"Der Mann, der niemals lebte": CIA-kritischer Agententhriller mit Crowe und DiCaprio

Eine islamische Terrorgruppe bedroht die Welt. Doch die CIA-Agenten Russell Crowe und Leonardo DiCaprio verfangen sich in ihren eigenen Netzen. Eine obskure Geheimdienst-Abrechnung von Ridley Scott.

Barack Obama hat kürzlich angekündigt, seine Administration werde al-Qaida auslöschen. Das klingt spannend. Vielleicht fand der President-elect ja noch Zeit, sich „Der Mann, der niemals lebte“ (präziser: „Body of Lies“) anzusehen. Der Agententhriller, in dem eine islamische Terrorgruppe aus dem Nahen Osten weltweit Märkte wie Militärbasen in die Luft sprengt, hält einige Hinweise auf die Hürden für Obamas Projekt parat. Hürden, die nicht die Terroristen betreffen, sondern Washingtons eigenen Geheimdienstapparat.

Crowe und DiCaprio
Wie schnoddrig Russell Crowe als Nahost-Verantwortlicher der CIA durch seine Wohnung schlapft, während er per Ohrstöpsel weltweit Agenten dirigiert, reizt die Grenzen politischer Agententhriller neu aus. An der einen Hand hält Crowe als Ed Hoffman eines seiner Kinder, mit der anderen kontrolliert er den Laptop. Nie um ein zynisches Wort, um ein neues Komplott verlegen, sabotiert Hoffman fast schon vorsätzlich die eigene Seite. Dementsprechend gefährlich wird es auch für seinen „besten Mann“ Roger Ferris (Leonardo DiCaprio). Ein Topagent, der arabische Dialekte genauso sicher wie verschiedene Waffensysteme beherrscht, dafür wenig Sinn für Strategie besitzt und dort auf Vertrauen baut, wo Vorsicht geboten ist.

Abenteuerliche Pläne
Die Gefahren des Terrorismus treten, abgesehen von ihren spektakulären Schauwerten, in „Body of Lies“ zunehmend in den Hintergrund. Es ist der dramatische Gegensatz zweier Weltsichten, der die Erzählung immer weiter befeuert. Auch wenn sich die beiden Amerikaner kaum jemals physisch begegnen, reiben sie sich beständig aneinander. Manchmal wirken die Konflikte aber auch so, als wären hier viele Leute einfach aufeinander beleidigt. Schon lange nicht mehr ist die CIA als derart obskure Einrichtung persönlich motivierter Einzeltäter beschrieben worden. Geradezu abenteuerlich ist der Plan DiCaprios, einen ahnungslosen arabischen Architekten als Lockvogel für den gesuchten Terroristenführer einzusetzen. Er endet so wie die Geschichte der vergifteten Zigarre bei Fidel Castro.

Technik à la Bond
Scotts Inszenierung erinnert dabei des Öfteren an die technischen Möglichkeiten eines James Bond: Der feiste Crowe (er nahm 25 kg für die Rolle zu) diktiert etwa die Züge seines Agenten über satelliten- gespeiste, gestochen scharfe Bilder im Home-Cinema-Format, während DiCaprio im globalen Dorf für Action sorgt. Mit dieser Dynamik unterläuft Scott einerseits eine Reihe von US-Produktionen, die jüngst im Irak oder Afghanistan spielten und allesamt an den Kinokassen durchgefallen sind. Nur wenige Amerikaner dürften derzeit in den verlustreichen Debakeln der eigenen Politik einen Unterhaltungswert erkennen.

Roman als Vorlage
Andererseits liegt dem Film ein faktenorientierter Roman zugrunde: Autor David Ignatius war als Redakteur des „Wall Street Journal“ viele Jahre lang mit CIA und Nahost befasst. Der Agent, den Ignatius entworfen hat, ist nicht James Bond, sondern agiert im „War on Terror“ eher wie George Clooney im Nahost-Agententhriller „Syriana“ (2005): auf Basis realer Geheimdienst-Erfahrungen. Die Verfilmung Ridley Scotts verschiebt indes das Interesse für die politischen Verwerfungen mit und in der arabischen Welt in eine unverblümte Kritik an der CIA.

DiCaprio unverwundbar
Tatsächlich hat der Geheimdienst, der geografisch etwas abseits in Langley, Virginia, residiert, schon bessere Zeiten erlebt. Nach zahlreichen Skandalen und einer weitgehenden Marginalisierung durch Präsident George W. Bush gilt dessen Einfluss heute als gering wie nie. In diese Kerbe schlägt Scott: Hier werden nicht mehr mögliche Reformen der CIA verhandelt, sondern dezent die Grenzen zur Agentenparodie angepeilt. Wenn Russell Crowe mit zerknittertem Leinenanzug, heraushängendem Hemd und geschultertem Rucksäckchen mal kurz in Amman vorbeischaut, um dem jordanischen Geheimdienstchef seine Meinung zu sagen, ist das absichtsvoll komisch. Wenn aber Leonardo DiCaprio sich nach einem knapp überlebten Anschlag kleine Splitter aus dem Körper zieht und sich diese als Knochenreste des Gegners entpuppen, dann ist der Film sichtlich um starke Metaphern bemüht. Auch aus diesen eigentümlichen Widersprüchen bezieht „Body of Lies“ seine Spannung.

Dreamteam
Die Besetzung von Russell Crowe wurde Scott als Fehlgriff angekreidet. Auch wenn Crowes grau melierte Stehfrisur fast wie ein Sabotageakt der Maskenbildner wirkt, ist er als schnoddriger Familienvater, der im Morgenrock über Leben und Tod entscheidet, durchaus wirksam. DiCaprio wiederum hat die US-Kritik als zu milchgesichtig für einen hartgesottenen Agenten bezeichnet. Wer sich im Netz Fotos von Robert Baer, einem langjährigen CIA-Agenten in Nahost, ansieht, muss zum Schluss kommen, dass der Film die Realität oft derart überzeichnet, dass manche Beobachter dessen produzierte Bilder für wirklicher halten als die Wirklichkeit selbst.

Von Gunnar Landsgesell

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