Das neue Manns-Bild: Eine neue, sensiblere Generation geht dem Macho an den Kragen

Männlichkeit im Umbruch: Statussymbole haben langsam ausgedient. Man(n) geht auch in Krisenzeiten entspannter ans Tagwerk und lässt Gefühlen freien Lauf. Vorreiter und ihre Konzepte im Porträt.

Es ist ein sonniger Nachmittag mitten in einer ganz normalen Arbeitswoche. Peter Siegl (im Bild) spielt mit seinen beiden Kindern im weitläufigen Innenhof seiner Filmausstattungsfirma in der Wiener Schönbrunner Straße. Die beiden Holzpferde, die dazu auf der Wiese stehen, hat der Künstler und Geschäftsmann selbst zusammengezimmert. Sein dreijähriger Sohn Cosimo will reiten, vorher aber noch die Windel gewechselt haben. Die neunjährige Leonarde hätte gerne ein Eis. Alles kein Problem. Der Popsch wird ausgewischt, Eis für die Tochter – selbstverständlich ganz bio – ist auch schnell besorgt. Alles läuft sehr entspannt und mit entsprechendem verbalem Schmäh ab. Die Frau Mama befindet sich derweil in der Yoga-Stunde.

Der Archetyp hat ausgedient
Was vor zehn, fünfzehn Jahren nur schwer vorstellbar war, hat heute nicht unbedingt mehr Seltenheitswert. Natürlich, der Karrierist ist nicht ausgestorben, natürlich existieren – teilweise durch die Krise noch verstärkt – die „alten“ Ängste um Cash und Job, aber der Mann von heute steckt auch zurück, steigt vom Gas runter und entwickelt ein neues Rollenverständnis für seine Männlichkeit. Mit Soft Skills wie Sensibilität und Empathie wird freiwillig archaischen Machismen an den Kragen gegangen. Die Familie, das Glück der Kinder und eine gut funktionierende Beziehung rangieren in der persönlichen Prioritätenliste ganz oben. Verantwortung wird übernommen, auf Nachhaltigkeit beim Konsum Wert gelegt. Qualitativ verbrachte Freizeit ist wichtiger als ständiges und/oder unkontrolliertes Reinhackeln. Man bastelt sich im Setzkasten der ­Emotionen neue funktionierende Lebensentwürfe zusammen. Archetypische Männerbilder haben ausgedient. „Es gibt nicht mehr den einen Prototypen, sondern unterschiedliche Biografien“, erklärt ­Andreas Reiter, Trendforscher des ZTB Zukunftsbüro. Neu für Männer sei, dass klassische Lebensphasen – Ausbildung, dann Karriere und Familie – verschwimmen und biografische Schwerpunkte gesetzt werden. Der „Breadwinner“ – als uneingeschränktes Familienoberhaupt und Ernährer – hat als Role-Model ausgedient: partnerschaftliches Erwirtschaften und gemeinsame Versorgung, wobei Gefühls­arbeit und Hausarbeit gleich wichtig sind, wie Brötchen zu verdienen, ist die Zukunft.

Vier neue Mannsbilder
Das geht auch aus der „Männerstudie“ des Zukunftsinstituts Kelkheim hervor, die – so soll es sein – gleich auch noch vier neue Mannstypen ausformuliert. Der „Health-Hedonist“ ist ein neuer Typ Mann, der umweltbewusst und nachhaltig konsumiert. Er hat hohe Moralvorstellungen, auch sich selbst gegenüber. Er kauft biologische, hochwertige Lebensmittel, kocht am eigenen Herd, lebt entschleunigt, vergisst aber keineswegs auf sein Freizeitvergnügen. Auf Entschleunigung setzt auch der „Work-Life-Venturist“. Dieses Mannsbild hat erkannt, dass es schnell an die Kraftsubstanz geht, wenn man um jeden Preis beruflich aufsteigen will und bis zum Herzinfarkt malocht. Sein Lösungsansatz: mehr Autonomie bei der Arbeit; wenn’s nicht ins Wohlfühlkonzept passt, wird schon mal ein Auftrag nicht angenommen. Der Tausendsassa unter den Männern ist der „Everyday-Manager“, der mit Karriere, Kind und Kegel perfekt jonglieren kann. Damit verlässt er typische Bastionen des Mannseins und ist in der Krabbelstube den Kindergarten­pädagoginnen kein Unbekannter mehr. Wie ein Chamäleon verhält sich der „Self-Designer“, der sich ständig neu erfinden muss und so mehr oder weniger flexibel auf wechselnde sozioökonomische Rahmenbedingungen reagiert. Damit er in diesem Wirrwarr aus multiplen Alter Egos nicht den Blick auf sein Ich verliert, macht er sich auch mal gerne auf der Therapiecouch breit oder vollzieht Seelenstrips in Selbsthilfegruppen.

