Der "Ruhm" des Daniel Kehlmann: Formale Experimente in selbst erfundenen Welten

In seinem neuen Roman „Ruhm“ turnt Bestseller­autor Daniel Kehlmann durch verschiedene Realitäts­ebenen. Er demonstriert damit, dass sich Macht nicht in Berühmtheit, sondern in der Erzählkunst zeigt.

Im Finale von Daniel Kehlmanns Bestseller „Die Vermessung der Welt“ ist der große Entdecker Alexander von Humboldt sichtlich genervt. Die Heldentaten sind vollbracht, nun wird er herumgereicht, von Empfang zu Empfang, immer verstrickt in den gleichen Smalltalk, die gleichen Fragen. In Kehlmanns neuem Roman „Ruhm“ ereilt den Schriftsteller Leo Richter ein ähnliches Schicksal. Er pilgert von Kulturinstitut zu Kulturinstitut, wird von Auslandsdeutschen belagert und von Fans verfolgt. „Wo bekommen Sie immer Ihre Ideen her?“, fragen sie. „Badewanne“, lautet die Standardantwort. „Und wann schreiben Sie?“ – „Immer nachmittags.“

1,4 Millionen verkaufte Exemplare
Nach 1,4 Millionen verkauften Exemplaren der deutschen Ausgabe „Die Ver­messung der Welt“ und der Übersetzung des Buches in über 40 Sprachen hätte der heute 34-jährige Kehlmann leicht in dieselbe Mühle geraten können: Überall eilte dem bubengesichtigen Autor der Ruf des Wunderkinds voraus, das Attribut, einen der erfolgreichsten deutschen Romane der Nachkriegszeit geschaffen zu haben, schraubte auch die Erwartungen an den Nachfolger hoch.

Autor als gottgleicher Lenker
Mit „Ruhm“ schlägt Kehlmann nun ­einen Haken: Der „Roman in neun Geschichten“ ist eine Etüde der Erzählkunst, in der der Autor verschwindet und zugleich übergroß in Erscheinung tritt. Kehlmann versteckt sich hinter einer Reihe von Figuren, die jeweils unterschiedliche Sprachstile pflegen und verschiedene Schicksale durchleben. Die Wege der Personen kreuzen sich auf die eine oder andere Weise. Überblick und Macht über alle Handlungsstränge hat freilich nur einer: der Autor, der wie ein gottgleicher Lenker mal hier zurechtrückt, mal dort manipuliert und dabei über sich selbst philosophiert.

Literarische Figur und Pendler
Die Macht, die Kehlmann im Roman ausübt, hat wenig mit seinem öffentlichen Auftreten zu tun. Der einstige Student der Philosophie und Germanistik, der zwischen Wohnsitzen in Wien und Berlin pendelt, blieb auch nach dem Erfolg der „Vermessung“ relativ unscheinbar – zwar trat er immer wieder in Interviews, als Lobredner oder als Essayist auf, er behielt aber eine Aura der Unnahbarkeit. Kehlmanns Freund Thomas Glavinic machte den Autor in seinem Roman „Das bin doch ich“ nur unwesentlich transparenter. Glavinic ließ seinen Ich-Erzähler die Kehlmann-Erfolgsgeschichte mit einer Mischung aus Bewunderung und Neid beobachten, suggerierte Nähe, doch zugleich machte er den Autor zur literarischen Figur.

Vermessung der Romanwelt
In „Ruhm“ vermisst Kehlmann nun ­seine selbst erfundenen Welten, indem er verschiedene Möglichkeiten des Erzählens auslotet. In einer Geschichte lässt er den Autor Leo Richter überlegen, ob dieser seine Romanfigur – eine tod­kranke Frau namens Rosalie – sterben lassen soll, obwohl diese um ihr Leben bettelt. „Wie Rosalie kann auch ich mir nicht vorstellen, dass ich nichts bin ohne die Aufmerksamkeit eines anderen, ja dass meine bloß halbwahre Existenz endet, sobald dieser andere den Blick von mir nimmt“, sagt Richter, im Bewusstsein, dass auch er nur eine Erfindung ist. In allen Geschichten ist Kehlmann selbst der Andere, die einzige nicht-literarische Figur, die an der Spitze der aus vielen Realitätsebenen aufgeschichteten Pyramide sitzt. „Ich glaube, dass es formal das Avancierteste ist, was ich je gemacht habe“, erklärte Kehlmann der „FAZ“.

