Daniel Glattauer: Der 51-Jährige ist Österreichs erfolgreichster Autor

Mit über zwei Millionen verkauften Büchern ist Daniel Glattauer Österreichs erfolgreichster Schriftsteller. Porträt eines sehr entspannten Bestsellerautors, dessen neuer Roman Ende Jänner in den Buchhandel kommt.

Die Journalistin, die aus Frankfurt anreiste, hatte per E-Mail bei Daniel Glattauer angefragt, ob er ihr eine Beschreibung seiner selbst schicken würde, durch die sie ihn im Wiener Café Schottenstift erkennen könne. Die Antwort folgte tags darauf – in Form einer Liste. Als Punkt 6 seiner Selbstbeschreibung stellte Daniel Glattauer der FAZ-Redakteurin sich selbst als „einen recht freundlichen und entspannt wirkenden Mann mit relativ wenigen, dafür aber bereits leicht grauen Haaren und einer markanten, dunkel umrandeten Brille“ in Aussicht. „Er wirkt“, beschrieb er sich weiter, „trotz seines fortgeschrittenen Alters im Wesen eher studentisch“ und „trägt ganz bestimmt kein Sakko“.

Anhand dieses unprätentiösen Steckbriefs lässt sich Daniel Glattauer immer noch kinderleicht identifizieren. Ort der Handlung fürs FORMAT-Gespräch: ein anderes Wiener Kaffeehaus, das „Eiles“. Nicht, dass Glattauer sich in Wien unter Wienern, geschweige denn unter Wiener Journalisten, erst lang selbst beschreiben müsste, damit man weiß, wer er ist. 20 Jahre lang war der 51-Jährige selbst Journalist, vor allem beim „Standard“, schrieb Seite-1-Kolumnen und Gerichtsreportagen. Erst seit zwei Jahren ist er nur mehr Schriftsteller.

Sein Erfolg hat ihn, wenn man so will, rasant überholt. Wenn sein Verlag Deuticke dieser Tage auf Nachfrage mitteilt, dass Glattauers jüngster Kolumnenband – Titel: „ Mama, jetzt nicht! “ – bei einer Verkaufszahl von „mehr als 30.000“ Exemplaren stehe, darf man davon ausgehen, dass andere Autoren angesichts dessen vor Glück schluchzen würden. Für Daniel Glattauer sind das Peanuts. Nicht, dass er das so sagt. Er denkt es sicher auch nicht. Es ist nur ganz einfach so.

Mehr als zwei Millionen Exemplare haben sich nämlich allein von Glattauers E-Mail-Romanen „Gut gegen Nordwind“ (2006) und „Alle sieben Wellen“ (2009) verkauft, Lizenzausgaben davon erschienen in mehreren Dutzend Ländern und Sprachen. Dazu kommen mindestens ebenso viele Theaterinszenierungen des Stoffs im In- und Ausland, außerdem höchst erfolgreiche Hörbuchfassungen.

Unaufgeregt

Fragt man Daniel Glattauer danach, ob ihn der steile Erfolgskurs seiner letzten Jahre nicht mitunter auch gehörig in Schwindel versetzt habe, sagt er: „Der Erfolg ist für mich eigentlich ziemlich weit draußen. Die größte Veränderung ist, dass ich vom ‚Standard‘ weg bin.“ Er lebt, erzählt er, in einem ziemlich abgeschlossenen sozialen Umfeld, mit seiner langjährigen Frau und ein paar engen Freunden. „Das hat sich nicht verändert.“ Und sonst? Ja, klar, er freut sich, und natürlich macht ihn der Erfolg unabhängig und sorgenfrei, aber zufrieden ist er vorher auch schon gewesen. „Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass ich erfolgreich unterwegs bin. Alles, was ich gemacht habe, ist immer gut angekommen.“ Der Einwand, dass sich die Dimensionen inzwischen doch beträchtlich verändert hätten, gilt für ihn nicht. „Ich bin eher Zuschauer meines eigenen Erfolgs“, sagt er. Am meisten falle ihm auf, dass die Leute immer mehr von ihm wollen, während er selbst eher eine ziemlich private Person sei. Insgesamt aber: alles bestens.

