David Cronenberg im FORMAT-Interview

David Cronenberg über Grenzen der Psychoanalyse, C. G. Jungs Polygamie und den Arzt als Revolutionär.

FORMAT: In Ihrem Film scheint stets die Sonne. Wo ist der düstere, abseitige Cronenberg geblieben?

Cronenberg: Wenn ich einen neuen Film mache, sind meine bisherigen Arbeiten vollkommen irrelevant für mich. Viele Leute sind ja geradezu besessen von meinen früheren Horrorfilmen. Im Drehbuch von Christopher Hampton fand ich einen wunderbaren Film, da kann ich mich nicht darum kümmern, welche Qualitäten Leute an mir schätzen. Ich bin jetzt in einem neuen Abenteuer angelangt.

FORMAT: Fasziniert Sie Freud?

Cronenberg: Ja, Freud fokussierte erstmals auf die Verbindung zwischen menschlichem Körper und Psyche. Er interessierte sich auch für die Sexualität von Kindern und deren Beziehung zu ihren Exkrementen. Das war für die damalige Zeit völlig neu – und wurde als gefährlich empfunden. Genau deshalb wollte ich in diesen Film genau hineinhören. Was will er, welche Tonlagen und Bilder braucht er?

FORMAT: Ihr Film handelt aber weniger von Freud als von C. G. Jung und seiner Patientin. Jung ist bei Ihnen mehr Bohemien als ernsthafter Arzt.

Cronenberg: Jung ist sicherlich die treibende Kraft in dieser Ménage à trois. Mich interessierte aber auch die Geburtsstunde der Psychotherapie. Das Verhältnis, das die Psychiater zu ihren Patienten entwickelten, war völlig neu, geradezu revolutionär. Ärzte forderten ihre Patienten auf, ihnen als völlig fremden Personen Details über ihre erotischen Vorstellungen, ihre Ängste und Träume zu erzählen. Die Menschen empfanden das als Schock.

FORMAT: Heute würde ein Arzt ins Gefängnis kommen, nützte er die Beziehung zu einer Patientin aus.

Cronenberg: Genau, aber Jung ging es darum, seine eigenen Grenzen auszuloten. Wie befreit man andere von ihren Zwängen, oder auch sich selbst. Die Psychoanalyse überschritt ethische Grenzen, galt vielen gar nicht als Wissenschaft. Jung selbst war am Ende begeisterter Anhänger der Polygamie. Er empfahl sie auch seinen Patienten – als bessere, gesündere Art zu leben.

FORMAT: Wie bekannt ist er in Nordamerika?

Cronenberg: Er ist populär, vor allem in den 1960ern war sein spiritueller Ansatz beliebt. Freud wird vielleicht als zu pragmatisch empfunden, aber Jung genoss zeitweise die Verehrung einer religiösen Ikone.

FORMAT: Waren Sie für den Dreh erstmals in Wien?

Cronenberg: Ich kannte Wien aus Filmen wie „Der dritte Mann“. Überrascht hat mich vor allem die Größe dieser Stadt. Man spürt, dass sie Leute erbaut haben, die sich als Zentrum eines Imperiums fühlten.

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