Der Kreativkopf David Schalko über seine neuen Projekte und Niveau im TV

David Schalko zählt zu den innovativsten Köpfen der heimischen TV-Industrie. Jetzt legt er seinen ersten Kinofilm vor. Das Interview über Netzwerken, Niveau und Institutionsfernsehen.

Ich habe 2006 mit Sissy Löwinger bei ‚Böheimkirchen Euphorie‘ gearbeitet und sie als disziplinierte und humorvolle Person kennen gelernt. Immerhin hat sie da eine Art sexbesessene Paris Hilton gespielt, was sie ganz großartig gemeistert hat“, kommentiert David Schalko gleich zu Beginn des Interviews die aktuelle Nachricht vom plötzlichen Tod der Volksschauspielerin.

Die schwarze Satire war Sissy Löwingers letzte Theaterarbeit und markierte für David Schalko seine persönliche Endstation Theater: „Mir ist das Theater in der Erzählweise so fern, dass ich mich für keinen sehr guten Theaterregisseur halte.“ Muss er auch nicht. Denn der 38-jährige Bankersohn aus dem Waldviertel ist als Autor, Regisseur und Produzent ohnehin hyperproduktiv und gilt mittlerweile als heimische Instanz in Sachen avantgardistische Fernsehunterhaltung.

David Schalko steckt mit seiner Produktionsfirma Superfilm hinter Formaten wie „Sendung ohne Namen“, „Dorfers Donnerstalk“ oder dem gefeierten Zweiteiler „Aufschneider“. Dieser Tage präsentiert der Regisseur seinen ersten Kinofilm „Wie man leben soll“ nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Glavinic.

FORMAT: Sie sind einer der führenden Köpfe in der heimischen TV-Landschaft, wieso hat es so lange gedauert, bis Sie auf den Kinofilm gekommen sind?

Schalko: Wir haben sehr lange am Buch geschrieben, und es ist schwer, in Österreich Gelder für einen Kinofilm aufzustellen. Aber ich möchte mich hinkünftig verstärkt dem Kino widmen.

FORMAT: Worin liegt der wesentliche Unterschied zwischen Kino und TV?

Schalko: Am Ende läuft ja ohnehin jeder Film im Fernsehen. Aber fürs Kino muss man sich anziehen und hingehen. Das ist immer noch ein magisches Gemeinschaftserlebnis. Kino hat eine andere Erzählweise. Im Fernsehen kann man diese Tiefe und den Erzählbogen nur mit Serien erzielen. Wenn man also gerne erzählt, ist es logisch, dass man im Kino landet.

FORMAT: Sie haben neue Akzente in der TV-Unterhaltung gesetzt. Woher kommen die Inspirationen?

Schalko: Das ist mein Beruf, ich mach ja nichts anderes. Es ist ein ständiges Beobachten. Mein Think-Tank ist ein Notizbuch, da schreibe ich ständig rein, streich aber auch viel wieder raus. Am wenigsten Inspiration kommt jedenfalls aus den Medien, für die ich arbeite.

FORMAT: Bei „Willkommen Österreich“ sind Sie nur noch Produzent. Hat das Format ein Ablaufdatum?

Schalko: Natürlich ist es besser, wenn man Sachen beendet, bevor sie sich totlaufen, aber bei „Willkommen Österreich“ ist das noch lange nicht der Fall. Das ist Institutionsfernsehen. Bei der „Zeit im Bild“ fragt ja auch keiner, wie lange es die noch gibt. Wann Schluss ist, sagt einem dann die innere Uhr – oder der Fernsehsender.

FORMAT: Was ist heute ein avantgardistisches Format?

Schalko: Ich glaube, dass man heute sehr schnell in der Avantgarde ist, weil sowohl die bildende Kunst wie auch der Film und der Buchmarkt so kommerzialisiert sind, dass Erzählexperimente kaum noch angenommen werden. Ich glaube aber daran, dass der Zuschauer nicht blöd ist und mit neuen Formen konfrontiert werden will. Außerdem verändern sich allein aufgrund von neuen Medien wie Facebook und Twitter die Erzählstrukturen.