„Blockbuster“ Kehlmann  
Im Buch scheint es manchmal, als habe sich Kehlmann mit „Ruhm“ ein Mittel gegen die ­Erfolgsmaschine verschrieben: Egal, was die Welt draußen vorhat, in seiner eigenen Welt ist er immer König. Die Buchbranche unternimmt indes alles, um Kehlmann auf ein Podest zu heben: Die Startauflage des Romans beträgt 200.000 Exemplare, die ­Erscheinung wurde ähnlich wie bei einem Kino-Blockbuster vorbereitet. So sollte eine angedrohte Strafe von 250.000 Euro ver­hindern, dass Medien das Buch vorab rezensierten.

Durchbruch mit Kaminski
Anders als der Titel suggeriert, ist Kehlmann aber kein Popstar, der nach seinem großen Hit beginnt, Songs über die Schattenseiten des Ruhms zu schreiben. Sein ­Vater habe ihm gezeigt, wie Erfolg ver­blassen könne, betont der Auto. Der Vater, Regisseur Michael Kehlmann („Radetzkymarsch“), holte die Familie 1981 nach Wien – er hätte damals das Theater in der Josefstadt leiten sollen, trat den Posten aber nicht an. Sohn Daniel setzte erst einmal drei erfolglose Bücher in die Welt, bevor ihm mit „Ich und Kaminski“ (2003) ein erster Durchbruch gelang.

Meditation über Aufmerksamkeit
Der Titel „Ruhm“ ist auch eine Meditation darüber, wie Aufmerksamkeit über Sein und Nichtsein entscheidet. Oft wird Aufmerksamkeit technisch verstärkt oder ausgelöscht: Ein Telekommunikationsmanager führt mithilfe von SMS ein Doppelleben mit zwei Frauen, ein sozial inkompetenter Angestellter mimt in Online-Foren den Helden. Ein berühmter Schauspieler wiederum verschwindet, als die Aufmerksamkeit der Menschen auf einen Imitator übergeht. Viele Figuren in den Geschichten brechen so – bewusst oder unbewusst – aus vorgezeichneten Wegen aus.

Lust am Fabulieren
Der Einzige, der nicht aus dem Realitätenkarussell aussteigen kann, ist Kehlmann selbst. Als einzig „realer“ Protagonist wird er in den kommenden Monaten wohl wieder von Lesung zu Lesung herumgereicht, Rezensionen und Verkaufszahlen werden seinen Ruf untermauern oder auch nicht. Man muss Kehlmann zugute halten, dass er sich bei alldem seinen Witz bewahrt hat: Seine Lust am Fabulieren, die schon „Die Ver­messung der Welt“ auszeichnete, hält auch „Ruhm“ über weite Strecken lebendig. Wo nimmt der Mann wohl seine Ideen her?

Buch:  „Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten“ ist im Rowohlt Verlag erschienen (224 Seiten, € 18,90). Der Verlag druckte eine Erstauflage von 200.000 Stück – „es wird nicht lange dauern, bis wir nachdrucken müssen“, heißt es aus der Marketingabteilung. Der Vorgängerroman „Die Vermessung der Welt“ hält sich drei Jahre nach Erscheinen noch immer in den Bestsellerlisten.

Lesung & Bühne: Am 29. 1. stellt ­Kehlmann den neuen Roman
im Akademietheater vor (20 Uhr). Im Wiener „Salon 5“ (15., Fünf­hausgasse 5,) ist bis 31. 1. eine ­Bühnenfassung von Kehlmanns „Ich und Kaminski“ zu sehen.

Von Michael Huber

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