Die Suche nach Lebenssinn
„Vor 15 Jahren war es fast undenkbar, dass Männer sich mit ihren Problemen in Therapie begeben“, erzählt Psychotherapeut Herbert Gröger aus seinem Praxisalltag. Heute sucht der Macho von gestern professionelle Hilfe bei seinen Problemen, um so den neuen Anforderungen zu entsprechen. Der Druck auf Männer wächst, aber was erschüttert überhaupt ihr maskulines Fundament? Was lässt sie bei oberflächlicher Betrachtung wie Heul­susen und Weicheier wirken? Einen Grund für die Neuentdeckung der Sensibilität ­liefert Zukunftsforscher Andreas Reiter: „Das materielle Steigerungsspiel ist zu Ende, die Selbstverwirklichungs-Pirouetten sind gedreht. Die Suche nach Lebenssinn wird mehr denn je zur Triebfeder der Gesellschaft.“ Im Mittelpunkt des neuen Lifestyles stehen Freizeitaktivitäten wie Hobbys und Sport. „Die außerberufliche Sphäre ist genauso wichtig wie der Job selbst, Arbeit und Lebensqualität gleichwertig“, erklärt Peter Zellmann, Freizeitforscher. Der Wunsch nach Ausgleich und Abwechslung zieht sich quer durch alle Bildungs- und Berufsschichten. Zellmann erkennt darin aber keinen Weg zur hedonistischen Gaudi-Gesellschaft, getragen von Leistungsverweigerern – sondern ganz im Gegenteil eine selbstbewusste, auf Balance ausgerichtete Gesellschaft.

Not und Tugend
Neue Lebensqualität wird also nicht mehr ausschließlich materiell definiert. Wohl verstärkt die anhaltende Wirtschaftskrise die Tendenz zu diesem Wertewandel, denn die aus der Not geborenen neuen Arbeitswelten schaffen – oft anfangs verbunden mit Angst – neue Befindlichkeiten. So ist die Zahl der atypisch Erwerbstätigen in den letzten Jahren fulminant gestiegen. Mittlerweile verdienen 1,1 Millionen Menschen als geringfügig Beschäftigte, als Teilzeitarbeiter, als freie Dienstnehmer oder als neue Selbständige ihren Lebensunterhalt. Das sind um 65 Prozent mehr als im Jahr 2000. Im Detail: 2008 waren rund 23.000 Männer als neue Selbständige tätig. Acht Jahre zuvor waren es gut 13.400. Das Prekariat gibt vielen Männern bei ihrer Selbstfindung den Takt vor. Obwohl sich viele lieber in der Sicherheit eines 9-to-5-Jobs wiegen würden, wählen immer mehr Vertreter der neuen Generation auch gerne bewusst ­unverbindliche Arbeitsverhältnisse. Wie Daniel AJ Sokolov, der als freiberuflicher Journalist und Jurist seine Tätigkeiten nach Lust und Laune wählt. „Meine Freiheit ist mir wichtig, einen Job, der mich nicht anspricht, würde ich nie machen.“ Nach unermesslichem Reichtum strebe er nicht, er verdiene, was er zum Leben brauche und um seiner Leidenschaft, dem Weltenbummeln, zu frönen. Zudem geraten männliche Herrschaftsmonopole ins Wanken. Sexistische Testosteron-Bonzen wie Vladimir Putin befinden sich am absteigenden Ast. Mann muss sich mehr mit der Erosion des traditionellen Fami­lienmodells und dem steigenden Selbst­bewusstsein des ehemals „schwachen“ Geschlechts auseinandersetzen.

Männliche Metamorphosen
Das spiegelt sich auch in Kunst und Kultur wider, bekanntlich verlässliche Seismografen für gesellschaftliche Richtungswechsel. Den expliziten sexuellen Überzeichnun­gen in Romanen der Postfeministinnen wie Charlotte Roche („Feuchtgebiete“) oder der Schwedin Maria Sveland („Bitter­fotze“) entgegnen Männer auf ihre Weise. Noch nie wurde derart offen über Unzulänglichkeiten und Lebensunfähigkeit gejammert wie jetzt. Literarische Helden wissen nicht, wo sie hinwollen, was sie tun sollen und wo ihr gesellschaftlicher Platz ist. Sie wohnen wieder bei ihren Eltern, geben ziellos den antriebslosen Verlierertyp oder rollen detailliert ihre Vergangenheit auf. Kleine Gegenströmung: Jeder werdende Vater, der einigermaßen gerade Sätze formulieren kann, verarbeitet seinen neuen Lebensabschnitt zu einem Buch. So wird Kindererziehung – bei Müttern fast als Selbstverständlichkeit ­angesehen – von testosterongetriebenen Männern als „Leistung“ auf ihrem per­sönlichen Erfolgskonto verbucht. Auch in der Musik – seit jeher Ausdrucksmittel für das Feingefühl sensibler Zeitgenossen – wird ebenfalls auf hohem Niveau neuen Männerthemen Platz gemacht. Dennis Lisk, bekannt geworden unter dem Pseudonym Denyo als Rapper bei der Hip-Hop-Truppe Absolute Beginner, verarbeitet Empfindsamkeiten in seinen Texten, musikalisch weit weg vom Hip-Hop früherer Tage. „Der Stilwechsel zeigt meine Entwicklung. Über Emo­tionen lässt sich oft besser singen als rappen. Ein Vorteil ist, dass der Mann von heute ohne Scham zu seinen Schwächen stehen darf“, so der 32-jährige Hamburger, der nun übers Aussteigen, Loslassen und die Liebe in Zeiten der Wirtschaftskrise singt.

