Der Fall Lucona: Was Udo Proksch wirklich plante, ausführte und wie er zu Sturz kam

„Wiener Blut! Mit Mord und Totschlag ham wir nix am Hut. Doch sind für eine Hetz wir immer gut … Auch im Club 45 samma drin. Dort sind wir unter uns dann sehr intim. Im Steh’n, Fallen, Lieg’n – wir präsentieren Wien“. Falco, „Wiener Blut“

Als Falco – recte Johann Hölzel – „Wiener Blut“ öffentlich machte, war sein Welterfolg „Ama­deus“ schon in den Charts. Was er da über ­Österreich herausrockte, nannte der Politologe Peter Gerlich „den größten politischen Skandal Österreichs in der Zweiten Republik“.
Nun kannte das Land natürlich auch schon zuvor Verwerfungen – den niederösterreichischen Müllner-Skandal, die Strengberg-Affäre oder schließlich den AKH-Sumpf. Aber dann brach plötzlich mit dem Fall Lucona etwas auf, was alle Dimensionen sprengte: politische Kriminalität als brutale Mordsache – ein trauriger Tiefpunkt in der Entwicklung Österreichs zu einem modernen demokratischen Rechtsstaat.
Zufall – oder auch durchaus kein Wunder – mag sein, dass
40 Jahre nach dem legendären Beginn der Ära Kreisky heute ein prominenter Filmemacher zur Kamera greift. Robert Dornhelm hat ein gutes G’spür für wirkungsvolle Filmstoffe. Fragt sich nur, ob es sich bei seiner Dokumentation „Out of control“ um eine Sympathieerklärung für einen Kriminellen und seine Handlanger handelt – oder sogar um den Versuch der Rehabilitierung einer Schickeria, die damals ihr Seitenblicke-Gesicht zu verlieren drohte.

Worum ging es? Nach gut zwanzig Jahren Großer Koalition hatte 1970/71 Bruno Kreiskys SPÖ die absolute Mehrheit gewonnen. Mehr Liberalität, Offenheit und Sozialgesinnung ­waren im Wahlkampf angesagt worden. Also suchten Reformer, Opportunisten und Karrieristen die Nähe des Sonnenkönigs. Und das Gedränge bei der Schickeria war beachtlich, ging es doch um Geld, viel Geld. Österreich wurde international, das Gewerbe der Waffenschieberei begann zu blühen, und wer unverfroren war, benützte geschickt die Löcher im System zwischen West und Ost. Einer von ihnen hieß Udo Proksch, seine Partner saßen in der DDR.
So jemand braucht gute Kontakte und maximale Protektion. Dafür bürgte Bruno Kreisky, der sich nie an die Kommunisten anbiederte, dafür aber ein maßgeblicher Taktgeber in der Sozialistischen Internationale war. Als jüdischer Altösterreicher machte er überdies auch die Ehemaligen – bis hin zu den Neonazis – politisch gesellschaftsfähig.
1973 fanden es seine Paladine höchst schicklich, etwas Standesgemäßes zu begründen, wie sie es aus feinen britischen Filmen kannten. Eine Art Herrenclub – wenn schon nicht in Westminster, so zumindest am Kohlmarkt. An der Spitze dieses „Club 45“ standen Regierungsmitglieder, Wiens Bürgermeister und der Zentralsekretär der SPÖ: alle zusammen Magnete für die Elite der ­Republik.
Ich erinnere mich, wie man mich als Chefredakteur der „Wochenpresse“ wiederholt zum Lunch mit diskreter Konversation eingeladen hatte. Und es jedesmal gut schmeckte.

Wer aber managte das schöne Etablissement im ersten und zweiten Stockwerk der charmanten k. u. k. Hofzuckerbäckerei? Es war Wiens erfolgreiches Enfant terrible – Udo Proksch. Nun war der Demel damals kein hochgestochener Touristentreff, sondern durchaus eine Wiener Institution mit k. u. k. Wurzeln, die in der legendären „Tante Jolesch“ von Friedrich Torberg entsprechend viel Würdigung erfahren hatte.
So ist es mir bis heute unerklärlich, wie der an der Ostsee geborene Spross aus einer Nazifamilie zur roten Elite Österreichs vorstoßen konnte. War er ein Zerrissener, so wie er sich auch zeitweilig Serge Kirchhofer nannte? Da behauptete er, ein „apolitischer“ Mensch zu sein und die Bourgeoisie zu hassen, dann wieder lobte er sich selbst angesichts seiner Fähigkeit zum „Networking“. Kolumnisten nannten ihn anerkennend einen „bunten Hund“. Und was seinen Beruf im titelsüchtigen Wien betraf: da provozierte er ordentlich, indem er wechselweise als Designer, Schweinehirt und Zuckerbäcker firmierte.
Untertags, auch im Demel-Shop und in den Clubräumen, lief er mit einer geladenen Pistole umher und schockte seine Umgebung mit Scharfschuss-Wettbewerben. Nicht zu vergessen der Verein zwecks „Senkrechtbestattung“ von Leichen auf Friedhöfen. Vor allem aber war er – wiewohl kein Adonis – ein Womanizer besonderer Qualität. Er war mit der Enkelin des Komponisten Richard Wagner ebenso verheiratet wie mit dem damaligen Star am Burgtheater, der schönen Erika Pluhar – aber auch mit Trägerinnen bester österreichischer ­Namen aus dem Adelsregister.

