Der neue Opernboss Dominique Meyer im FORMAT-Interview

Anders als sein Vorgänger findet Dominique Meyer, dass der Intendant eines Hauses selbst nicht so wichtig ist. Der neue Opernboss über seine Qualitätskriterien und die lange To-do-Liste für Wien.

"Ich bin kein Schauspieler“, beendet Dominique Meyer das Fotoshooting höflich, aber bestimmt, als ihn der Fotograf bittet, in einer weiteren Stellung zu posieren. „Mir genügen schon die drei Minuten, die ich täglich beim Zähneputzen mit mir vor dem Spiegel verbringe“, setzt er lächelnd nach. Posing ist nicht seine Sache. Einen Monat ist der neue Staatsoperndirektor nun im Amt. Nach einer harten Vorbereitungszeit, in der der 55-jährige Kulturmanager und Opernfachmann mit abgeschlossenem Wirtschaftsstudium aus dem Elsass jeden zweiten Tag zwischen Paris und Wien pendelte. Schon die erste konzertante Premiere, „Lucrezia Borgia“, war ein fulminanter Erfolg. Dass das Publikum Edita Gruberova so hymnisch feierte, riss selbst den ansonsten sehr zurückhaltenden neuen Chef des Hauses zu einem Tänzchen mit der Gruberova hin. Wenn auch nur hinter der Bühne.

FORMAT: Ihr Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst hat gemeint, es gebe einige Jobs, für die man nicht trainieren könne – Papst, US-Präsident und Wiener Staatsoperndirektor. Sie sind nun einen Monat im Amt. Wie lautet das erste Resümee?

Meyer: Franz Welser-Möst hat wahrscheinlich Recht. Aber: Ich habe bis jetzt nur Freude gehabt. Es ist mir so viel Schlimmes erzählt worden über die Wiener Gesellschaft und die Intrigen in der Stadt. Tausendundeine böse Geschichte. Aber ich fühle mich wohl, meine Mitarbeiter sind sehr angenehm – was wir bisher gemacht haben, war erfolgreich. Und: Ich habe Franz Welser-Möst an meiner Seite. Hochbegabt und mit all seiner Erfahrung bringt er sich total ein. Es ist eine Freude, morgens ins Haus zu kommen.

FORMAT: Ihre neue Matinee-Reihe für junge Stimmen wurde begeistert aufgenommen. Stimmt also das Klischee, dass diese Stadt ihre Sänger liebt?

Meyer: Das ist kein Klischee, sondern die reine Wahrheit. Wir haben viele neue Sänger vorgestellt, und alle wurden herzlich aufgenommen, selbst als wir Rolando Villazón kurzfristig ersetzen mussten.

FORMAT: Sie sind auch von der Kritik wohlwollend aufgenommen worden, obwohl „Operndirektorabschießen“ hierzulande ein beliebtes Spiel ist …

Meyer: Ioan Holender hat das immerhin 19 Jahre überlebt. Aber ich habe zu viel Arbeit, um darüber nachzudenken. Natürlich wird man künftig manchmal über Inszenierungen schimpfen. Das gehört dazu.

FORMAT: Auch wenn Sie nicht zum Typus „Einmischer“ à la Ioan Holender gehören, eine Frage an den ehemaligen Kulturpolitiker: Wie viel Kultur hat die Politik hierzulande?

Meyer: Ich empfinde die Politiker hierzulande durchaus als sehr gebildet. Allein dass sie sich für Oper und Theater interessieren, ist extrem wichtig. Aber ich habe schon bei meinem Antritt gesagt: Ich bin Gast in diesem Land und werde daher nicht die Tages- bzw. Innenpolitik kommentieren.

FORMAT: Sie haben mit Nachdruck auf einer Probebühne im Arsenal bestanden. Sie ist für Ende 2011 versprochen. Bleibt es dabei?

Meyer: Natürlich. Das ist kein Spielzeug für mich, sondern sehr wichtig. Niemand stellt sich die Frage, wofür das Burgtheater zwei Probebühnen braucht. Wenn man gute Vorstellungen zeigen will, muss man gute Bedingungen haben. Ich habe auch deutlich gesagt, dass vier neue Produktionen pro Spielzeit zu wenig sind. Aber wenn man mehr anbieten will, braucht man zusätzlichen Raum, um angemessen proben zu können.

FORMAT: Auch die Repertoireaufführungen sollen aufgefrischt werden. Die Wiederaufnahme der „Bohème“ wurde bereits als Restaurierung eines Monuments gefeiert …

Meyer: Wenn man länger arbeitet, bekommt man bessere Qualität. Ich hatte Angst, dass die Leute das nicht bemerken. Aber sie haben es sehr wohl gesehen.

FORMAT: Wie stehen Sie zu modernen Regietheater- Konzepten? Was ist zeitgemäß, was praktikabel?

Meyer: Was ich nicht mag, sind Karikaturen. Und ich finde es absurd, dass man glaubt, es gebe nur beim Regietheater Konzepte. In der Kunstwelt gibt es immer mehrere Wahrheiten. Ich bevorzuge daher im Spielplan eine internationale Auswahl unterschiedlicher Regisseure.

FORMAT: Ihre erste Premiere ist nun Paul Hindemiths Künstleroper „Cardillac“. Sven-Eric Bechtolf wird Regie führen. Kein leichtes Unterfangen in der Spannung zwischen dem romantischen Inhalt und der expressionistischen Umsetzung.

Meyer: Bechtolf ist ein kluger, sehr gebildeter Schauspieler und Regisseur. Ich schätze seine Art, mit den Sängern am Stück zu arbeiten. Die Chemie bei den Proben ist gut.

