Der Philosoph Robert Pfaller über die Moralvorstellungen der Gegenwart

Neuer Gehorsam, Neobiedermeier und Genussverlust – der Philosoph Robert Pfaller erklärt, warum wir immer sittsamer werden, uns selbst mehr und mehr beschränken & Sex an die Unterschichten delegieren

FORMAT: Werden wir insgesamt biederer, moralinsaurer, körper- und lustfeindlicher?

Robert Pfaller: Ja. Das deutlichste Indiz dafür ist, dass es wohl noch nie eine Epoche gegeben hat, in der sich so viele Menschen über etwas beklagt haben: Die einen fühlen sich vom Tabakrauch belästigt, die anderen vom Sex, die dritten können eine Karikatur nicht ertragen, wieder andere fordern die Demontage von Kunst im öffentlichen Raum. Zwei Aspekte scheinen mir daran wichtig: Erstens, wir haben ein Problem mit dem Genuss – denn all diese Dinge könnte man auch als lustvoll empfinden. Und zweitens: Was uns Probleme macht, ist immer der Genuss der anderen.

FORMAT: Leben wir tatsächlich im Zeitalter des Neobiedermeier?

Pfaller: Das Biedermeier war eine vorrevolutionäre Epoche, in der die Menschen aufgrund härtester polizeilicher Repression zu versteckten, privateren Möglichkeiten der Versammlung und Kritik greifen mussten. Wir dagegen rufen noch selbst nach Verboten.

FORMAT: Wer sind die Träger des Neobiedermeier?

Pfaller: Politiker, die ihre Aufgabe vernachlässigen, die Menschen angesichts eines immer aggressiver agierenden Kapitals vor Verarmung zu schützen, und sich stattdessen auf unbedeutenden Nebenschauplätzen wichtig machen. Jugendkulturell und postmodern geprägte Menschen, die ganz sie selbst sein wollen und darum die Lust nicht ertragen, weil diese einen notwendigerweise ein Stück weit von einem selbst entfernt und Gesellschaft zur Voraussetzung hat.

FORMAT: Kinder sind heute oft um einiges konservativer als ihre Eltern. Was bedeutet eine solche Umkehrung der Verhältnisse?

Pfaller: Der Unterschied ist vielleicht kleiner, als er auf den ersten Blick aussieht. Die Nach-68er-Eltern waren infantil, ihre Kinder sind altklug. Beiden gemeinsam ist die Unfähigkeit, sich selbst und die Welt mit Humor zu betrachten. Darum sind sie so gebannt von Todesfurcht: Die Gesundheit ist bedroht, die Umwelt in Gefahr, die Sicherheit auch etc. Erwachsene, humorfähige Menschen würden sagen: Na und? Dass wir sterben, wissen wir, das ist nichts Schlimmes. Schlimm wäre nur, wenn wir vorher nichts haben, was verdient, ein Leben genannt zu werden.

FORMAT: Warum erreichen in unserer Zeit Bücher über gute Manieren, rigide Erziehungsstile, Enthaltsamkeit, traditionelle Familienbilder und Körperdrill dermaßen hohe Auflagen?

Pfaller: Das sind die typischen Symptome einer Gesellschaft, die das Leben verlernt hat. Die Ratschläge sind allerdings in der überwiegenden Mehrzahl ein Teil des Problems und keineswegs dessen Lösung. Wenn Leute es nicht merkwürdig finden, dass Regierungen ihnen das Rauchen verbieten, ist es auch nicht verwunderlich, dass sie für Ideen strenger Erziehung empfänglich sind. Und die Familie wird immer dann als Modell attraktiv, wenn die Gesellschaft nichts mehr zu bieten hat außer Verboten.

FORMAT: Warum schreien wir so nach Verboten?

Pfaller: Weil wir uns unbewusst einbilden, dass der Genuss, der dem anderen durch das Verbot entzogen wird, dann uns zufiele.

FORMAT: Sie orten eine asketische Kultur der Mäßigung und Selbstbeschränkung, die um sich greift. Gönnen wir uns zu wenig?

Pfaller: Ja. Uns – und vor allem auch den anderen. Wir sind unfähig geworden, Genuss und Glück als etwas Teilbares, Solidarisches zu begreifen. Sobald wir jemanden genießen sehen, überkommt uns das Gefühl: Der oder die genießt auf meine Kosten.

FORMAT: Welchen Genuss ziehen wir aus Verzicht?

Pfaller: Wie Freud erkannte: Wenn wir auf Lust verzichten, verschaffen wir uns dadurch Selbstachtung. In einer narzisstischen, ichfixierten Kultur wie der unseren wird immer der Selbstachtung der Vorzug gegenüber der Lust gegeben. Wir verschaffen uns viel lieber das – freilich trügerische – Gefühl, die Welt zu retten, als uns ein Schnitzel zu gönnen.

FORMAT: Warum kommt es uns denn heute so gefährlich vor, uns freizügig zu zeigen?

Pfaller: In einer Gesellschaft, in der die sozialen Unterschiede härter werden und man entweder einen Top-Job hat oder gar keinen, wird es immer wichtiger, auf Distinktion zu achten. Selbstachtung ist da besser als Lust. Was wir „Bewusstsein“ nennen, ist vor allem eine Waffe in den Distinktionskämpfen: Wer beim Essen nicht an die Umwelt denkt, steht einfach schlechter da. Wer Sex will, gehört überhaupt bald zur Unterschicht.

