Der FORMAT-Kunst-Guide 2011: Das Ranking der 100 wichtigsten heimischen Künstler

Zum neunten Mal präsentiert FORMAT das Ranking der 100 wichtigsten heimischen Künstler: Aufsteiger, Absteiger und Hoffnungsträger. Die Rangliste ist erwiesenermaßen ein guter Seismograf für aktuelle Strömungen am Kunstmarkt.

Die Umsätze am internationalen Kunstmarkt sind wieder gestiegen. Mussten sich Investoren nach dem Crash 1991 vier Jahre lang gedulden, bis sich endlich eine Erholung der Preise ankündigte, hat sich das Spitzensegment des Marktes nun in nur anderthalb Jahren erholt. „Aber die Krise hat die Psychologie des Marktes tiefgreifend verändert, wie Thierry Ehrmann, Chef und Gründer der internationalen Kunstdatenbank Artprice, analysiert: „Nach Impulskäufen richtet man die Aufmerksamkeit wieder auf erschwinglichere Kunst und risikoärmere Künstler.“

Die zeitgenössische Kunst ist dabei das am meisten medienwirksame, spekulative und volatile Gebiet des Marktes. Die rege Aktivität lässt sich durch eine Vielzahl neuer Sammler erklären, die seit einigen Jahren auf der Suche nach Werken im Einklang mit dem Zeitgeist sind. Zeitgenössische Kunst hat einen unglaublichen gesellschaftlichen Stellenwert bekommen und ist längst Teil des Lifestyles. Das tut der Kunst gut, andererseits heizt es auch die Karrieren an. Nach wie vor herrscht daher auch in keinem anderen Markt so fundamentale Unsicherheit über den Wert der gehandelten Ware. Wie erkennt man, wer ein Hoffnungsträger ist, heute noch bezahlbar und morgen vielleicht unerschwinglich?

Das Experten-Ranking

Zur Orientierung hat FORMAT auch heuer wieder eine prominent besetzte Jury gebeten, ihr Wissen über die Marktgesetze bei der Bewertung von Österreichs Künstlern zum Einsatz zu bringen. Die Jury ist heuer auf 60 Marktprofis angewachsen, darunter Museumsdirektoren, Privatsammler, Kuratoren, Art Consulter, Auktionatoren und Galeristen. Die Experten haben unsere in den letzten neun Jahren auf 470 Künstler angewachsene Liste nach den Kategorien künstlerischer Bedeutung, kommerzieller Erfolg und Zukunftspotenzial ausgewertet und gewissenhaft abgewogen, was in der heimischen Szene zählt, was diskurs-, was marktfähig ist, bleibt oder wird.

Nach der jeweiligen Gesamtpunktezahl wurden dann die 100 erfolgreichsten heimischen Künstler ermittelt. Für Anleger ist im Guide vor allem die Spanne zwischen hohem künstlerischem Wert und noch nicht ausgereiztem kommerziellem Erfolg der Künstler von Interesse. Denn je größer diese Spanne, desto kalkulierbarer die Wertsteigerung. Die FORMAT-Investmenttipps vergangener Jahre finden sich heuer bereits unter den Top 100, wie etwa Andreas Fogarasi oder Zenita Komad.

Auf- und Einsteiger

Die Siegerin heißt auch 2011 Maria Lassnig, knapp gefolgt von Franz West auf Rang zwei. Der 64-jährige Wiener Bildhauer wird heuer im Rahmen der Kunstbiennale in Venedig mit dem Goldenen Löwen für sein „kraftvolles und reiches“ Œuvre ausgezeichnet und ist auch im deutschen Kunst-Kompass der 100 wichtigsten Künstler der Gegenwart auf Platz 12 zu finden und damit einer von drei Österreichern unter den Top 100 der Weltbesten. „Wie übrigens auch One-Minute-Skulpteur Erwin Wurm (Platz 8 im heimischen Ranking) und Arnulf Rainer. Der Übermalstar musste heuer erstmals Platz drei für eine Ex-aequo-Platzierung zweier Kollegen räumen: Hermann Nitsch und Günter Brus.

An der Bewertung der Experten von Markus Schinwald, der sich von Rang 35 auf Platz 16 hievte, zeigt sich deutlich, wie sensibel der Markt auf Präsenz, Ausstellungstätigkeit, kontinuierliche Arbeit der Galerie und Auftreten des Künstlers reagiert: Der 38-jährige Salzburger Foto- und Installationskünstler konnte schon vorab von der Nominierung zur Biennale profitieren.

Damit aus Hoffnungsträgern nachhaltig Umsatzbringer werden, muss der Künstler richtig platziert werden. Das zeigt sich auch an Birgit Jürgenssen und Florian Pumhösl. Die 2003 verstorbene Jürgenssen wurde nach ihrer lange überfälligen Personale im BA-Kunstforum gleich um acht Plätze höher bewertet, und auch Florian Pumhösl konnte sich nach der MUMOK-Präsentation um 11 Plätze verbessern.

Für Sammler mit Investmentgedanken ist die FORMAT-Liste aber vor allem jenseits der Top 100 spannend (www.format.at): Da rangieren die zukünftigen Hot Tickets, junge Künstler mit Potenzial, die schon in den kommenden Jahren die Top 100 aufmischen könnten. Darunter etwa das junge Künstlertrio Mahony (Rang 179), der 34-jährige Grazer „Installateur“ Constantin Luser (135), die 33-jährige Wiener Video- und Performancekünstlerin Marlene Haring (238) oder Wertungsneueinsteiger wie Florian Schmidt (414) und Clemens Wolf (338).

