Der Bühnenbildner als Star: Bert Neumanns Arbeit als Schau bei Wr. Festwochen

Bert Neumann zeigt die Rückseite der Illusion, Fassaden des Alltags & die Schönheit des Hässlichen. Die Wiener Festwochen widmen seiner Arbeit nun eine eigene Schau.

Ich baue Räume, die benutzt werden sollen“, sagt Bert Neumann. „Also temporäre Architektur, in der normalerweise Schauspieler wohnen für die Dauer einer Theateraufführung. Manchmal auch die Zuschauer.“

Pragmatisch, praktisch, gut. Was so schlicht klingt, hat Standards gesetzt am Sektor Bühnenbild und bei unseren Sehgewohnheiten. Der Mann weiß, wie man Blicke fesselt und Voyeurismus bedient.

Plastikstühle und Glühbirnen in Szene gesetzt

Neumann hat den weißen Plastikstuhl auf der Bühne eingeführt und im zuckenden Licht von Tausenden Glühbirnen zum Star gemacht und Containerwelten geschaffen, die durch ihr Prinzip partieller Sichtbarkeit der Videoeinspielung neue Dimension gaben. Und er hat der Berliner Volksbühne ein neues Gesicht gegeben. Mit einem Antidesign vom Besetzungszettel bis zur Foyergestaltung. Seit 1992 ist der im Osten aufgewachsene Bert Neumann Chefbühnenbildner am Rosa-Luxemburg-Platz. Ohne Neumanns Bühnen wäre Frank Castorfs Theater nicht denkbar, mit seinen Bühnenräumen für dessen Inszenierungen sowie jene von René Pollesch hat er die Ästhetik des Hauses geprägt und Universen kreiert.

Bühnenbildner als Traumberuf

Dass er Bühnenbildner werden wollte, war dem Sohn eines Architekten und einer Möbeldesignerin schon in der Schule klar. Seither hat er jeglichen künstlerischen Freiraum genutzt, um Theater und Wirklichkeit zur Kollision zu bringen. „Ein künstlerischer Kompromiss macht keinen Spaß und sieht auch meistens nicht gut aus“, erläutert er sein Credo. Der heute 50-Jährige ist kein Schöpfer geglätteter Oberflächen. Die Brüche sind es, die ihn faszinieren. „Und das sollen auch meine Bühnenbilder: Störungen möglich machen.“

Bonjour, Tristesse

So zeigt er Baustellen, Absteigen, Bierhallen, Containerwelten, schäbige Zimmerfluchten, Einbauküchen und immer wieder den Rummelplatz. Aber Neumann vermittelt Illusion nur dann, wenn auch ihre Rückseite zu sehen ist. Also die Konstruktion dahinter sichtbar und das Fake erkennbar wird. Mit Understatement und Raffinesse führt er Designlügen vor Augen. Bei ihm wird richtig Hässliches wieder schön. „Es wäre aber ein Missverständnis zu glauben, dass dabei alles einer klaren Idee des jeweiligen Regisseurs folgt“, erklärt Neumann. „Das würde mich nicht inter­essieren. Ich denke mir meine Bühnenbilder erst einmal für mich aus. Sie müssen benutzbar sein, eine Stimmung gestalten, Offenheit haben und ein Geheimnis – und nicht zu vordergründig eine Idee transportieren, die man nach drei Minuten verstanden hat. Ein Theaterabend dauert ja bekanntlich auch länger.“

Wiederholung als Tabu

Auch wenn Neumann für eine bestimmte Ästhetik steht, darf sich für ihn ein Raum nicht wiederholen. So ist er schon längst auf Suche nach neuen Mitteln, abseits der ihm anhaftenden Etiketten. Derzeit etwa reaktiviert er Stilmittel aus der Theatergeschichte, untersucht, wie ursprüngliche Spielformen fürs Heute funktionieren könnten, indem er die Aufteilung zwischen Bühne und Zuschauerraum hinterfragt. Keine faden Modelle mit Textergänzung hat man sich demgemäß auch zu erwarten, wenn Bert Neumann seine erste eigene Personale gestaltet im Augarten Contemporary: Setting of a Drama (Eröffnung: 1. 6., 19 Uhr).

Festwochenstar

„Originalbühnenbilder hätten die Dimension der Räume gesprengt. Zudem ist das Ereignis Theater – und damit auch die Bühnenräume – flüchtig, lässt sich kaum adäquat abbilden durch Fotos oder Film.“ So konzentriert sich Neumann auf ein Zusammenspiel von Architektur, Theater, Film und Fotos, die der deutsche Maler Heinrich Zille um die Jahrhundertwende von Rummelplätzen gemacht hat. Thematisiert damit einmal mehr die offenbare Lüge dieser Illusion. „Das ist auch der Aspekt, der mich am Theater fasziniert.“ Zum Ausstellungsaufbau nach Wien kommt Neumann direkt von der Premiere „Nach Moskau, nach Moskau“. Castorfs Tschechow-Abend wird am 11. Juni auch bei den Wiener Festwochen zu sehen sein.

Interessante Peripherie

Wien selbst ist für den Bühnenbildner vor allem an der Peripherie interessant. „Auch im Prater halte ich mich gerne auf, egal ob er noch ursprünglich ist oder nicht, es geht ja um das Prinzip, die Diskrepanz zwischen Sein und Schein. Mich interessieren einfach Kontraste, verlogene Oberflächen, Widersprüchliches wie ein im 20. Jahrhundert gebautes Fachwerkhaus.“ Durchaus Zeichen der Zeit, wie Neumann analysiert: „Man tröstet sich heute gerne mit Oberflächen, die etwas versprechen. Aber solch Nostalgie muss man ernst nehmen, das ist ein ebenso starkes Bedürfnis wie Kitsch. All die Häuser am Land, die mit Baumarktmitteln hübsch gemacht wurden: bayrischer Balkon, Toskana-Flair – man kann sich alle möglichen Zitate an sein Haus kleben. Das sind sichtlich Phantomschmerzen.“

Auch sein Berliner Wohngebiet, der Prenzlauer Berg, sei mittlerweile total homogen geworden: „Altes wurde aussortiert oder begradigt, alles zudesignt. Klar schätzt man selbst die Vorteile, aber wildere Gegenden sind inspirierender. Aber das Abenteuer ist aus den westeuropäischen Städten verbannt. Dabei ist es weitaus entspannender, durch nicht so perfekte Hochglanzwelten zu laufen, man kann doch als Mensch diesen geglätteten Fassaden oft gar nicht genügen.“

Michaela Knapp

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