So viel Unaufgeregtheit und Zurückhaltung reizt zur Nachfrage. Aber es nützt nichts: Da kommt nichts anderes als Gelassenheit. Überhöhungen und Mystifizierungen sind nicht Glattauers Sache. Schon gar nicht, wenn es um die eigene Person geht. Auch dass ihn die heimische Presse eher als einen Kollegen sieht, also als einen, der schreibt, und nicht als einen, „über den man schreibt“, findet er nicht weiter unangenehm. Das erlaubt ihm ein ruhiges Leben. Zumal er sich international nicht über zu wenig Aufmerksamkeit beklagen kann.

Auch das nicht selten geringschätzig gebrauchte Label „Unterhaltungsliteratur“ für seine Bücher kratzt ihn nicht weiter. „Ich glaube, dass ich immer schwerer zu kränken bin“, sagt er dazu entspannt. Und dass er als großer Frauenversteher gilt, stört ihn nur unter dem Gesichtspunkt, dass man einem solchen ja unterstelle, unter dem Deckmäntelchen der Anteilnahme eigentlich ganz andere, weniger edle Absichten zu hegen. „Ich bin halt ein guter Zuhörer, und mein Interesse am Zuhören wird von Frauen öfter in Anspruch genommen als von Männern.“ So einfach ist das. Hier hat einer offenbar schon lange, bevor ihn ein gigantischer Erfolg ereilte, ziemlich nachhaltig zu sich selbst gefunden.

Durchbruch mit E-Mail-Roman

Gut, Glattauer war auch schon Mitte 40, als ihn seine Geschichte über Emmi Rothner und Leo Leike, die sich über eine fehlgeleitete E-Mail kennen und weitere Hunderte Mails später auch lieben lernen, zum Superstar machte. Es war ein spritziger, witziger, erotisch aufgeladener Schlagabtausch in zwei Bänden, der das klassische Genre des ausschweifenden, schwelgenden Briefromans um die rascheren Tempi der elektronischen Korrespondenz erweiterte, in dieser Abwechslung einen ganz neuen Rhythmus fand und dabei einen Sog entwickelte, dem sich kaum jemand, der einmal mit dem Lesen angefangen hatte, entziehen konnte.

Erst empfahlen ihn Buchhändler weiter, dann Leser und vor allem Leserinnen untereinander, schließlich lobten ihn Volker Hage im „Spiegel“ und Elke Heidenreich in ihrer TV-Büchersendung und traten damit eine Lawine los, die in Wahrheit bis heute nicht zum Stillstand gekommen ist. Von Korea bis Brasilien, von Russland bis China wollte man wissen, ob sich Emmi und Leo am Ende doch noch kriegen. Und wenn ja, in welcher Weise sie die Kurve von der virtuell gesteigerten Überreizung ins Reale kratzen würden.

Sogar auf einem Vulkangipfel in Costa Rica, den Glattauer dieses Jahr im Urlaub erklomm, fand er auf 3.000 Meter Seehöhe im Souvenirshop eines seiner Emmi-und-Leo-Bücher. Und nur selten musste er sich – wie von einem todernsten spanischen Journalisten am Ende eines langen Interviews – die irritierte Frage stellen lassen: „So, und wieso brauchen die zwei Bücher, bis sie endlich miteinander ins Bett gehen?“

Die Frage ist ja nicht ganz unberechtigt. Umgekehrt kann man natürlich sagen: Das ist ja gerade der Witz daran. Denn „Gut gegen Nordwind“ und „Alle sieben Wellen“ sind eine zweibändige Liebesgeschichte, die justament von Verzögerungen und Aufschüben lebt, von Sprachwitz und von raffinierten Tempowechseln. Tempo, sagt Daniel Glattauer, habe er immer schon gemocht. Bei seinem Schreiben „muss was weitergehen“. Ansonsten sieht er sich „nicht als Literat, sondern als schreibverliebter Geschichtenerzähler“ mit sehr viel Sinn für Pointen, Witz und Humor.

Ob in seinen Kolumnen, die zumeist österreichische Befindlichkeiten und Sprachbesonderheiten, Alltagsbegebenheiten oder – auch ein Glattauer’sches Leibthema – Wetter und Jahreszeiten thematisierten, oder in seinen Romanen: Es darf und soll gelacht werden. Auch dort, wo es vordergründig gar nicht so komisch zugeht. „Das ist nicht zynisch, sondern entlastend“, sagt er über das Lachen in wenig heiteren Lebenslagen. Wenn Glattauer, der sich selbst durchaus nicht als Weltverbesserer sieht, überhaupt ein Credo hat, dann das, dass man in jenen Stunden, in denen man sich lesend gut unterhalten fühlt, nicht zur Mehrung des Bösen und Schlechten in der Welt beitragen kann. Und das ist ja immerhin nicht nichts.

