"Der große Gatsby" – Reich und Schön

"Der große Gatsby" – Reich und Schön

Wenn sich ab 15. Mai die Filmbranche zur 66. Auflage der Internationalen Filmfestspiele im französischen Nobelort Cannes einfindet, geht es vordergründig natürlich darum, mit der Goldenen Palme einen der weltweit wichtigsten Filmpreise zu kassieren.

Das Filmfestival an der Croisette ist aber immer auch ein Glamour- und Partyspektakel, eine Red- Carpet-Orgie, bei der Schauspielstars, Regisseure und Produzenten kräftig die Champagnerkorken knallen lassen. Selbstverständlich nur - so die reflektierten Koketterien der Partyprotagonisten - als notwendiges Übel, um die Traum-Maschine Film schön am Laufen zu halten.

Kollateralschäden des Netzwerkens, die man eben in Kauf nehmen muss. Allerdings passt der diesjährige Eröffnungsfilm perfekt in den aufgezogenen Hochglanzpomp an der Côte d’Azur: "Der große Gatsby“. Mit einem stattlichen Budget von (geschätzten) 127 Millionen Dollar hat der australische Regisseur Baz Luhrmann die Romanvorlage von F. Scott Fitzgerald verfilmt. Und das ist aus mehreren Gründen ein ziemliches Wagnis. Das Buch, 1925 erstveröffentlicht, zählt nämlich zu den bedeutendsten Romanen der Literaturgeschichte. Wer zufällig eine amerikanische Erstausgabe des Schinkens besitzt, darf sich übrigens glücklich schätzen. 182.000 Dollar brachte ein Exemplar vor gut vier Jahren bei einer Auktion.

Allerdings ist es jetzt nicht unbedingt ein Vorteil, wenn man sich an Verfilmungen der großen, literarischen Stoffe ranmacht. Zu 95 Prozent geht das nämlich schlecht aus - bei den restlichen fünf Prozent der Fälle kommen die Beteiligten lediglich mit einem blauen Auge davon.

Die große Herausforderung. Das war bis dato auch bei "Der große Gatsby“, dieser grandiosen Liebesgeschichte, die in der New Yorker High-Society der Roaring Twenties spielt und gleichzeitig auch eine bitterböse Anklage auf die dekadente Auslegung des amerikanischen Traums ist, so.

Die erste Gatsby-Verfilmung, ein Stummfilm aus dem Jahr 1926, von dem heute nur noch der Trailer erhalten ist, löste etwa bei F. Scott Fitzgerald derart große Empörung aus, dass er angeblich nach der Hälfte des Filmes die Vorstellung verließ. Und auch die bekannte Leinwandadaption von Jack Clayton aus dem Jahr 1974, in der Robert Redford und Mia Farrow das unglückliche Liebespaar gaben, vermag bis heute Publikum und Kritik nicht so recht zu überzeugen. Da stellt sich also die Frage, wie sich denn nun Baz Luhrmann an den Stoff ranpirscht? Der 50-jährige geht auf Nummer sicher. Einerseits bei der Besetzung. Lässt er doch Leonardo DiCaprio den neureichen Antihelden spielen, der mit sinnlosen, überdimensionierten Partys seine große, leider mittlerweile verheiratete, Liebe Daisy Buchanan zurückerobern will. Die wird übrigens von der allerorts gefeierten Britin Carey Mulligan verkörpert. Andererseits liefert Luhrmann auch das, wofür er in gewisser Weise berühmt und berüchtigt ist: einen opulent, an Irrsinn grenzenden Ausstattungsaugenschmaus.

Das brachte ihm für den Kostümschinken "William Shakespeares Romeo + Julia“ allerlei Lorbeeren und bescherte seinem Leinwand-Musical "Moulin Rouge“ 2002 die Nebenkategorie-Oscars für "Bestes Szenenbild“ und "Beste Kostüme“. Und um dem noch eines drauf zu setzen, ist dieses Mal auch noch alles in 3D gefilmt.

Wobei - an dieser Stelle muss man ein exakter sein. Kostüm- und Produktionsdesignerin bei Luhrmanns Staffage-Eskapaden war seine Frau Catherine Martin. Und die ist auch bei "Der große Gatsby“ für die Filmausstattung zuständig.

Erotische Vintage-Gefühle

In gewisser Weise ist Catherine Martin mitverantwortlich, dass der Film "Moulin Rouge“ Anfang der Nullerjahre einen Boom am Reizwäschesektor ausgelöst hat. Die Pariser Jahrhundertwende-Bordellfashion sorgte in westlichen Schlafzimmern für erotische Vintage-Gefühle. Und auch jetzt dräut ein kleines 20er-Jahre Revival heran. Eine Prognose, mit der man sich jetzt nicht unbedingt weit aus dem Fenster lehnt. Denn dass sich Film und Mode gerne gegenseitig beeinflussen, ist schwer zu übersehen. Kurz sei nur daran erinnert, was die FOX-Serie "Mad Men“ (sie spielt bekanntlich in den 1950ern) die letzten Jahre mit Männeranzügen so gemacht hat.

Zudem ist das Fashion-Getöse, das um "Der große Gatsby“ gemacht wird, nicht zu überhören. Miuccia Prada schneiderte die glitzernden Flapper-Look-Kleidchen für den Film, die sich schwer an den Roaring Twenties orientieren, allerdings keinen Wert auf historische Pedanterie legen. Edelstrümpfe von Fogal fungieren als subtile Hingucker und Schmuck von Tiffany besorgt den glänzenden Rest.

Wenn Hauptdarstellerin Carey Mulligan darüber im Vorfeld sinniert, klingt das übrigens wie eine paranoide Werbeeinschaltung: "Ich habe bei den Dreharbeiten diese fabelhaften Juwelen von Tiffanys getragen, die viele, viele Millionen wert waren. Und ich konnte diesen Typen in der Ecke sehen, der mich aufmerksam beobachtete, falls ich damit wegrennen sollte.“ Und ja, eigens zum Film schmiedete Tiffany eine spezielle Gatsby-Kollektion, mit der kräftig geworben wird.

Viel auf einmal

Ordentliches Merchandising und übergreifende Bewerbung braucht es heutzutage. Nur der Film, der nach Plan übrigens schon im Dezember des Vorjahres hätte fertig sein sollen, darf darüber nicht völlig untergehen. Das wäre, liest man die ersten Rezensionen, die in Amerika nach der Weltpremiere veröffentlicht wurden, vielleicht aber gar nicht einmal so ein Nachteil. Zwar hagelt es keine Verrisse für Luhrmanns Literaturadaption, doch zeigt man sich sehr verhalten. Denn die überbordende Szenendekoration wurde auch in eine sehr gallige Filmsprache übersetzt, die von Rückblenden über Splitscreen bis hin zu exzessiven Kamerafahrten in der Vogelperspektive nichts auslässt. Zudem wird bemäkelt, dass von der bissigen Kritik Fitzgeralds am amerikanischen Traum nichts überbleibt. Zwischen Bildern des nackten Partywahnsinns, einem konterkarierenden, anachronistischen Soundtrack - für den Produzentensuperstar Jay Z die üblichen Verdächtigen aus HipHop und Rock (will.i.am, Jack White) zu Beats stampfen lässt - und der ganzen Liebestragik, bleibt nicht mehr viel Platz für die Zwischentöne einer vergangenen Epoche.

Mit oder ohne Zwischentöne - im Cannes-Trubel ist es egal, ob "Der große Gatsby“ untergeht, auch weil er dort als Eröffnungsfilm außer Konkurrenz läuft.

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