Der Österreicher Christian Ruzicska gründet neuen Verlag und mischt die Szene auf

Mit großer Euphorie und guter Spürnase für Autoren erweist sich der gebürtige Österreicher Christian Ruzicska als Prototyp einer neuen Verlagsszene, die spannende Gegenkonzepte zu den großen Häusern liefert.

Ein Buch verlangt nun mal eine andere Betreuung als eine Kiste Bananen“, stellt Tobias Hierl, Chefredakteur der „Buchkultur“, die seit 1991 Verlagsführer mit allen Daten zum österreichischen Buchmarkt präsentiert, trocken fest. Herkömmlich galt: Wer einen bekannten Autor bei der Hand hat, ein gutes Thema, eine gute Pressearbeit leistet und noch dazu über ein sattes Werbebudget verfügt, sollte auch Bücher absetzen können. Mittlerweile hat die Digitalisierung die Buchbranche neu geordnet: Bücher werden zu Rohstoff für E-Books, Handys, Onlinedienste und Suchmaschinen. Nach Amazon, Apple und Barnes & Noble kommt nun Google als weiterer Anbieter für E-Books in den Markt.

Althergebrachte Strukturen schmelzen dahin, der Konditionsdruck seitens des Handels wächst, die Presse ist immer stärker von den Anzeigen der Großverlage abhängig, deren Bücher sich wiederum immer ähnlicher werden.

Da drängt sich natürlich die Frage auf, warum es überhaupt noch so viele Verlage gibt. Allein in Österreich sind es an die 400. Vor allem kleine Verlage wie Luftschacht, Milena, edition A, Skarabäus, Ritter, Jung und Jung, Picus, Czernin oder Folio haben sich einen Markt erobert. Auch in Deutschland scheint der Buchhandel der Wirtschaftskrise zu trotzen. Verlage wie KOOKbooks schießen wie Pilze aus dem Boden, bieten ein Gegenkonzept zu großen Häusern und wollen Breite und Tiefe ins Angebot bringen.

So auch der neu gegründete Secession Verlag mit Sitz in Zürich und einer Dependance in Berlin, der am 30. August seine ersten vier Titel auf den Markt bringen wird. Hinter dem Verlag stehen Christian Ruzicska, ehemaliger Gründer des Tropen Verlags (mittlerweile an Klett-Cotta verkauft), und Susanne Schenzle, ehemalige Vertriebsleiterin aus dem Hause Ammann. Die Frage nach dem „Warum“ beantwortet Christian Ruzicska wie aus der Pistole geschossen. „Ich will gar nichts anderes können. Und die Hartnäckigkeit, mit der ich das will, bringt mich mit 40 Jahren dazu, noch mal ins Business einzusteigen. Da geht es nicht um Mut. Das ist ein Glücksgefühl und hat eine Notwendigkeit.“ Ruzicska vermittelt spürbar Euphorie wie Energie für die Branche. Der gebürtige Österreicher, Cousin des Salzburger Galeristen Nikolaus Ruzicska, lebt derzeit in Berlin und auf Reisen für die Verlagsinteressen. Eine Dependance in Österreich ist angedacht.

Nach der Organisation des Startkapitals – anders als in Österreich muss der deutsche Markt ohne staatliche Fördermittel auskommen – vertraute er seiner Intuition. „Menschen gieren nach guten Geschichten, die einem Sinnhaftigkeit mit auf den Weg geben können. Ich entscheide nun, was ich als Verleger der Öffentlichkeit zur Verfügung stelle, begebe mich damit in einen Rechtsraum wie in einen Wirtschaftsraum.“

Hochwertiges in Inhalt und Form

Der neue Verlag setzt dazu auf kreatives Marketing – „Wir haben nicht die Werbegelder, um an die entsprechenden Plätze gelistet zu werden“ – und große Akribie bei der „Verpackung“: Die Secession-Bücher präsentieren sich hochwertig in der Herstellung von der Papierqualität über Bindung bis zum Layout. „Ein Cover ist eine Werbefläche, die im Handel auffallen muss. Und da sich alle großen Erfolgsstorys derzeit über Bildmaterial vermitteln, arbeiten wir mit minimaler Freilegung eines Bildes.“ Langfristig will der Verlag der deutschsprachigen Autorenschaft ein Zuhause geben und eine Vielfältigkeit in der Gegenwartsliteratur garantieren. „Das“, so der Jungverleger, „bedeutet, dass man auch Autoren unterstützt, die nicht bloß Erfolge kopieren.“

Kreativität hin oder her: Am Ende geht es auch darum, mit Büchern Geld zu verdienen. Christian Ruzicska vertraut seinem Netzwerk an Vertretern. Dennoch gilt: Das Buch muss überzeugen. Neben Steven Uhlys Romandebüt „Mein Leben in Aspik“ geht er noch mit drei weiteren klug konzipierten Büchern toter Autoren an den Start. Dabei handelt es sich um Hélène Bessette, Magda Szabó und Ludwig Lewisohn. Auflage zwischen 1.500 und 6.000 Stück. „Wir werden uns auch schnell um den E-Book-Sektor kümmern“, sieht der Verleger den Richtungsstreit entspannt. Dennoch vertraut er darauf, dass das gedruckte Buch die Mehrheit behalten wird. Auch wenn Amazon gerade bekannt gegeben hat, dass man in den USA im Juni auf 100 verkaufte Hardcoverbücher 180 digitale Werke verkauft hat.

Die Betreiber des deutschen Kleinverlages KOOKbooks bezeichnen sich als „Agenten der Schönheit“. Für Christian Ruzicska gilt: Besser, man ist ein Agent der Realität und schenkt der Realität Schönheit.“ Die vom Aussterben bedrohte Figur des Verlegers, wie ihn einst Siegfried Unseld oder Klaus Wagenbach als prägende Akteure im Literaturbetrieb verkörpert haben, wird im weiten Feld der Austauschbarkeiten wieder zu nehmend wichtiger. Christian Ruzicska könnte einer der neuen Generation sein.

– Michaela Knapp

Bücher aus dem Secession Verlag

MAGDA SZABÓ: DIE ELEMENTE
Die 2007 verstorbene Ungarin galt schon zu ihren Lebzeiten als Klassiker. In „Die Elemente“ geht sie den Bedingungen der Liebe gnadenlos auf den Grund.

LUDWIG LEWISOHN: DER FALL CRUMP
Neu übersetzte Auflage des 1926 erschienenen spektakulären und in den USA verbotenen Ehedramas des1955 verstorbenen Berliner Juden.

HÉLÈNE BESSETTE: IDA ODER DAS DELIRIUM
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STEVEN UHLY: MEIN LEBEN IN ASPIK

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