Beziehungsexperte

Beziehungsgeschichten sind von jeher Glattauers zentrales Thema. Immer schon, sagt er, habe er sich für Menschen interessiert und wissen wollen, was sie zu dem macht, was sie sind, und tun lässt, was sie tun. Unter dramatischen Umständen wie im Gerichtssaal ebenso wie unter idealromantischen im Rahmen einer Liebesbeziehung. Im Grunde, sagt er, gibt es wenig, was er nicht verstehen könne. Aus diesem Interesse für Menschen entwickelten sich seine ausgeprägte Beobachtungsleidenschaft und sein präzises Auge. Daraus wiederum die Grundlage fürs Schreiben guter Geschichten.

Wenn dann auch noch eine große Liebe zu Sprachmelodie und geschliffenen Formulierungen dazukommt, hat man in etwa alle wichtigen Zutaten für Glattauers Schreiben versammelt. „Das, was mich im Schreiben und im Denken am allermeisten prägt, ist das Beiwohnen bei erzählten Lebensgeschichten“, sagt Glattauer. Einen ganz besonders guten Einblick ins Leben bekomme man dort, „wo etwas schiefgegangen ist“.

Damit ist man in gewisser Weise auch schon bei Glattauers neuem Roman „ Ewig Dein “, der Ende Jänner 2012 erscheint. Dass dieser von seinen Fans bereits sehnsüchtig erwartet wird, ist eine hohle Phrase, die im speziellen Fall zutrifft. Nur: Diesmal wird es kein E-Mail-Liebesroman sein. Eher, so sagt er, ein „Liebes-Psycho-Roman“. Denn in „Ewig Dein“ gerät eine Liebesgeschichte nach und nach aus der Balance, weil einer die nicht enden wollenden Wohltaten des anderen zunehmend als Einschränkung und Belastung empfindet. Die Idee zu dem Buch hatte Glattauer unmittelbar nach seinem ersten E-Mail-Roman, ließ sie dann aber zugunsten des zweiten Teils der Emmi-und-Leo-Geschichte noch etwas ruhen.

Eine Reihe von Stalking-Prozessen, die er in seiner Zeit als Gerichtsreporter miterlebt hat, standen genauso Pate für „Ewig Dein“ wie eigene Erlebnisse mit entfesselten weiblichen Fans, die ihm eine Zeitlang auflauerten, ihn mit Botschaften bombardierten und abpassten. Auch wenn er selbst keine Angst empfand, sagt er, weiß er doch aus seiner Gerichtsreporterzeit, dass „Stalking eine Art von Beklemmung bedeutet, die anders ist als vieles andere und extrem beängstigend sein kann“. Insofern hat man es hier mit einem anderen Glattauer- Beziehungsthema zu tun als zuletzt.

„Ein Prozentsatz der Leser wird sicher enttäuscht sein, weil sie wieder etwas Schönes wie in den E-Mail-Romanen lesen wollen“, glaubt er. Er selbst hält dieses nächste Buch für nicht weniger Glattauer-typisch als alle bisherigen. Was er mit diesem neuen Roman noch erreichen will, ist eine Frage, die er ganz einfach beantworten kann: „Es geht mir nicht darum, den Erfolg zu toppen. Mein Einsatz sollte nur irgendwie zurückkommen. Ich will, dass das Buch als spannend empfunden wird.“ Na, wenn es sonst nichts ist.

– Julia Kospach

Daniel Glattauer - Mama, jetzt nicht!
(Deuticke, € 17,90)
Kolumnen aus dem Alltag mit Ironie und viel Schmäh beobachtet, vom Familienleben über Handyterror bis zum Älterwerden.

Daniel Glattauer - Ewig Dein
(Deuticke, € 17,90)
In dem Liebes-Psycho-Roman gerät eine Liebesgeschichte nach und nach aus der Balance und wird zur Stalking-Story. Ab Ende Jänner!

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