FORMAT: Die nächste Premiere ist die Barockoper „Alcina“ – mit Originalklang-Ensemble.

Meyer: Das war auch in Paris ein Mittel, um neue Zuschauer zu gewinnen. Ich möchte nicht, dass die Staatsoper das letzte große Haus ist, in dem Barockmusik nicht gespielt wird. Die Akustik dafür ist exzellent.

FORMAT: Sie gelten als Verfechter von Kooperationen, betonen, die Zeit, in der in jedem Haus ein eigener „Tristan“ gespielt werden muss, sei vorbei. Wo liegt dann die Grenze zur Austauschbarkeit der Häuser?

Meyer: Man arbeitet doch nicht für ein paar Journalisten oder Insider, die permanent weltweit unterwegs sind und alles sehen können. Ich arbeite vorrangig für das Wiener Publikum, welches – was man nicht vergessen darf – Steuern für die Oper zahlt. Mithilfe von Kooperationen kann man sechs bis sieben Produktionen zeigen, auch Opern, die nicht unbedingt repertoiretauglich sind – und Kosten teilen. Wenn man wirtschaftlich denkt, ist das unumgänglich.

FORMAT: Wie steht es mit der Zusammenarbeit mit anderen Wiener Häusern wie der Volksoper oder dem Theater an der Wien?

Meyer: Für das Publikum ist es doch interessanter, wenn wir einen bunten Strauß anbieten. Gemeinsam! Ich habe etwa mit Roland Geyer schon von Paris aus – wo es fünf Opernhäuser gibt – kooperiert. Warum sollte ich das jetzt anders halten? Und um die Quote mache ich mir keine Sorge. Wir pendeln zwischen 99 und 100 Prozent Auslastung.

FORMAT: Wie steht es um den Nachwuchs der Oper? Gibt es in der „Next Generation“ viele, die das Zeug zum Star à la Netrebko haben?

Meyer: Ich mag diesen Starbegriff nicht. Lassen Sie uns lieber von großen Talenten reden. Denn in erster Linie sind Netrebko oder Garanca wunderbare Sängerinnen, Stimmen, die Operngeschichte schreiben. Es gibt zahlreiche junge Talente, aber nur ein geringer Prozentsatz hat die gewisse Ausstrahlung, die dann den Star ausmacht, der auch Stadien füllt.

FORMAT: Mögen Sie diese Art der Opernpräsentation für Massen?

Meyer: Wenn ich die Antwort wüsste … Ich weiß nur, dass das Geld die Leute ändern kann. Wenn sie mit kurzen Auftritten so viel Geld verdient haben, haben sie oft keine Lust mehr zu aufwendigen Proben.

FORMAT: Sie haben mehrfach betont, Ihren eigenen iPod im Kopf zu haben. Was ist da gespeichert?

Meyer: Diesbezüglich bin ich nicht sehr treu. Da switche ich. Ich habe auch immer zwei reale iPods bei mir. Was wollen Sie hören? Wagner? Händel?

FORMAT: Von wo aus verfolgen Sie die Premieren?

Meyer: Ich sehe die ersten Vorstellungen einer Serie immer von der Direktionsloge. In späteren Vorstellungen sitze ich in der Proszeniumsloge, wo man einen sehr guten Blick auf das Orchester hat.

FORMAT: Besser geprobte Repertoirevorstellungen, orchestraler und szenischer Schliff, Ensemblepflege – was zählt noch zu Ihren Plänen?

Meyer: Ich habe eine sehr lange To-do-Liste, die wird Schritt für Schritt umgesetzt. Wir haben eine neue Website, neue Plakate und Programmhefte.

FORMAT: Sie haben den Kulturkanal Arte mit aufgebaut, Jack Lang in der Kulturpolitik beraten. Was ist heute „State of the Art“, wenn man Oper richtig vermitteln will?

Meyer: Das Repertoiresystem zu halten. Es ist sehr schön, in einem Theater nahezu fünfzig Opern sehen zu können. Wir werden auch dem Mozart-Repertoire neuen Stellenwert geben. Der Zyklus ist schon jetzt stark nachgefragt. Man gewinnt nichts, wenn man glaubt, eine großartige Produktion zu haben, aber die Vorstellung ist leer. Man muss das Publikum fordern und investieren, eine Balance finden. Ich weiß, dass „Cardillac“ schwieriger zu verkaufen sein wird als „La Bohème“. Mich freut, dass die Oper hierzulande auch eine jüngere Generation interessiert und als Vermittler von Emotionen funktioniert.

FORMAT: Wie kompensieren Sie Stress?

Meyer: Ich muss gar nichts kompensieren. Ich habe keinen Stress! Es ist wunderbar, dass man hier von der Oper aus in zwei Schritten in der Albertina ist, in drei im Kunsthistorischen Museum, da verbringe ich gern und oft meine Pausen. Und ich habe ein Kino gefunden, in dem man französische Originalfassungen spielt.

Interview: Michaela Knapp

„Cardillac“, Wiener Staatsoper
Premiere: So., 17. 10., 20 Uhr

Paul Hindemiths Oper um einen Goldschmied, der die Käufer seines Schmucks ermordet, weil er sich von den Werken nicht trennen will, wurde 1926 in Dresden uraufgeführt. In Wien war sie zuletzt 1994 mit Franz Grundheber zu sehen. Unter dem Dirigat von Franz Welser-Möst und in der Regie von Sven-Eric Bechtolf singt nun Juha Uusitalo die Titelrolle.

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