David Cronenberg verfilmt das historisch verbriefte Zerwürfnis zwischen Freud & Jung

David Cronenberg verfilmte das historisch verbriefte Zerwürfnis zwischen Sigmund Freud und C. G. Jung. Nicht nur deshalb ist „A Dangerous Method“ ein erstklassiger Psychothriller.

Keira Knightley renkt sich in der ersten Szene fast das Kinn aus. Dämonen scheinen ihr den Körper ganz fürchterlich zu verdrehen. Dass diese Symptome nicht mit Schock-Eisbädern, sondern durch Gespräche zu lösen sind, wirkt auf die Krankenhausbelegschaft eher obskur.

„A Dangerous Method“ erzählt von der Geburtsstunde der Psychoanalyse, einem völlig neuen Verhältnis zwischen Arzt und Patient. Dementsprechend lotet Knightley in der Rolle der russischen Jüdin Sabina Spielrein alle Handlungsmöglichkeiten aus: Zuerst bereitet sie ihrem Arzt, dem schweizerischen Psychoanalytiker C. G. Jung (Michael Fassbender), als hochintelligente Hysteriepatientin Kopfzerbrechen, dann als dessen impulsive Geliebte. Am Ende ist sie nicht nur von ihrem Arzt geheilt, sondern selbst zu einer der ersten Therapeutinnen der Welt gereift. Jung hingegen lässt sie zerrüttet hinter sich.

Wer die Filme des kanadischen Body-Horror-Spezialisten David Cronenberg („Die Fliege“) bislang aus Angst vor explodierenden Köpfen oder vor menschlichen Bäuchen, in die VHS-Tapes zum Abspielen geschoben werden („Videodrome“), vermieden hat, darf diesmal getrost das Kino aufsuchen. In einem eklatanten Stilbruch erzählt Cronenbergs „A Dangerous Method“ in hell ausgestalteten, freundlichen Bildern von einer Ménage à trois, in der Jung, Spielrein und Freud (Viggo Mortensen) von Verbündeten zu erbitterten Gegnern zwischen Zürich und Wien werden.

Carl Gustav Jung wird dabei als eifriger Anhänger von Freuds Lehre porträtiert, der, finanziert von seiner reichen Ehefrau, einem bourgeoisen Lebensstil am Zürichsee frönt und recht freimütig riskiert, die Grenzen der eigenen Arbeitsethik auch in einer amourösen Erfahrung auszutesten. Sehr zum Missfallen des disziplinierten Wissenschaftlers Freud, für den Mortensen sein Action-Image sprengt. Er setzt voller Ironie, wenngleich mit botmäßigem Einsatz von Zigarre, Melone und Vollbart, den Psychoanalytiker in Szene.

Dass sich mit diesen drei Vorstreitern der Moderne zugleich ein lebhaftes Porträt einer Gesellschaft mit all ihren moralischen und gesellschaftlichen Zwängen ergibt, ist dem präzisen Drehbuch von Christopher Hampton geschuldet. Er verfasste es auf Basis seines eigenen Stücks „The Talking Cure“, das mit Ralph Fiennes als C. G. Jung erfolgreich in London lief. Hampton gelingt das Kunststück, der sexuell verklemmten Zeit die passende Sprache zu verleihen, seine Akteure aber dennoch mit geschliffener, harter Rhetorik und dialogischer Effizienz auszustatten.

Schon Ende der 1970er-Jahre hatte Hampton übrigens Maximilian Schell die sarkastische Vorlage für dessen Verfilmung von „Geschichten aus dem Wienerwald“ geliefert. Auch wenn „A Dangerous Method“ lange vor den 1930er-Jahren endet, greift der Film späteren Ereignissen vor. Freuds Befürchtungen, die von ihm begründete Wissenschaft könnte durch die rabiaten Kräfte des Antisemitismus ausgelöscht werden, wurden just durch Jung selbst eingelöst. Er entwickelte die Psychoanalyse zu einer Art „arischen Okkultismus“, wie Cronenberg es ausdrückt. Erst sehr spät distanzierte er sich von den Nazis.

FORMAT-Interview mit David Cronenberg

– Gunnar Landsgesell

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