Kunst & Können

Was künstlerische Tendenzen betrifft, kristallisiert sich aktuell ein Trend heraus, den auch Künstlerin Mona Hahn von ihrer Lehrtätigkeit an der Akademie her bestätigen kann: „Mir fällt auf, dass vermehrt wieder ‚handwerklich‘ orientierte Medien auftauchen, wie Radierungen, Holz- oder Linolschnitt. Und natürlich Zeichnung. Durch die überdurchschnittliche Präsenz und Wahrnehmung anderer künstlerischer Medien in den vergangenen Jahren bieten diese wohl eine folgerichtige Alternative, um zeitgemäße Fragestellungen künstlerisch neu zu verhandeln.“ Gerade auch bei jungen Künstlern, die stark mit den sogenannten „Neuen Medien“ sozialisiert wurden, hat sich offenbar eine Sehnsucht nach unmittelbaren, materialbezogenen Produktionsprozessen entwickelt.

Trend zwei spiegelt sich in inhaltlichen Positionen: Kritische Auseinandersetzung mit politischen und sozialen Tendenzen ist stark gefragt. „Man schätzt wieder Arbeiten, die nicht so weit von der aktuellen gesellschaftlichen Stimmung entfernt sind“, bestätigt Andreas Huber, der Namen wie Leopold Kessler oder Carola Dertnig in seinem Programm führt. War lange Zeit Easy-on-the-eyes -Ware, also leicht Konsumierbares, en vogue, ist die Sammlerschaft derzeit hungrig nach Positionen. Man will wieder etwas entdecken, neue Ideen und Perspektiven sehen. Das Branding des Künstlers wird dabei immer wichtiger. „Qualität ist bei arrivierter wie junger Kunst gleichermaßen gefragt“, analysiert Art Consulter Stefan Rothleitner. „Die sogenannten Blue-Chips werden gekauft, das mittlere Segment ist weggebrochen. Bis 10.000 Euro herrscht derzeit am österreichischen Markt Experimentierfreude.“

„Geld ist kein Indikator für Qualität“, relativiert Galerist Christian Meyer, der international mit Franz West und der Kunsttruppe Gelitin reüssiert. „Es geht um die Qualität der Künstler-Karriere. Wir leben im Star-Prinzip.“ Den Wunsch „nach starken Künstlerpersönlichkeiten“ kann auch Huber bestätigen. „Aber“, so der Experte, „man sollte vor allem kaufen, wofür man Leidenschaft entwickelt.“ „ Gefallen funktioniert über Wissen“, präzisiert das Galeristen-Kollege Martin Janda: „Kunstkauf ist nie nur eine ästhetische Entscheidung. Absolute Sicherheit gibt es nicht. Aber wenn ein Künstler authentisch oder konsequent arbeitet, sind das schon Faktoren, die für eine Karriere sprechen.“

„Es zahlt sich durchaus aus, jüngere Positionen zu kaufen“, rät auch Marktprofi Meyer. „Als Sammler sollte man nie nur auf die Big Names setzen, sondern antizyklisch kaufen und seiner Zeit immer ein bisschen voraus sein. Aber dafür fehlt den meisten der Mut.“ Dass die Experimentierfreude hierzulande nicht besonders groß ist, weiß auch Miryam Charim. „Österreichische Sammler sind nicht so selbstbewusst, es bedarf immer noch eines großen gedanklichen Schritts, dass man sich auf neue Medien einlässt. Die Wiener Galeristin mit Dependance in Berlin präsentiert neben Valie Export auch junge Positionen wie Anna Ceeh oder Moussa Kone.

„Wer den Investmentgedanken im Zentrum hat, dem empfiehlt sich ohnehin eine Mischung aus jungen Positionen und etablierten Künstlern der mittleren Generation“, rät Art Consulter Rothleitner. Und nennt Namen wie Hubert Schmalix oder Erwin Bohatsch, der mit Werken zwischen 10.000 und 40.000 Euro vergleichsweise immer noch günstig zu haben ist. Von den Ergebnissen, die mit Generationskollegen international erzielt werden, können Galeristen aber hierzulande nur träumen. Die meisten Österreicher liegen in Relation zum internationalen Markt preislich noch im unteren Drittel.

„Den exakten Preis eines Kunstwerkes kennt man ohnehin erst dann, wenn es versteigert wurde“, betont Otto Ressler von den „Kunst Auktionen im Kinsky“, wo man 2010 ein Umsatzplus von 31 Prozent bei den Zeitgenossen verzeichnen konnte. Am Sekundärmarkt ist Friedensreich Hundertwasser der international begehrteste heimische Künstler. „Das Interesse ist ungebrochen, die Preise steigen immer noch. Je rarer das Werk wird, desto größer die Gier“, weiß Ressler, der insgesamt eine Neubewertung der Phantastischen Realisten von Arik Brauer bis Ernst Fuchs ortet. Allerdings als ein lokales Phänomen des Sekundärmarktes.

„Der Kunstmarkt hat sich“, wie Georg Schöllhammer, Kurator und Chef der Viennafair betont, „diversifiziert. Es gibt unterschiedlichste Märkte, vom Sammlermarkt bis zu jenem der Institutionen, Werte werden ausgehandelt wie auf der Börse. Und der Diskurs ist der Analyst des Marktes.“

Das komplette Ranking der 500 besten heimischen Künstler

– Michaela Knapp
Mitarbeit: Manfred Gram, Birgitt Kohl

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