Nun fragten sich Nachdenkliche immer, wer denn Udos beträchtlichen Aufwand ­finanzierte. Und nach und nach recherchierte für die „Wochenpresse“ mein Stellvertreter ­Gerald Freihofner die Proksch’sche Zweitnatur. Vor allem im nahen Café Gutruf unweit des Kohlmarkts traf sich damals die Demimonde mit wichtigen Leuten, Existenzialisten mit Kriminellen. Man erfuhr allerhand. Zum Beispiel, dass es eine Proksch-Firma „Zapata“ und mit Hans Peter Daimler einen Kompagnon gab. Nicht mehr existierte allerdings ein Frachter namens „Lucona“, den „Zapata“ gechartert und im Mafia-dominierten Hafen Chioggia bei Venedig mit einer „Uranerzaufbereitungsanlage“ gefüllt hatte. Zielort Hongkong. Zuvor freilich hatte Proksch – so stellte sich heraus – just bei der tiefschwarzen Bundesländer-Versicherung (Vorgängerin der heutigen Uniqa) die fröhliche Schiffsreise versichern lassen. Versicherungssumme: über 15 Mio. Euro.
Das Bedeutsame an dem an sich normalen Umstand: Die ­Ladung der „Lucona“ bestand nicht aus einer „Uranerzanlage“, sondern aus dem schrottreifen Graffelwerk eines aufgelassenen Kohlebergwerkes in Oberhöflein, unweit der Hohen Wand in Niederösterreich. Wahrer (Schrott-)Wert: höchstens 70.000 Euro.

Die weiteren Stationen im Kriminalfall sind rasch erzählt:
- Die „Lucona“ lief am 2. Jänner 1977 mit 12 Mann Besatzung aus und explodierte auf der Höhe der Malediven durch einen Zeitzünder, wie ihn das österreichische Bundesheer verwendet. Sechs Mann starben, die übrigen konnten sich mit Glück retten. Das Schiff versank in 4.700 Meter Tiefe.

- Als Proksch bei der Bundesländer-Versicherung das eingetretene Unglück meldete, hieß es dort Stopp. Der Vertreter der Rückversicherung der Bundesländer AG, der Rechtsanwalt Werner Masser, kämpfte nun erbittert gegen eine Auszahlung der angeblichen Versicherungssumme.

- Es war die „Wochenpresse“, die weiterhin recherchierte und permanent auf Ungereimtheiten stieß. Gerald Freihofner kämpfte verbissen darum, dass sich der Staatsanwalt einschaltet.

- Jetzt rentierten sich die guten Kontakte für Proksch. Der Jus­tizminister erklärte die Sache Proksch zur Suppe, die „zu dünn“ sei. Und das rote Außenministerium half mit, gefälschte Pläne und Zeichnungen von der famosen „Uranerzanlage“ aus (dem damals noch kommunistischen) Rumänien nach Österreich zu befördern. Freihofner und ich erhielten nächtliche Drohanrufe mit wüsten Beschimpfungen.

- Endlich erfolgte 1985 die Verhaftung von Proksch. Er wurde 53-mal vernommen, dann aber wieder freigelassen. Erst im Herbst 1986 kam es zu einer neuerlichen Aktion der Justiz.

- Und erst in dieser Phase erschien im Eigenverlag das Buch des freien Journalisten Hans Pretterebner. Es fasste leicht lesbar den Krimi zusammen. Pretterebner hatte den Vorteil, dass das Me­dium Buch nicht auf die viel schärferen presserechtlichen Vorschriften achten musste – so wie wir als Wochenmagazin.

- Proksch seinerseits flüchtete. Er ging nach Manila und ließ eine Gesichtsoperation an sich vornehmen. Mit Bart kam er zurück – und wurde noch in Schwechat erkannt. Schließlich wurde sogar im Parlament ein Untersuchungsausschuss eingesetzt. Die Folge: SP-Nationalratspräsident Leopold Gratz trat zurück, detto SP-Innenminister Karl Blecha.
Verteidigungsminister Karl Lütgendorf hatte schon früher Selbstmord begangen.

- Erst 1992 kam es zum Schuldspruch gegen Proksch – wegen Mordes lebenslänglich. Er starb 2001 in Graz den Herztod.

Die Erschütterungen, die der Fall innerhalb der SPÖ hervorgerufen hatte, nahmen an Intensität nur langsam ab. Eine neue politische Generation wuchs heran. Was aber könnte sie aus dem Fall Lucona lernen? Jedenfalls den innerparteilichen Verzicht auf ­mafiose Strukturen. Hände weg auch von der Zusammenarbeit mit dubiosen Scheinintellektuellen. Die Bussi-Bussi-Gesellschaft ist nicht das Ziel einer sozialdemokratischen Partei. Verzicht auf Hochstapelei in der Politik und keine „Freunderlwirtschaft“ nach dem Do-ut-des-Prinzip.

Hans Magenschab  war von 1980 bis 1990 Chefredakteur der „Wochenpresse“, die den Fall Lucona aufdeckte. Danach war er bis 2004 Pressechef der Hofburg und Sprecher des Bundespräsidenten. Magenschab ist regelmäßiger FORMAT-Autor.

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