FORMAT: Was bedeutet die Strenge fürs Thema Sexualität? Tote Hose in den Schlafzimmern, allgegenwärtige Sex-Beschwörungen in TV und Medien?

Pfaller: Nicht die Genussmittel sind knapp geworden, sondern unsere Fähigkeit, sie zu genießen. Wir haben keine kulturellen Normalvorbilder und Idealtypen der Erotik mehr, wie sie im Spielfilm der 70er-Jahre noch existierten, etwa bei Romy Schneider und Alain Delon oder auch bei Faye Dunaway und Steve McQueen. Solche Bilder animierten uns nicht nur, etwas Ähnliches zu wagen; sie vermittelten auch die Vorstellung, dass uns der Genuss im Wesentlichen von der Gesellschaft gegönnt ist. Die Zerrbilder, die uns heute bombardieren, lassen uns angewidert davon Abstand nehmen und froh sein, dass nicht wir die Freaks sind, die ohne jede Selbstachtung einem nicht gegönnten Genuss frönen.

FORMAT: Wie kommt es, dass wir maßvolle Asketen nicht schreiend davonlaufen, wenn wir von der Kommerzkultur ständig mit neuen Genüssen und Selbstverwirklichungsappellen bombardiert werden?

Pfaller: Das tun wir ja. Wir schreien nach Verboten. Und wir flüchten panisch und mäßigen uns maßlos.

FORMAT: In einem Interview sagten Sie über die Wirkung des in Talkshows und Reality-Formaten präsentierten Sex: „Wenn ihr euch nicht zusammennehmt, sitzt ihr morgen selbst bei den Unterschichtlern im Rudelbums-Container.“ Reality-TV als Züchtigungsinstrument für die Mittelschicht?

Pfaller: Mit der Überzeichnung habe ich versucht, deutlich zu machen, dass es hier eine Tendenz zu einer gesellschaftlichen Rollenverteilung gibt. Der Sex wird von den Mittelschichten an die Unterschichten delegiert. Man kann das unter anderem bei den kosmetischen Operationen beobachten. Die Mittelschichten wollen sich den Busen verkleinern lassen, die Unterschichten stocken auf. Die Gesamtmenge bleibt etwa gleich.

FORMAT: Bleiben wir kurz bei den Reality-Formaten: Ihre Hauptthemen sind Balzrituale, Betrug, Paranoia, gegenseitige Bezichtigungen und Einblicke ins Intimleben. Warum genießen wir es so, uns anzuschauen, wie andere sich entblößen und gehen lassen?

Pfaller: Weil wir einerseits Sehnsucht nach diesen Dingen haben, aber andererseits aus Gier nach Selbstachtung es vorziehen, wenn andere das machen und sich dadurch unsere Verachtung einhandeln.

FORMAT: Gibt es denn überhaupt noch Leute, die sich vergnügen?

Pfaller: Der Genuss scheint, mit wenigen, harmlosen Ausnahmen, an die beiden extremen Pole der Gesellschaft abgewandert zu sein: einerseits zu den Oligarchen und Ministerpräsidenten, die sich dank postdemokratischer Verhältnisse keine Rücksichten mehr auferlegen müssen. Und andererseits zu den Unterschichten, die keine Aussicht auf Distinktionsgewinn mehr haben und die mit dem sichtbaren Vorführen ihrer Ausschweifungen immer sowohl einen Beweis ihrer Inferiorität abliefern – wie auch einen Protest dagegen zu demonstrieren versuchen.

FORMAT: In Ihrem neuen Buch „Wofür es sich zu leben lohnt“ schreiben Sie, dass wir verlernt haben, Bedingungen herzustellen, unter denen sich Feiern, Tabak, Sex etc. genießen ließen. Wie ist das gemeint?

Pfaller: Alle diese Dinge haben etwas Zwiespältiges an sich. Um das zu genießen, brauchen wir eine Art von gesellschaftlichem Gebot, das besagt: „Sei jetzt kein Spielverderber, und mach mit.“ Ohne dieses Gebot, auf uns alleine gestellt, verstehen wir kaum, warum wir uns solche ekligen und ungesunden oder unanständigen Dinge antun sollten. Weil wir gelernt haben, ganz wir selbst sein zu wollen, lassen wir uns solche mondänen Gebote aber nicht mehr gefallen. Wir sehen darin nicht mehr das Gemeinsame, sondern fürchten, der andere würde auf unsere Kosten genießen.

FORMAT: Wie lernt man, wofür es sich zu leben lohnt?

Pfaller: Indem man es sich zur Gewohnheit macht, sich die Frage zu stellen, wofür es sich zu leben lohnt.

Interview: Julia Kospach

ZUR PERSON: Robert Pfaller, geboren 1962, studierte Philosophie in Wien und Berlin und war nach Gastprofessuren in Chicago, Berlin, Zürich und Straßburg Professor für Kulturwissenschaften und Kulturtheorie in Linz. Seit 2009 ist er Professor für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Er ist Autor zahlreicher Bücher zur Gegenwartskultur, u. a. „Das schmutzige Heilige und die praktische Vernunft“ (2008) und zuletzt „Wofür es sich zu leben lohnt“ (2011).

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