FORMAT: Sehen Sie sich als Trendscout der TV-Unterhaltung?

Schalko: Dafür bin ich zu alt und zu weit weg von Trends. Über Fernsehen habe ich mir schon länger keine Gedanken gemacht. Aber Fernsehen muss ein Leitmedium sein und darf ein gewisses Niveau nicht unterschreiten.

FORMAT: Sie haben eben die ORF-Auftragsproduktion „Braunschlag“ abgedreht.

Schalko: Da ging es drum, ein authentisches Milieu mit guten Figuren zu erzählen. „Braunschlag“ ist eine schwarzhumorige, achtteilige Serie um einen bankrotten Ort im Waldviertel, in dem der Bürgermeister ein Marienwunder fingiert. Es geht aber nicht um Katholizismus, sondern um Beziehungen, um Scheitern, um Tod. Im Frühjahr soll gesendet werden. Man muss sagen, dass es wenige TV-Stationen gibt, die einen das machen lassen. In Deutschland wäre das derzeit nicht so leicht möglich, da sind die Serien tendenziell glatter und orientieren sich mehr am US-Markt.

FORMAT: Im Unterschied zur Serie „Aufschneider“, die gemeinsam mit Josef Hader entstand, haben Sie „Braunschlag“ alleine geschrieben.

Schalko: Das jeweilige Projekt gibt die Gesetzmäßigkeiten vor. Als Nächstes schreibe ich mit Daniel Kehlmann an einem Drehbuch. Wir bringen sein eben in Graz uraufgeführtes Stück „Geister in Princeton“ als Film heraus.

FORMAT: Kehlmann ist neu in Ihrem Kreativnetzwerk, in dem sich die immer gleichen Namen wie Thomas Maurer, Thomas Glavinic, Robert Palfrader finden – eine eingeschworene Formation?

Schalko: Na klar, und wir sind alle bei den Freimaurern …! – Das sind einfach lang gewachsene Freundschaften. Den Robert Palfrader kenne ich seit 20 Jahren, deswegen empfinde ich das keineswegs als Netzwerk, sondern als alte Freundschaft. Es sind halt sehr talentierte Freunde. Wenn man eine ähnliche Sprache spricht und sich stilistisch gut versteht, warum soll man dann nicht zusammenarbeiten? Es ist ja nicht so, dass wir verschwörerisch zusammensitzen und uns gegenseitig die Jobs zuschieben. Es geht um Qualität.

FORMAT: Ein sehr männerdominierter Kreativpool. Wäre es da nicht Zeit für einen Midlifekrisen-Film?

Schalko: Ich habe seit 20 Jahren eine Midlife-Crisis. Ich finde übrigens, dass jeder gute Film ein Krisenfilm ist.

FORMAT: Sie haben in einem Interview den ORF einmal mehr als Empfänger- denn als Sendeanstalt bezeichnet, wo mehr Politik als Fernsehen gemacht wird. Wie ist der Status quo?

Schalko: Wolfgang Lorenz war sicher kein Empfänger, ich habe die Diskurse mit ihm immer genossen, weil er einer der letzten Intellektuellen im Fernsehen war. Ich freu mich aber auch auf Kathi Zechner, weil ich weiß, dass sie frischen Wind bringen wird, weil sie mit Leib und Seele Fernsehen macht. Und Kunst macht nur Spaß, wenn sie mit Leidenschaft verbunden ist.

Interview: Michaela Knapp

„Wie man leben soll“, ab 7. 10.
Im Zentrum steht das Phänomen der Langzeitstudenten der späten 80er- und 90er-Jahre. Die formalästhetisch originelle Literaturverfilmung eines Romans von Thomas Glavinic, für die Schalko das Drehbuch gemeinsam mit Thomas Maurer erarbeitet hat, ist – von Josef Hader über Robert Palfrader, Katharina Straßer bis zu Bibiane Zeller – bis in die kleinste Nebenrolle hochkarätig besetzt. Anachronistische Zeitreise, die sich als üppige Episodencollage vor allem an ein studentisches Publikum wendet.

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