Zeit als Schiffbrüchiger nicht trotz, sondern wegen des Tigers überstanden hat. Diese ständige Gefahr hat seine Lebensgeister wach gehalten.

Für die Hauptrolle des Pi hat Regisseur Ang Lee aus über 3.000 Bewerbern einen 16-jährigen Inder besetzt, der bis dahin noch keinerlei Schauspielerfahrung hatte und in dreimonatigem Training auch erst das Schwimmen erlernen musste. Der Newcomer Suraj Sharma liefert ein einnehmendes Debüt. Gedreht wurde "Life of Pi“ zum Großteil in Ang Lees taiwanesischer Heimat. Unwetter, Stürme, meterhohe Wellen - was sich stellenweise atemberaubend authentisch präsentiert, wurde allerdings nicht im weitläufigen Ozean, sondern in einem überdimensionalen, speziell gefertigten Wassertank gedreht. Die Szenen mit dem Tiger entstanden mithilfe von Split-Screen-Technik und einer digitalen Raubkatze. Dem Gesamteindruck tut das keinen Abbruch, phasenweise lässt einen Ang Lees Film sogar den Geschmack des Salzwassers auf den eigenen Lippen spüren.

Ab 26. 12. im Kino

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