Der dänische Krimiautor Jussi Adler-Olsen ist einer der Stargäste bei der Buch Wien

Der Däne Jussi Adler-Olsen ist der derzeit heißeste Exportschlager des Skandinavien-Krimi-Booms. Auf der „Buch Wien“ präsentiert er den zweiten Band seiner Serie um den griesgrämigen Ermittler Carl Morck.

Mit 60 ist Jussi Adler-Olsen eigentlich zu alt für einen Thronfolger, und doch gilt der Däne seit zwei Jahren als die große Zukunftshoffnung des nordischen Krimis und als legitimer Erbe von Altmeister Henning Mankell und Shootingstar Stieg Larsson, die zusammen weltweit über 60 Millionen Bücher verkauft haben.

Jetzt also tritt der Däne Jussi Adler-Olsen in ihre großen schwedischen Fußstapfen. Was er dazu sagt? Nichts, außer dass er Mankell und Larsson nie gelesen habe. „Ich habe vor zehn Jahren aufgehört, Krimis oder Thriller zu lesen, weil ich anfing, sie zu schreiben“, sagt er entspannt. Der Mann, der Karrieren sammelt wie andere Briefmarken, war in seinen früheren Leben Koordinator der dänischen Friedensbewegung, Herausgeber des Comiclexikons „Komiklex“, Verleger des Bonnier-Wochenblatts „TV Guiden“ und Manager bei verschiedenen Photovoltaik-Unternehmen – bis er sich aufs Schreiben verlegte.

„Ich suchte einen Job, dem ich auch im Alter, im Pyjama und überall auf der Welt nachgehen kann.“ In seiner Heimat wurden die Bücher des hemdsärmeligen Schriftstellers sofort Bestseller. Doch Dänemark ist ein kleiner Markt. Seit 2009 hat Adler-Olsen mit „Erbarmen“, dem ersten Band seiner Carl-Morck-Serie, auch den Übertritt in den deutschsprachigen Buchmarkt geschafft. Mehr als 300.000 Stück verkauften sich bisher davon, fast ein Jahr lang stand es auf der „Spiegel“-Bestsellerliste. Auch der zweite der auf zehn Bände angelegten Morck-Serie, „Schändung“, verkauft sich wie warme Semmeln.

Der Erfolg in deutschen Landen gilt für nordische Krimis seit jeher als Sprungbrett für den internationalen Durchbruch. Für Adler-Olsen läuft also alles prächtig. Zahlreiche Lizenzen und Filmrechte sind verkauft. 2011/12 soll seine Carl-Morck-Serie mit Peter Lohmeyer in der Hauptrolle vom ZDF verfilmt werden. Sorgen hatte der Däne allerdings auch schon vorher keine: „Ich bin ein wohlhabender Mann.“

Einzelgänger im Sonderdezernat

So gut gelaunt und vom Glück verfolgt wie Jussi Adler-Olsen ist der von ihm geschaffene Krimiheld Carl Morck bei weitem nicht. Im Gegenteil: Er reiht sich nahtlos ein in die Reihe jener mürrischen, einzelgängerischen, allein stehenden Ermittler, denen das Genre seinen Erfolg verdankt. Carl Morck ist ausgebrannt. Ein guter Polizist, den seine Vorgesetzten vorläufig auf eine Art Abstellgleis gestellt haben. Im Keller der Kopenhagener Polizeizentrale leitet er das neue Sonderdezernat Q, das alte, ungeklärte Fälle wieder aufgreifen und lösen soll.

Das Dezernat besteht nur aus Morck und seinem syrischen Assistenten Hafez el-Assad, der vom Putzmann zum unentbehrlichen Assistenten avanciert ist. Um genau zu sein, so Adler-Olsen, ist „Assad nicht Watson, sondern vielmehr Sherlock Holmes. Carl ist Watson.“ Zum Dream-Team stößt in „Schändung“ auch noch die eigensinnige Sekretärin Rose. Auch sie entwickelt sich zusehends zur entscheidenden Figur.

Adler-Olsen steht ganz in der sozialkritischen Tradition des skandinavischen Krimis. Als Sohn eines Psychiaters und Arztes, der selbst neben Film auch Medizin studiert hat, geht es ihm um die Schilderung des Verbrechens als Ausdruck gesellschaftlicher Umstände und seelischer Verrohung. In „Erbarmen“ wird eine Jungpolitikerin zum Opfer psychopathischer Täter, die sie jahrelang in einer Unterdruckkammer festhalten und quälen – der unmittelbare Zusammenhang zwischen ihr und ihren Folterern wird erst nach und nach von Carl Morck aufgedeckt. In „Schande“ attackiert Adler-Olsen unverhüllt eine dekadente Oberschicht, die glaubt, über dem Gesetz zu stehen und sich von ihren Verbrechen freikaufen zu können. Drastisch schildert er, wie diese Gruppe von Rich Kids über Jahre willkürlich Menschen bis zum Tode prügelt und sich so den ultimativen sexuellen Kick verschafft.

Gekonnt spielt Adler-Olsen dabei mit Ängsten und Fantasien – weniger seine Schilderungen sind drastisch bis ins Detail als die Bilder, die sie in den Köpfen auslösen. „Grausam“, sagt Adler-Olsen, „sind meine Romane höchstens in der Vorstellung des Lesers.“ Hochgradig spannend sind sie jedenfalls.

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– Julia Kospach

Buch Wien: Ein wichtiger Treffpunkt der Branche

Während in Amerika der E-Book-Markt boomt – über 10,3 Millionen nutzen bereits elektronische Lesegeräte –, blüht in Österreich der Buchhandel, wie die aktuelle Studie des Hauptverbandes belegt: Bis dato wurde im Vergleich zum Vorjahr ein Umsatzplus von 3,4 Prozent erwirtschaftet, Spitzenreiter dabei ist der Sachbuchsektor. Eine Stimmung, von der auch die Buch Wien, die nun zum dritten Mal stattfindet, profitiert, wie Geschäftsführerin Inge Kralupper bestätigt: Allein im Vorjahr konnte die Messe mit 25.000 Besuchern 16 Prozent Steigerung verzeichnen, für heuer rechnet man mit noch mehr.

In jedem Fall zeige sich, so Kralupper, dass Wien eine derartige Veranstaltung braucht, die den Fokus auf das Buch lenkt und ein Treffpunkt der Branche ist. Das Non-Profit-Unternehmen des Hauptverbandes des Buchhandels (Standmieten ab 800 Euro) rechnet sich derzeit vor allem via Umwegrentabilität: „Schon Ende November macht sich der Imageschub fürs Buch in steigenden Umsätzen bemerkbar“, verweist Kralluper auf die Erfahrungswerte der letzten beiden Jahre.

Buch Wien 2010

Die Lesefestwoche startet am 15. 11. mit der Verleihung des österreichischen Staatspreises für europäische Literatur an Paul Nizon. Das heurige Gratisbuch „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“, das ab 18. 11. verteilt wird, stammt vom chinesischen Autor Dai Sijie. Die Buchmesse startet ebenfalls am 18. 11. und präsentiert internationale Autoren in Diskussionen & Lesungen. Am 21. 11. etwa lädt FORMAT zum Gespräch mit den heimischen Krimistars Eva Rossmann, Georg Haderer & Stefan Slupetzky (13.30 Uhr). Messe Wien, Info: www.buchwien.at

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