Das BA-Kunstforum zeigt die größte je in Europa gezeigte Frida Kahlo-Retrospektive

Frida Kahlo wäre heuer 103 Jahre geworden. Am 1. September kommt die bisher größte Retrospektive der charismatischen Mexikanerin ins BA-Kunstforum und demonstriert, warum deren Leben und Werk zwischen Leid & Leidenschaft nach wie vor die Massen fasziniert.

Gegen Ende der Frida-Kahlo-Schau im Martin-Gropius-Bau in Berlin nahmen die Besucher Wartezeiten von bis zu acht Stunden in Kauf, um die Werke der charismatischen Mexikanerin noch zu sehen. Insgesamt waren es über 235.000 Menschen. „Das wird“, so meint BA-Kunstforum-Chefin Ingried Brugger, „in Wien nicht passieren, dafür ist der Markt zu überschaubar.“ Dennoch darf mit einem Quotenhit gerechnet werden.

Schon der Vorverkauf läuft sensationell. „Frida Kahlo ist massentauglich geworden, hat einen Starfaktor, der weit über die Kunst hinausgeht“, analysiert die Expertin. „Sie hat sich in Selbstbildnissen wie auch auf Fotos inszeniert, diese Bilder haben sich in unser visuelles Gedächtnis gebrannt, sind unverwechselbar.“

In der Tat. Ob als die Schmerzensfrau, die Despotin, die Heilige oder die Stilbildende – es gibt kaum eine Künstlerin, die sich ein Leben lang so exzessiv selbst zum Motiv gemacht hat wie die Mexikanerin mit den markanten Augenbrauen und dem frivolen Damenbart.

Fridamania

Die große Anziehungskraft Kahlos ist nach Einschätzung Bruggers nicht allein durch ihre Kunst, sondern auch durch ihr bewegtes Leben zu erklären: zwei turbulente Ehen mit dem Maler Diego Rivera, zahlreiche Liebschaften, die Schmerzensgeschichte eines lädierten Körpers, den sie selbst ins Ästhetische zu stilisieren versuchte. „Das erhöht den Reiz enorm und interessiert heute mehr denn je, denn“, so die Expertin, „unsere mediale Gesellschaft braucht Stars, und Frida Kahlo ist als Star besetzbar.“ Das hat auch Hollywood erkannt und der „Fridamania“ mit der Verfilmung des Lebens der Künstlerin 2002 einen weiteren internationalen Schub beschert. Salma Hayek schlüpft darin in die – sehr geschönte – Rolle Kahlos.

Die dramatische Lebensgeschichte der Künstlerin, die 1954 mit nur 47 Jahren an Lungenembolie starb, ist also weltweit bekannt. Ihr Busunfall mit 17 Jahren, der sie ins Korsett zwang und zum Morphium brachte, weil eine Eisenstange ihren Leib durchbohrt hatte; ebenso ihre On-and-off-Beziehung mit dem übermächtigen Künstlergatten Diego: ein Frauenheld, dick, groß und über 20 Jahre älter, der sie mit ihrer eigenen Schwester betrog.

Als „Malerin des Leidens“ hat sie ihre Schicksalsschläge auf der Leinwand verarbeitet. Eine Powerfrau, die ihre Schmerzen auch im Suff oder in exzessiven Affären – wie jene mit dem russischen Revolutionär Leo Trotzki oder dem Berliner Kunstsammler Heinz Berggruen – betäubte. Diese Kraft, ihr Leben trotz Tragik in vollen Zügen zu genießen, sowie ihre Zugehörigkeit zur politischen Linken führten auch dazu, dass Kahlo seit den 80er-Jahren in den USA als Galionsfigur der Frauenbewegung und Identifikationsfigur der mexikanischen Kultur gilt.

Frida ist Kult, Frauen haben ihre Frisur und ihren Modestil kopiert, sie ist zur Marke einer enormen Merchandising-Maschinerie geworden. Ihr Haus im Stadtteil Coyoacán gehört zu den meistbesuchten Museen in der mexikanischen Hauptstadt. Die Erben des Namens vermarkten als „Frida Kahlo Corporation“ den Namenszug auf Tequilafllaschen, T-Shirts und Taschen. In Anlehnung an das medizinische Stützkorsett, das die junge Frida tragen musste, hat man jüngst sogar ein 1.500 Dollar teures, kristallbesetztes Korsett auf den Markt gebracht.

Auch die Kahlo-Gemälde erzielen heute Rekordpreise. Drei besitzt etwa Popstar Madonna, die auch als Käuferin der Kahlo-Arbeit „Wurzeln“ vermutet wird, die 2007 für 5,6 Mio. Dollar von Sotheby’s New York versteigert wurde. Später Ruhm für eine Künstlerin, die zu Lebzeiten „im Schatten ihres berühmteren Künstlergatten stand“, wie Brugger den Mythos vom beispielhaft unabhängigen Leben zurechtrückt: „Frida Kahlo hat eigentlich in einer überschaubaren Welt gelebt. Sie hat Teil gehabt an intellektuellen Auseinandersetzungen, kannte viele Persönlichkeiten.

Dennoch war Diego Rivera der ‚berühmte Künstler‘ und sie, salopp formuliert, die ‚Hutblume‘.“ Eines sei sie jedoch nie gewesen: eine naive Künstlerin. „Das Naive ist sehr wohl gesetzt. Sie kennt die Strategien der Moderne.“ Auch dieser Wechsel zwischen Authentizität und Rollenspiel wird in der Ausstellung thematisiert.

Die Schau, die in Kooperation mit dem Gropius-Bau Berlin entstand, ist vor allem als logistische Großtat zu sehen. Denn umfassende Kahlo-Ausstellungen zu realisieren ist schwierig. In Mexiko gilt sie als nationales Kulturerbe, die Ausfuhr der Werke ist unmöglich. Das Werkverzeichnis selbst zählt lediglich 143 Gemälde. Kaum ein deutsches Museum besitzt Werke. Man war also großteils auf amerikanische Privatsammler angewiesen. Die Präsentation umfasst – bei einer Versicherungssumme von 400 Mio. Euro – 60 Gemälde und 90 Arbeiten auf Papier. Zu sehen sind teilweise noch nie gezeigte Arbeiten, die auch unbekannte Seiten der Künstlerin offenlegen, etwa sexuelle Fantasien oder humorvolle Bildspiele – ergänzt durch Dokumentationsmaterial, das Fridas Großnichte, die Fotografin Cristina Kahlo, zusammengestellt hat. Der dominanten Ausstrahlung der Künstlerin kann man hier keinesfalls entkommen.

– Michaela Knapp

„Frida Kahlo“ im BA-Kunstforum:
Die in Kooperation mit dem Martin-Gropius-Bau Berlin entstandene Schau ist die größte je in Europa gezeigte Kahlo-Retrospektive. Mit 150 Arbeiten versucht man einen Blick hinter die Ikonisierung des Werkes.

Eine Neuentdeckung sind etwa die Zeichnungen aus der Jacques & Natasha Gelman Collection, die erstmals in Europa zu sehen sind: düstere Psychogramme, die an Ensor oder Kubin erinnern.

BA-Kunstforum
Eröffnung: Di., 31. 8., 18.30 Uhr
Ticketvorverkauf: www.bankaustria-kunstforum.at

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