Der Macho-Papa-Spagat
Im Idealfall findet man(n) also irgendwann zu sich selbst, akzeptiert die feminine Seite seines Geschlechts und integriert sie in sein ­maskulines Wesen. Auch in der modernen Arbeitswelt sind Männer, die zu ihrer soften Seite stehen, gefordert, und der Druck auf sie wächst. Obwohl Frauen durch die Emanzipationsbewegung noch lange nicht gleichgestellt sind, kämpfen nämlich Männer mit ihrem Statusverlust als „starke“ Hälfte. „Viele Männer leben nun ihren Macho-Traum in Extremsportarten aus“, sieht Freizeitforscher Peter Zellmann eine der gängigsten Kompensationsmöglichkeiten. Initiativen wie „Ganze Männer machen Halbe-Halbe“ in den 80er-Jahren und Gleichbehandlungsgesetze, die Frauen immerhin bessere Berufs- sowie Aufstiegschancen ermöglichten, haben dem kollektiven Männerego kräftig zugesetzt. Heute muss ein Herr der Schöpfung den Spagat zwischen erfolgreichem Macho und fürsorglichem Vater am Herd meistern. Das wird von Frau erwartet. „Durch die Emanzipation ist der Mann gezwungen, ganzheitlicher zu agieren und stereotype Verhaltensweisen zu hinterfragen und abzulegen“, analysiert Psychotherapeut Herbert Gröger. „Dort, wo an männlichen Privilegien gerüttelt wird, macht sich aber dann doch Widerstand breit, und der Geschlechterkampf entfacht sich aufs Neue“, so der Experte in Geschlechterfragen.

Gesellschaftlicher Gegenwind
Privat agieren die Männer in Sachen Gleichberechtigung oft schon vorbildlich, in der rauen Arbeitswelt allerdings herrschen dann doch andere Regeln. Etwa bei der Väterkarenz. Theresia Gabriel, Arbeits­psychologin am Institut für humanökologische Unternehmensführung (IBG), wirft öfter einen Blick hinter betriebliche Kulissen. „Es ist nicht so, dass Männer nicht wollen, vielmehr stehen ihnen gesellschaftliche Vorurteile im Weg“, so die Psychologin. Hinzu komme, dass viele Betriebe gerade bei Väterkarenz keine Rücksichtnahme zeigen. „Ich kenne Fälle von Elternteilzeit bei Führungskräften, die wohl zu Mittag nachhause gehen können, aber in der Nacht noch einmal in die Firma müssen, um ihr Arbeitspensum zu erfüllen“, so Gabriel. Dies sei natürlich nicht Sinn und Zweck der Sache. „Daher ist es nicht verwunderlich, dass der Männeranteil bei Elternteilzeit nach wie vor gering ist“, sagt sie. Obwohl Väter in Österreich seit 1990 in Karenz gehen dürfen, waren laut Statistik Austria im Jahr 2008 lediglich 2,1 Prozent der insgesamt 122.500 Kindergeldbezieher männlich. In absoluten Zahlen: 2.600.
Hopfen und Malz ist beim Bausatz Mann trotzdem nicht verloren, schließlich vollziehen sich Paradigmenwechsel nicht über Nacht. „Was in der Gesellschaft passiert, ist ein dramatischer Wertewandel vom Industrie- zum Dienstleistungszeit­alter“, so Peter Zellmann. Die menschli­chen Adaptionen an geänderte Rahmenbedingungen, so der Experte, brauchen Zeit und erstrecken sich über zwei Generatio­nen: „Wir stecken mittendrin in diesem Prozess, die erste Hälfte des Übergangs ist bereits gemeistert!“ Gut für die Obamas, schlecht für die Putins dieser Welt.

Von Dina Elmani, Manfred Gram, Michaela Knapp und Birgitt Kohl

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